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Einzigartige Dokumentation

Adolf Hitler – Tag für Tag

von Stephanie Lahrtz / 12.04.2016

Weil ihn Geschichtsklitterung ärgerte, hat ein Autor aus Coburg in Franken 25 Jahre akribisch recherchiert. Er trug zusammen, wo Hitler wann war, was er dort tat und wen er traf.

Die Erinnerung kann täuschen. „Ach, der Hitler, der war doch praktisch nie bei uns, der ist vielleicht mal durch unser Städtchen durchgefahren.“ Empfänge, Ehrungen oder dergleichen gab es natürlich nicht. Die eigene Stadt war wahlweise entweder zu abgelegen, zu klein, uninteressant oder zu liberal und andersdenkend. – Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Geschichtsklitterung. Je weiter die Katastrophe zurückliegt und je weniger Augenzeugen es gibt, desto leichter fällt die Reinwaschung. Doch nun kann jede „verblasste“ Erinnerung aufgefrischt werden. Denn Harald Sandner hat in gut fünfundzwanzig Jahren Arbeit jeden Tag im Leben des Diktators Adolf Hitler rekonstruiert und in einem Buch dokumentiert.

Korrektiv für Historiker

Auf über 2.400 Seiten in vier Bänden ist nun in Stichworten und Fotos aufgelistet, wann Hitler wo in Europa war, wen er dort traf und was er dort tat. „Hitler – Das Itinerar“ ist sicher kein Lesebuch zum Schmökern geworden, aber wichtige wie entlarvende Gedankenstütze für Gemeinden, Autoren und Historiker. Es wird nun nicht die ganze NS-Geschichte umgeschrieben werden müssen, aber diverse Details oder einzelne Tage eben doch. Das Buch ist eine sachliche, sich jeder Interpretation enthaltende Darstellung von Hitlers Leben – die umfassendste, die es gibt.

Angefangen hat die Arbeit mit dem großen Interesse eines Schülers für Geschichte. Sein Stöbern auf Dachböden und in Büchern, aber auch die Erzählungen seiner aus dem Sudetenland vertriebenen Großmutter und der Nachbarn haben den 1960 im fränkischen Coburg geborenen Sandner hellhörig werden lassen. „Ich stieß immer öfter auf Widersprüche, zwischen zwei historischen Büchern, aber auch zwischen gedruckten und gesprochenen Sätzen.“ Das weckte zum einen seine wörtlich zu verstehende Datensammelwut. Denn je mehr er las und erfuhr, desto größer wurde sein Ärger über seine Heimatstadt, die nahezu alle Kontakte mit allen möglichen Nazigrössen verschwieg oder relativierte.

„Doch in Tat und Wahrheit hatte Hitler bereits 1922 in Coburg seinen ersten größeren Auftritt außerhalb Münchens, hier gab es 1929 den ersten NSDAP-Bürgermeister, die erste von Nazis kontrollierte Tageszeitung, von Coburg erhielt Hitler schon 1932 die erste Ehrenbürgerwürde“, zählt Sandner im Gespräch auf. „Insgesamt war Hitler 14 Mal in Coburg, zählt man die Durchfahrten dazu, sogar über 40 Mal. Denn der damalige Chef des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha, tonangebende Stimme in der Stadt, war ein fanatischer Hitler-Anhänger und Förderer.“ Zudem ist Bayreuth nur gut 70 Kilometer entfernt, für den Wagner-Verehrer eine der erklärten Lieblingsstädte.

Aus der Lust am Aufdecken von Widersprüchen und Verifizieren von Aussagen ist für Sandner ein Lebenswerk geworfen. Der Kaufmann und IT-Experte stöberte in Archiven, besuchte historisch wichtige Orte wie Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze oder Ministerien in Berlin, aber auch kleine Gaststätten in der Provinz. Und er redete mit Zeitzeugen, wühlte sich durch private Aufzeichnungen, offizielle Biografien von Nazigrößen oder durchsuchte Tausende von alten Fotos. Es gehe ihm nicht darum, manchen Ort an den Pranger zu stellen, betont Sandner. Er möchte Belege liefern, damit Wahrnehmungen zurechtgerückt und neue Forschungen angestoßen werden können.

