Jean-Marc Loos / Reuters

Zum Tod von Shimon Peres: Spät gewürdigter Friedensfürst

von Ulrich Schmid / 28.09.2016

In Israel ist im Alter von 93 Jahren der Politiker Shimon Peres in der Nacht auf Mittwoch gestorben. Der angestrebte Friede mit den Palästinensern gelang ihm nicht. Im Alter aber wurde er in Israel sehr verehrt.

Wenn er sprach, bannte er sein Publikum mit sonorer Stimme und pastoral leuchtendem Blick, auch im Alter. Integrität war sein Markenzeichen. Irgendwie glaubte man ihm oder wollte ihm glauben. Shimon Peres, Friedensnobelpreisträger, Chef der Arbeitspartei, Ministerpräsident und Staatschef, war für viele Israeli und viele Menschen weltweit so etwas wie die Verkörperung des guten israelischen Politikers, und dass ihn so manche Kritiker, vor allem die im rechtsnationalen Lager, hart angriffen, stand ihm ganz gut zu Gesicht. Begriffe wie Ranküne, Falschheit und Arglist passten nicht zu ihm. Zu heutigen israelischen Führern passen sie besser.

Viel Feind, viel Ehr

Nicht, dass er alle hinter sich geschart hätte. Er hatte Gegner und Feinde, im Inneren wie im Äusseren. Den Friedensnobelpreis erhielt Peres 1994 zusammen mit Yasir Arafat und Yitzhak Rabin für seinen Einsatz im Oslo-Friedensprozess. Und da dieser Prozess in Israel bis heute enorm umstritten ist, wurde er oft hart kritisiert. Viele Israeli sind der Ansicht, man habe den Palästinensern zu viele Konzessionen gemacht und sie dadurch zu ihren blutigen Aufständen und ihrem Maximalismus gleichsam ermuntert.

Es ist ein Zwist, der das Land bis heute spaltet. Netanyahu und sein damaliger Verbündeter Avigdor Lieberman warfen Peres 2012 vor, was die palästinensische Krise angehe, habe er „den Kontakt zur Öffentlichkeit“ verloren. Auch der Rechtsnationalist und Freund der Siedler Naftali Bennett konnte nie viel mit Peres‘ Kompromissbereitschaft anfangen. Als Peres 2013 in Jordanien den Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas offen als Partner ansprach und neue Verhandlungen anregte, sagte Bennett, die meisten Israeli verstünden, dass ein Rückzug in die Grenzen vor 1967 den „Terror der Hamas in die Städte mitten in unserem Land importieren“ würde. Die Ultraorthodoxen mochten ihn nie und begannen ihn zu hassen, als er 2011 die säkulare Mehrheit aufforderte, sich endlich „aus den Klauen“ dieser extremistischen religiösen Minderheit zu winden. Haredi hatten „unbescheiden“, also für ihren Geschmack allzu freizügig gekleidete Mädchen und deren Mütter als Huren beschimpft, angepöbelt und bespuckt. Doch auch auf der ganz linken Seite des politischen Spektrums wurde Peres nicht verschont. Als Zeitungen letztes Jahr meldeten, er werde für Hapoalim, die grösste Bank Israels, für 30 000 Dollar monatlich Werbung machen, liess Zehava Galon von der linkssozialistischen Meretz-Partei verlauten, so sehr sie Peres als Kämpfer für die gute Sache bewundere, so sehr bedaure sie diesen Entscheid. Als einstiger Präsident dürfe sich Peres eben nicht benehmen wie ein gewöhnlicher Bürger.

„Blutbefleckter Langlebiger“

Bei den Arabern überwiegt die Kritik. In Ramallah mag es Politiker geben, die Peres respektieren und ihm guten Willen attestieren. An die grosse Glocke gehängt hat dies allerdings noch keiner – man tut derlei nicht in Palästina, man machte sich damit Feinde. Dass Mahmud Abbas, der Palästinenserpräsident, Peres Netanyahu vorzieht, steht fest. Den wahren Wogen an Freundlichkeiten, die Peres auf Abbas niedergehen liess, konnte sich dieser nie ganz entziehen, und solchermassen weichgeklopft zeigte er in der Öffentlichkeit Gesten, die man als Form der Zuneigung werten kann. Viele Araber aber glauben, Peres habe getäuscht, getrickst und gelogen. Es sei ihm gelungen, sich als Taube darzustellen, liess Basel Ghattas, ein arabischer Knessetabgeordneter, verlauten. In Wirklichkeit sei Peres ein Tyrann gewesen, verantwortlich für unzählige „Verbrechen und Kriegsverbrechen gegen uns“. Eine „Säule des zionistischen kolonialen Projekts“ sei der Architekt der Osloer Abkommen gewesen, einer der verachtenswürdigsten, grausamsten, radikalsten“ und dazu auch noch „langlebigsten“ Führer dieses Projekts, sagte Ghattas. „Unser Blut bedeckt ihn von Kopf bis Fuss.“

