REUTERS/Francois Lenoir

Anschläge in belgischer Hauptstadt

Zielscheibe Brüssel

von Niklaus Nuspliger / 22.03.2016

Wenige Tage nach der Festnahme von Salah Abdeslam kommt es am Brüsseler Flughafen und in einer Metro-Station zu Explosionen. Brüssel ist nicht zum ersten Mal Zielscheibe von Attentaten.

Noch ist nicht bestätigt, was am Dienstagmorgen kurz vor 8 Uhr genau zu den beiden Explosionen am Brüsseler Flughafen Zaventem in der Region Flandern geführt hat. Erste Bilder und Berichte zeugen von erheblichen Detonationen im Check-in-Bereich, Teile der Decke scheinen heruntergefallen zu sein, und die an den Parkplatz und das Hotel Sheraton angrenzende Glaswand ist teilweise zerborsten. Es gab mindestens 13 Tote und Dutzende von Verletzten. Die Berichte über Explosionen in einer Metro-Station mitten im Europa-Viertel kurz nach 9 Uhr erhärten den Verdacht, dass Brüssel am Dienstag Ziel eines koordinierten Terror-Anschlags geworden ist. Die belgische Regierung hat die Terrorwarnung für das ganze Land auf die höchste Alarmstufe 4 hinaufgesetzt.

Wenige Tage Fahndungserfolg

Es ist nicht das erste Mal, dass Brüssel im Zentrum der Terrorgefahr steht. Die Anschläge von Paris von 13. November wurden maßgeblich von einer Zelle in der belgischen Hauptstadt geplant. Erst am Freitag war es den belgischen und französischen Ermittlern nach vier Monaten gelungen, im berüchtigten Quartier Molenbeek einen der Hauptverdächtigen von Paris, Salah Abdeslam sowie einen wichtigen Komplizen festzunehmen – beide haben bei der Planung der Anschläge in der französischen Hauptstadt offenbar eine tragende Rolle gespielt.

Am Montag hatte der zuständige belgische Staatsanwalt Frédéric van Leeuw betont, dass die Terrorgefahr trotz der spektakulären Festnahme Abdeslams nicht gebannt sei. Noch ist nicht bestätigt, dass es sich bei den Explosionen vom Dienstag tatsächlich um dschihadistisch motivierte Attentate handelte. Doch scheint es, als sei der Terror kurz nach dem großen Fahndungserfolg vom Freitag nach Brüssel zurückgekehrt. Nach wie vor sind Mitglieder von Abdeslams Zelle auf freiem Fuß, und die Behörden hatten bei unzähligen Hausdurchsuchungen teilweise auch Waffen, Flaggen des Islamischen Staats sowie Bücher mit salafistischer Propaganda sichergestellt – was nicht nur beim belgischen Außenminister Didier Reynders die Vermutung nahe legte, dass weitere Anschläge geplant sein könnten.

Vereinzelt ist bereits die spekulative Hypothese einer Vergeltungsaktion von Komplizen nach Abdeslams Festnahme zu hören. Möglich wäre auch, dass am Dienstag ein ganz anderes Netzwerk zur Tat geschritten ist, denkbar ist und dass die jüngsten Aktionen von langer Hand geplant waren. Denn die belgische Hauptstadt ist nicht nur eine symbolträchtige Zielscheibe, da sie die EU-Institutionen beherbergt und ein Zentrum der europäischen und internationalen Politik darstellt. Brüssel gilt vielmehr auch als Europas Hauptstadt dschihadistischer Zellen.

Hauptstadt des Dschihadismus

Aus keinem anderen europäischen Land sind proportional zur Bevölkerung so viele junge Männer und Frauen nach Syrien gereist, um sich Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat anzuschließen. Die Zahl der Syrien-Gänger beziffert das Innenministerium auf 441, 117 von ihnen sollen nach Belgien zurückgekommen sein. Die Integrationsprobleme und die Perspektivenlosigkeit für Jugendliche in Quartieren wie Molenbeek in Brüssel sind bekannt. Den belgischen Behörden ist oft Nachlässigkeit vorgeworfen worden.

Ein erster dschihadistisch motivierter Anschlag ereignete sich im Mai 2014, als ein aus Syrien zurückgekehrter Franzose ins jüdische Museum in Brüssel eindrang und mehrere Personen erschoss. Nur Wochen nach den Anschlägen auf die Redaktionsstube der Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris im Januar 2015, konnten die belgischen Sicherheitsbehörden in der Stadt Verviers nach einer spektakulären Anti-Terror-Aktion mehrere Personen dingfest machen, die in Belgien Anschläge verüben wollten. Nach den Anschlägen von Paris wurde in Brüssel über mehrere Tage hinweg der Ausnahmezustand verhängt, es gab spektakuläre Razzien, aber ein Attentat ereignete sich nicht.

Bereits haben sich die Brüsseler an die erhöhte Präsenz von Soldaten und Polizisten in den Straßen gewohnt – doch die verschärfte Wachsamkeit konnte offenbar nicht verhindern, dass der Terror am 22. März 2016 mit voller Wucht nach Brüssel zurückgekehrt ist.