Zwei Frauen für den politischen Wandel

von Cornelia Derichsweiler / 26.05.2015

Madrid und Barcelona könnten demnächst von „Empörten“ regiert werden. Der sich abzeichnende politische Wandel wird durch Frauen verkörpert, die sich bereits zuvor durch ihr gesellschaftliches Engagement einen Namen gemacht hatten, politisch aber völlig unerfahren sind. Zwei Portraits von NZZ-Korrespondentin Cornelia Derichsweiler.

In Barcelona erzielte die Aktivistin Ada Colau von der Allianz „Barcelona en Comú“ die meisten Stimmen. Sie hat damit gute Chancen, die nationalistische Traditionspartei Convergència i Unió von der Macht zu verdrängen, auch wenn sie dafür die Unterstützung von mindestens zwei weiteren Parteien braucht. Colau, die als Vorkämpferin gegen Zwangsräumungen in ganz Spanien bekannt wurde, hatte schon angekündigt, sich für bezahlbare Wohnungen in der katalanischen Stadt starkzumachen und mehr in die Stadtviertel zu investieren.

Am Montag präsentierte die 41-Jährige ihr Programm für das Barcelona der Zukunft. So will sie etwa Banken, die Wohnungen leer stehen lassen, mit Sanktionen belegen und Familien mit geringen Einkünften zusätzlich finanziell unterstützen. Zudem will Colau die Dienstwagen in der Stadtverwaltung abschaffen.

Das Plädoyer für mehr Bürgernähe und Transparenz hat auch in der konservativen Hochburg Madrid viel Zuspruch erhalten. Die Protestbewegung „Ahora Madrid“ verzeichnete mit ihrer Kandidatin Manuela Carmena beachtlichen Erfolg. Die 71-jährige Carmena liegt nur knapp hinter der konservativen Rivalin Esperanza Aguirre, die Schwierigkeiten haben dürfte, Bündnispartner zu finden.

Carmena hatte sich bereits in den siebziger Jahren als Arbeiter-Anwältin engagiert. Nur durch Zufall entging sie einst einem Anschlag postfranquistischer Kräfte: Sie war nicht im Büro, als fünf ihrer Kollegen beim Attentat auf die Madrider Kanzlei getötet wurden. Später war sie Richterin, setzte sich für die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Häftlingen ein. Zuletzt stieg die Juristin zum Obersten Gerichtshof auf. Nach langem Zögern ließ sie sich schließlich zur Spitzenkandidatin der „Empörten“ in Madrid überreden. Carmena war der Meinung, dass die Veränderungen im Land von den Jungen ausgehen müssten. Ihr Beispiel zeigt allerdings, dass die offenbar von den Wählern gewünschte neue Art, Politik zu machen, nicht allein eine Generationenfrage ist.