Assistiert wurde Ghattas aus Gaza von der Hamas. Peres verlasse diese Welt „mit dem Blut der Kinder von Kana und Gaza“ an den Händen, schrieb der Hamas-Politiker Salah Bardawil. Er nahm damit Bezug auf die Waffengänge zwischen Israel und der Hamas und, im Falle von Kana, auf die Zerstörung des Unifil-Hauptquartiers 1996 in Südlibanon, bei dem über hundert Menschen ums Leben kamen. Peres war damals Regierungschef, er hatte die Aktion angeordnet. Wo er auch hingekommen sei, habe Peres das Kleid des Friedens getragen, schrieb Bardawil. Darunter versteckt gewesen sei jedoch stets der „Dolch des Betrugs“.

Sozialistische Härte

Die Kriegsgurgel, die Ghattas und Bardawil in ihm sehen, war Peres gewiss nicht. Als naive Taube kann man ihn allerdings auch nicht beschreiben. Mit ihm war Friede nur auf der Grundlage von militärischer Stärke und Sicherheit zu haben. Doch er begann durchaus als Falke, und das liess seine späteren Friedensanstrengungen exakt wie bei Menachem Begin umso spektakulärer aussehen. Als Verteidigungsminister und Nachfolger Moshe Dayans in den siebziger Jahren versagte sich Peres jede Konzession an die arabischen Staaten. In den Fünfzigern war er der eigentliche Waffenbeschaffer des jungen, belagerten Staats. Als Generaldirektor des Verteidigungsministeriums schloss er Geheimverträge mit Deutschlands Verteidigungsminister Franz Josef Strauss ab, und 1996 zögerte er nicht, als Regierungschef nach Raketenangriffen des Hizbullah den bereits erwähnten Vorstoss nach Libanon zu befehlen. Dass er nach der Einwanderung aus Polen im Kibbuz gearbeitet hatte, dass er seit seinem 16. Lebensjahr Sozialist, Sozialdemokrat, Gewerkschafter und zweimal Vizechef der Sozialistischen Internationalen war – all das mag man in Europa als Widerspruch zu seiner gelebten Militanz empfinden. Nicht in Israel. Das junge, sozialistische, zionistische Projekt Israel war wehrhaft. Peres hat diese Wehrhaftigkeit verkörpert.

Netanyahu, die Nemesis

In der Politik war Peres omnipräsent. Er hatte mehrere Ministerposten inne und war zweimal Regierungschef. Seine Mässigung – Konversion kann man es nicht nennen – kam in den Achtzigern, als er die Ansicht zu äussern begann, es genüge nicht, die Palästinenser mit Krieg zu überziehen, man müsse mit ihnen reden. Dass er diesen Worten zum Trotz 1996 die Operation „Früchte des Zorns“ gegen Libanon auslöste, dürfte viel dazu beigetragen haben, dass er die Ministerpräsidentenwahl gegen Benjamin Netanyahu verlor. Es fehlten ihm die Stimmen der Palästinenser.

Die Wahlniederlage wurde zur politischen Zäsur. Seither dominiert in Israel, wenn auch mit Unterbrüchen, der Likud-Mann Netanyahu, Nemesis und Antipode Peres‘ zugleich. Anders als Peres hält Netanyahu von schönen Worten nichts und vertraut niemandem, am allerwenigsten Politikern vom Schlage eines Arafat oder eines Mahmud Abbas. Letzteren hatte Peres noch im Januar als „mutigen Mann“ bezeichnet, als Politiker, der den Frieden wolle und den Terror bekämpfe. Viele Israeli, irritiert und ungläubig verfolgend, wie Abbas getötete Messerstecher zu Märtyrern erklärt, können dem greisen Staatsmann in diesem Punkt nicht folgen.

Im Bund mit Sharon

Nach seiner Niederlage gegen Netanyahu wurde Peres zum eigentlichen Gesicht der israelischen Friedensbewegung. Er beerbte in dieser Rolle den ermordeten Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, der mit ihm die Osloer Friedensverträge ausgearbeitet hatte und der heute, genau wie Peres, wegen seiner Konzessionsbereitschaft von Rechtsnationalen und jüdischen Extremisten als Schwächling, ja als Verräter eingestuft wird. Auch an Peres blieb das fatale Scheitern „Oslos“ hängen wie Blei. Er suchte nach Alternativen ausserhalb der etablierten Politik. 1997 gründete er das „Peres Center for Peace“, ein NGO, das Juden und Araber zusammenbringen soll. Er setzte sich weiter für die Zweistaatenlösung ein, und ostentativ machte er als Vizeregierungschef in der „Regierung der nationalen Einheit“ mit, die Ariel Sharon 2005 bildete, um den Rückzug aus dem Gazastreifen auf möglichst breiter Basis durchzusetzen. Im gleichen Jahr trat Peres nach 60 Jahren Mitgliedschaft aus der Arbeitspartei aus und schloss sich Sharons Kadima-Partei an. Sharon war von rechts, vom Likud, gekommen, Peres von links. In der Mitte traf man sich. Anhaltender Erfolg sollte weder der Partei noch ihren Protagonisten beschieden sein.

