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Abschluss der Polenreise: Der Papst macht es allen recht

von Paul Flückiger / 01.08.2016

Der in Polen ausgerichtete katholische Weltjugendtag wird von der dortigen Regierung als organisatorischer Erfolg gefeiert. Die päpstlichen Ermahnungen will man sich in Warschau jedoch nicht zu Herzen nehmen.

Die polnische Stadt Krakau hat sich in eine christliche Partymeile verwandelt. Noch am Montag zogen die letzten Pilgergruppen singend durch die Altstadt, lobten den Herrn und feierten ihr jeweiliges Herkunftsland. Sechs Tage lang hatten sie die polnischen Grabenkämpfe zwischen Liberalen und Konservativen vergessen lassen. Scharen jugendlicher Christen hatten den grauen Alltag abgelöst und vielen polnischen Jugendlichen ermöglicht, Gleichaltrige aus aller Herren Ländern kennenzulernen, auch solche, die von der rechtsnationalen Regierung als Gefahr dargestellt werden.

Lob der guten Organisation

Anlass war der Besuch von Papst Franziskus, der am dieses Jahr in Krakau ausgerichteten Weltjugendtag teilnahm. Zwar hatte die Angst vor Terroranschlägen zu Absagen geführt, doch zur Abschlussmesse des Papstes am Sonntag im Krakauer Vorort Brzegi pilgerten laut Angaben des Vatikansprechers dennoch 1,5 Millionen Gläubige. Das polnische Staatsfernsehen wollte gar eine Million mehr gezählt haben. Es wurde nicht müde, die gute Organisation hervorzuheben und immer wieder die anwesenden Kabinettsmitglieder der nationalkonservativen Regierung von Beata Szydlo sowie Staatspräsident Andrzej Duda und den Chef der Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, in der ersten Reihe der Gottesfürchtigen zu zeigen.

An Zynismus mangelte es dabei nicht, hatte Duda doch erst in der Nacht zum Sonntag, während Hunderttausende junger Pilger für Toleranz und christliches Miteinander beteten, das von Brüssel kritisierte umstrittene neue Verfahrensgesetz für die Arbeit des Verfassungsgerichts unterschrieben. Das Gesetz gefährdet laut der EU Rechtsstaatlichkeit und demokratische Standards. Überhaupt liess sich die Regierung vom Papst wenig beeindrucken. Noch am Vortag des Weltjugendtags hatte Szydlo im Zusammenhang mit der neuen Welle jihadistischer Attentate unterstrichen, dass sich Polen auch künftig weigern wolle, Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien oder dem Irak aufzunehmen.

Dagegen fand der Pontifex bereits bei der Begrüssung am Mittwochabend in dem als besonders katholisch geltenden Land undiplomatisch offene Worte. Auf dem Königsschloss Wawel rief er Polen zu deutlich mehr Barmherzigkeit mit Flüchtlingen und Verfolgten auf. „Die historische Erfahrung Polens gibt jene nötige Kraft, um sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen, die Menschenwürde zu achten“, sagte der Papst. Das Thema Barmherzigkeit und Flüchtlinge wurde in der Folge ein Leitmotiv der päpstlichen Predigten in Krakau.

„Ich sehe im Moment keinen Grund, die Regierungspolitik zu ändern“, sagte Ministerpräsidentin Szydlo jedoch am Wochenende im Gespräch. Polen werde weiterhin humanitäre Hilfe vor Ort leisten, fügte sie an und gab die rund eine Million ukrainischer Gastarbeiter in Polen als von ihrer Regierung aufgenommene Flüchtlinge aus. Umfragen zeigen auch, dass eine Mehrheit der Polen gegen die Aufnahme von muslimischen Kriegsflüchtlingen ist.

Viele polnische Pilger schauten denn auch bei den Predigten von Franziskus immer wieder betroffen auf den Boden. Sie erwarte vom Papst keine Lösungen für die Probleme dieser Welt, sondern eine persönliche Führung, sagte eine Polin im persönlichen Gespräch. Die Reformhoffnungen vieler in Krakau versammelter Katholiken teilte sie nur eingeschränkt. „Franziskus führt uns zurück zu der Quelle, der Barmherzigkeit, und das ist gut“, sagte sie. Auch Polens Kirche ändere sich mit der Zeit, fügte sie an.

Appell an die Jugend

Nach dem starken Auftakt bei der offiziellen Begrüssungszeremonie und der mutigen Entscheidung, beim Besuch im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu schweigen, setzte der Papst gegen Ende seines Polenbesuchs allerdings kaum noch markante Akzente. Der nun müde wirkende Papst blüht nur noch bei den Treffen mit Jugendlichen auf. Von ihnen forderte er, rebellisch zu sein und nicht der Versuchung des Fernsehens, des Internets und des Erfolgs-Kults zu erliegen. Er forderte bei einer Ansprache die Jugendlichen auch dazu auf, Familien zu gründen.

Angesichts solcher Themen sieht der konservative Klerus, der die PiS-Regierung nach Kräften unterstützt, seine Dogmen bestätigt. Die oppositionelle Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ wirft der Regierung dagegen Scheinheiligkeit vor, da sie sich einerseits im Scheinwerferlicht des Papst-Besuches sonne, anderseits aber kein Gehör für dessen humanitäre Botschaft in der Flüchtlingsfrage zeige.