Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Adventremix der Weisheit Salomos

Gastkommentar / von Peter Strasser / 29.11.2015

Advent, Advent, ein Kerzlein brennt … Mit diesem Kinderreim im alten Kopf bin heute aufgewacht. Was soll ich sagen, ich bin gerührt. Ich wittere wieder einmal den Vorglanz von Weihnachten – schon seit Kindertagen ergeht es mir so.

Das habe ich erst neulich einem humorigen Kollegen erzählt, der mir natürlich sofort entgegenhielt, dass man einen Vorglanz nicht wittern könne. Man müsse mit ein paar Bechern Glühwein „vorglühen“, um einen Vorglanz wittern zu können, nicht wahr?

Der humorige Kollege hat sich gleichermaßen auf sprachliche Stilblüten spezialisiert wie darauf, der christlichen Welt den heidnischen Charakter diverser Weihnachtsstilblüten einzubläuen. Dabei könnte ihm das alles egal sein, denn er glaubt an nichts außer an seine eigenen Witze, die er für unsterblich hält.

Es sind ja immer diejenigen, von denen es in der Weisheit Salomos heißt, sie seien „wie Staub, vom Winde zerstreut“, die auf den Ewigkeitsanspruch ihrer Wahrheit und nichts als ihrer Wahrheit pochen. Das geht mir heute Morgen auch noch durch den Kopf und hat zur Folge, dass sich in meine reine Rührung über das erste Kerzlein ein Moment der Scham zu mischen beginnt: Kein Zweifel, ich bin rührselig.

Zum Glück kommt mir Lillifees Zauberspruch, den mir gestern meine Enkelin E. beibrachte, zu Hilfe: „Wie Staub, vom Winde zerstreut, sind mir alle Sorgen heut!“ Schon bin ich meinem Kollegen weniger gram, und gegen Lillifees Remix der Weisheit Salomos ist gar nichts einzuwenden, oder?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.