Chancenlos als Regierungschef im immer stärkeren Trend nach rechts, strebte Peres nach dem höchsten Amt im Staat. Bereits 2000 hatte er an der Präsidentenwahl teilgenommen, er verlor sie gegen Moshe Katzav. 2007 trat er wieder an, gewann und verlieh dem Amt nach ziemlich einhelliger Meinung der israelischen Presse wieder Würde, ja Glanz. Katzav, der 2010 wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung ins Gefängnis geworfen wurde, hatte es schwer besudelt. Der weitgehend zeremonielle Posten war wie geschaffen für den milden, ausgleichenden und telegenen Peres. Endlich fand der Mann, der jahrelang im Schatten von Grössen wie Ben-Gurion, Golda Meir, Dayan, Begin, Rabin und Sharon gestanden hatte, die Beachtung und Zuneigung, die ihm so lange versagt geblieben war.

Die „Tragödie der Armenier“

Seine Position der Mitte, in der er Netanyahu ebenso scharf kritisierte wie blinde Israelgegner oder Antisemiten, entsprach tiefster Überzeugung und wirkte echt und ungekünstelt. Fragwürdig und für viele zutiefst enttäuschend bleibt allerdings die Weigerung Peres‘, den türkischen Genozid an den Armeniern als solchen zu anerkennen. Die Armenier seien Opfer einer Tragödie, nicht aber eines Genozids geworden – Peres verteidigte die israelische Sprachregelung bis zum Schluss. Es trafen sich hier zwei Motive: die nüchterne Einsicht, dass gute Beziehungen zu Ankara wichtiger sind als die zu Erewan, und das bekannte jüdische Streben danach, den Holocaust als etwas Einzigartiges, als historische Singularität, zu hüten.

Europäische Kritiker Israels neigten dazu, Peres zu mögen. Er war die moralische Richtgrösse für all die, die den Glauben an Frieden und rationalen Dialog noch nicht aufgegeben haben. Peres wusste das und handelte danach. Immer wieder rannte er verbal an gegen Netanyahu, der gezielt die Ängste der Menschen schürt, aus seiner Verachtung für die Führung in Ramallah keinen Hehl macht und sich selber – geschickt und mit grossem Erfolg – zum Einzigen stilisiert, der dem Land Sicherheit bringen kann. Was Peres in dieser Inszenierung fehlte, war die Friedensperspektive.

Überlebensgross

Über Netanyahus Chuzpe, im Zwist über Iran die guten Beziehungen zu den USA zu riskieren, konnte sich Peres endlos erregen. Er riet zu mehr Vertrauen in Obama – eine Zumutung, die Netanyahu verächtlich beiseite wischte. Gleichzeitig aber wandte sich Peres entschieden gegen alle Apologeten eines palästinensischen Staats ohne jüdische Bevölkerung. Wer geglaubt hatte, Peres sei der Guru, der der Welt klarmachen kann, weshalb es im Westjordanland überhaupt keine jüdischen Siedlungen geben darf, sah sich enttäuscht. Israel habe zwei Millionen arabische Bürger, sagte Peres. Warum in aller Welt sollten da nicht 100 000 jüdische Israeli in einem palästinensischen Staat leben können? Es war ein Bekenntnis von unerhörtem Gewicht. Bei weitem nicht alle, aber sehr viele palästinensische Politiker sind der Ansicht, werde die Zweistaatenlösung dereinst verwirklicht, müssten alle jüdischen Siedlungen geräumt werden, allein schon deshalb, weil die Juden als Repräsentanten der langjährigen Besetzungsmacht so verhasst seien. Für Peres allerdings war die Idee eines „judenfreien“ palästinensischen Staats eine Abstrusität. Niemand stellt die historische Verwurzelung der Juden in Judäa und Samaria in Frage, zudem ist der Gedanke eines ethnisch „reinen“ Staats heute stossend obsolet. Wer „Deutschland den Deutschen“ überantworten möchte, löst heute bestenfalls noch Kopfschütteln aus. Auch und gerade unter den Freunden Palästinas.

Als Staatschef vollzog Peres so etwas wie eine letzte Metamorphose. Protegiert von sympathisierenden Medien, geachtet als eloquenter und würdevoller Vertreter Israels auf internationaler Ebene und verehrt von Friedensfreunden als einer, der an die Koexistenz mit den Palästinenser glaubte und hart für sie arbeitete, mutierte er langsam zur überlebensgrossen Figur. Das spiegelt sich nun, bei seinem Tod. Er war der Vertreter eines kleinen Landes. Doch die Politiker aus aller Welt, die ihm an diesem Tag die Ehre erwiesen, würdigten einen Grossen.