Denn nicht einmal alle neuen Publikationen stimmten, kritisiert Sandner. „Da wird etwa in einer kürzlich erschienenen Hitler-Biografie von einer ,Sommerpause‘ geschrieben, die Hitler sich ab Mitte 1933 gegönnt habe. Dabei habe ich Belege, dass der Diktator in genau dieser Zeit Paraden abgenommen, Reden gehalten und an einem Staatsbegräbnis teilgenommen hat“, berichtet er.

Aufklärung wird leichter

Bereits 1998 hatte Sandner einen ersten, allerdings noch nicht so umfassenden Datensatz über die Jahre 1933 bis 1945 dem Institut für Zeitgeschichte in München zur Verfügung gestellt. Zwar kam es damals nicht zu einer Buchpublikation, aber seine Recherche wurde bekannt, und daraufhin meldeten sich viele Gemeinden und Privatpersonen bei ihm, damit er Angaben in den eigenen Archiven bestätigte oder widerlegte. Dabei entdeckte er im Archiv der Firma Krupp Hinweise auf geheim gehaltene Besuche Hitlers in Essen, bei denen es um streng vertrauliche Rüstungsprojekte ging. „Diese Besuche waren damals noch nicht einmal der örtlichen Polizei oder der Parteileitung gemeldet worden“, sagt Sandner.

Was ihn wirklich froh macht, ist der Mentalitätswandel, den er in den letzten Jahren bei Archivleitern, Gemeindeoberen und Privatleuten festgestellt hat. „Als ich anfing zu recherchieren, wurde ich oft ignoriert, man verweigerte mir, solange es ging, jegliche Akten- oder Bildeinsicht. Doch nun holt man mir sogar die Akten aus den verschlossenen Schränken oder nennt mir noch lebende Augenzeugen im Ort. Ich erlebe nicht überall, aber doch zunehmend ein ernsthaftes Bemühen, sich mit der braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen.“

Wo Hitler war, war die Macht

Spezifische Muster habe er in Hitlers Reisen nicht erkennen können. Auch könne man nicht zwischen beruflichen und privaten Reisen unterscheiden. Es existierte kein „Privatmann Hitler“. Es gab offizielle Termine wie zum Beispiel Treffen mit örtlichen Parteikadern oder anderen Gefolgsleuten fast an jedem Aufenthaltsort. Wie auch Hannah Arendt es beschrieb, „ist die Uneindeutigkeit des Machtzentrums das entscheidende Charakteristikum totaler Herrschaft. Die geografische Verlagerung von Macht hat zur Folge, dass – abgesehen von dem im Führer verkörperten Willen – niemals feststehen kann, wo sich das Machtzentrum des Herrschaftsapparats gerade befindet.“

Die Macht war also dort, wo Hitler war. Offenbar hatte er es nahezu bis zur Perfektion geschafft, diese Idee zu verwirklichen. Denn angesichts der nun auch publizierten fast schon manischen Reisetätigkeit, erstaunt es auf den ersten Blick, dass trotz der häufigen Abwesenheit Hitlers von der Hauptstadt und den Regierungsstellen sich nie eine schlagkräftige Initiative zur Entmachtung aus dem Apparat heraus gebildet hatte.

Sandner ist nach seinen Recherchen überzeugt, dass Hitler alles Entscheidende wusste und jede Anweisung selbst genehmigte. Und dass die Judenvernichtung von Anfang an sein Hauptziel war – und er auch niemanden darüber im Unklaren ließ. „Je mehr ich über den Massenmörder herausfand, desto dankbarer wurde ich, dass ich heute in einer Demokratie leben darf“, sagt er.

Dass er sich nun einer anderen historischen Person derart intensiv widmen wird wie Hitler, glaubt er nicht. Nicht etwa, weil er auch ein bisschen erschöpft ist. Er ist überzeugt, dass es im 20. Jahrhundert, also in der Epoche mit ausreichend verfügbarem Material, keine zweite derart brutale und furchteinflößende Persönlichkeit wie Hitler gab. „Er ist auch deswegen so faszinierend, aber auf eine absolut abstoßende Art und Weise“, sagt Sandner im Brustton der Überzeugung. „Daher muss man alles tun, um einer Mystifizierung und Verharmlosung entgegenzuwirken, mit so vielen Daten wie nur irgend möglich.“