EPA/JIM LO SCALZO

Nobelpreis für Literatur 2016

113 Preisträger – erstmals ein Sänger

von NZZ Neue Zürcher Zeitung / 13.10.2016

Dominante Europäer, untervertretene Frauen, Zeilen, die als Lektüre konzipiert wurden – Bob Dylan passt nur bedingt in das Bild des typischen Gewinners. Was ein Blick zurück auf 112 Literaturnobelpreisträger über typische und untypische Gewinner aussagt. Ein Beitrag von Marie-José Kolly und Joana Kelén.

Wem soll die Schwedische Akademie den Nobelpreis verleihen? Alfred Bernhard Nobel schrieb in seinem Testament: dem «Würdigsten». Blickt man zurück auf die bisherigen 112 Literaturnobelpreisträger, so wird klar: Der Würdigste war in den Augen der Akademie meist ein männlicher Europäer, im Schnitt 65 Jahre alt, der auf Englisch schrieb – und hauptsächlich Romane.

Der 113. Literaturnobelpreisträger passt ins Bild – und doch nicht. Bob Dylan, zwar ein englischsprachiger Mann, ist Nordamerikaner und mit 75 Jahren etwas älter als der Durchschnitt. Wie etwa ein Viertel der Nobelpreisträger wurde er für ein lyrisches Werk ausgezeichnet, nicht für Prosa. Aber: Die «neuen poetischen Ausdrucksformen», die er kreiert hat, sind «innerhalb der grossen amerikanischen Liedtradition» entstanden. Und nicht lediglich zur Lektüre konzipiert.

1. Frauen sind deutlich untervertreten

Von den bisherigen 108 Literaturnobelpreisen wurden nur 14 an Frauen vergeben, das ist ein Achtel. Als erste Frau wurde 1909 die Schwedin Selma Lagerlöf geehrt. Als vierzehnte und bisher letzte Frau Swetlana Alexijewitsch – sie gewann im vergangenen Jahr.

2. Der jüngste Preisträger war 41 Jahre alt

Literaturnobelpreisträger sind durchschnittlich 65 Jahre alt, wenn sie den Preis erhalten. Der jüngste Preisträger hiess Rudyard Kipling. Er wurde 1907 im Alter von 41 Jahren ausgezeichnet. Kipling ist unter anderem bekannt für ein Kinderbuch, das «Dschungelbuch». Am ältesten war bei der Preisverleihung die 88-jährige britische Schriftstellerin Doris Lessing. Sie erhielt die Medaille 2007 und starb 6 Jahre später.

Auffällig: Viele inzwischen verstorbene Literaturnobelpreisträger erreichten ein hohes Alter. Im Durchschnitt starben mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Frauen mit 80 Jahren, Männer mit 79 – ein deutlich höheres Alter als die durchschnittliche Lebenserwartung ihrer Alterskohorte.

3. Europäer dominieren

84 Mal ging der Literaturnobelpreis bisher nach Europa, mehr als doppelt so oft wie in alle anderen Kontinente zusammen.

Dabei hing sein Leben einmal an einem Faden: Ende Juli 1966, als er mit dem Motorrad verunfallte, im Stil von James Dean. Der Crash war damals aber zugleich Dylans Rettung: Er gab ihm Gelegenheit, vom selbstmörderischen Tempo und Lebensstil der Jahre zuvor Abschied zu nehmen. Und auch wenn „Mister Tambourine Man“ fortan keine Songs geschrieben hätte – sein Platz in der Musikgeschichte wäre ihm sicher gewesen.

4. Ein Viertel der bisherigen Nobelpreisträger schrieb auf Englisch

27 der 112 Literaturnobelpreisträger haben ihr Werk auf Englisch verfasst. Dass Englisch als weltweit am meisten verbreitete Sprache (und mit den zweitmeisten Sprechern) die Liste anführt, erstaunt nicht. Auf den folgenden Plätzen liegen andere weitverbreitete europäische Sprachen: Französisch, Deutsch, Spanisch.

Die weltweit meistgesprochene Sprache, Chinesisch, kommt dagegen bisher nur auf zwei Nobelpreise. Umgekehrt sind nordische Sprachen in der Liste der Literaturnobelpreisträger, gemessen an der Anzahl ihrer Sprecher, überproportional häufig vertreten.

Bisher je einmal ausgezeichnet wurden Autoren, welche in folgenden Sprachen schreiben: Arabisch, Bengali, Finnisch, Hebräisch, Isländisch, Jiddisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Serbokroatisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch.

5. Schriftsteller aus Nobels Heimat Skandinavien: erst übervertreten, dann gemieden

Alfred Nobel bestimmte zwar, dass die Nationalität bei der Preisvergabe keine Rolle spielen sollte. Dennoch wurden zu Beginn viele nordische Autoren ausgezeichnet. Nach 1955 erhielten nur noch zweimal nordische Autoren den Preis.

Für besondere Aufregung sorgte die Vergabe im Jahr 1974, als sich zwei Schweden den Preis teilten, Harry Martinson und Eyvind Johnson. Problematisch: Die beiden waren Mitglieder der Schwedischen Akademie, die jedes Jahr den Preisträger bestimmt – hatten sich also gewissermassen selbst die Medaille um den Hals gehängt. Ausserhalb der Akademie war man empört.

Volle 37 Jahre dauerte es danach, bis sich die Akademie 2011 mit dem Lyriker Tomas Tranströmer wieder für einen schwedischen Literaten entschied.

6. Die meisten Preise zeichneten erzählerische Werke aus

Mehr als die Hälfte der Literaturnobelpreisträger schrieben Prosa. Lyrik und Drama sind unter den Nobel-Medaillen deutlich weniger stark vertreten. Galt zu Goethes Zeiten das Drama als Königsgattung der Literatur, so ist der Roman zur Gattung des 20. Jahrhunderts aufgestiegen.

Wenn Frauen ausgezeichnet wurden, dann meist für Prosa und Lyrik, nur selten für ein dramatisches und nie für ein philosophisches oder historisches Werk. Die drei philosophischen und zwei historischen Werke stammten von Männern. Eines dieser historischen Werke schrieb Winston Churchill, der 1953 den Nobelpreis erhielt.

Prosa dominiert fast auf allen Kontinenten. Nur in Südamerika wurden mehr Nobelpreise für lyrische Werke vergeben. Nobelpreise für Dramen, philosophische oder historische Werke gingen nur an Schriftsteller, die in Europa oder Nordamerika lebten.

7. Zweimal ging die Auszeichnung in die Schweiz

Mit Carl Spitteler und Hermann Hesse zeichnete die Schwedische Akademie zwei Schweizer aus. Hesse wurde zwar in Deutschland geboren, hatte aber das Schweizer Bürgerrecht erhalten. Spitteler nahm die Medaille 1919 entgegen, Hesse 1946 – jeweils nachdem während der Weltkriege teilweise keine Nobelpreise vergeben worden waren.

Wie Bob Dylan ins Bild passt