Morgengrauen

Alles hat seine Zeit

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.07.2016

Apropos Morgensex. Das Lebenskunstmagazin Für den Mann über 40 empfiehlt ihn wärmstens und zwar als – wörtlich – „Aphrodisiakum für den ganzen Tag“. Mich machen solche koketten Wortspielereien nervös, weil ich mir nie sicher bin, ob sie nicht etwa doch ernst gemeint sind. Während ich den Frühstückstisch decke, freue ich mich über einen neu ausgetriebenen Rispenansatz bei den Orchideen, die auf dem Fensterbrett der Frühstücksecke grünen.

Dabei stelle ich mir mit gelindem Grauen vor, wie es wohl wäre, wenn ich tagsüber nur noch Männern über 40 begegnete, die aufgrund einer tüchtigen Portion „Aphrodisiakum für den ganzen Tag“ als – ich will es möglichst dezent formulieren – erotisch Aufgewärmte und dementsprechend Hochgefahrene durchs Leben laufen würden. Mein Prediger-Wahlspruch, urbiblisch: Alles hat seine Zeit …

Da klingelt es an meiner Tür. Draußen steht, wenn man dem Mienenspiel des Draußenstehenden Glauben schenken darf, ein seinerseits Aufgewärmter und Hochgefahrener über 40, der mir ein schmuddeliges Heftchen entgegenhält: Der Wachtturm. Ach, ein Zeuge Jehovas, der für die Keuschheit wirbt! Denn: „Das Ende ist nahe.“ Sofort kaufe ich ihm das Heftchen ab, um es, nachdem ich die Türe vor dem flammend Zeugenden geschlossen habe, gründlich zu entsorgen.

Alles hat eben seine Zeit, wie der Prediger sagt: Der Sex hat seine Zeit und der Weltuntergang auch. Jetzt aber ist Frühstückszeit – eine Ansicht, in der ich durch den Morgenkuss meiner Frau bestärkt werde.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).