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Wie sollen Medien über Morde berichten

Als News getarnter Voyeurismus

Meinung / von Rainer Stadler / 18.05.2016

Die Verhaftung eines vierfachen Mörders in der Schweiz hat die Öffentlichkeit noch einmal konfrontiert mit der außergewöhnlichen Grausamkeit und Kaltblütigkeit, welche die Tat kennzeichnet. Die Journalisten durften entsprechend davon ausgehen, dass das Publikum über die Hintergründe aufgeklärt werden wollte. Es gehört dabei zur Berufsehre, den Ermittlungsbehörden nicht allein das Wort zu überlassen. Man recherchiert selber, um mehr herauszufinden. Der Fall wirft die Frage auf, wie Medien mit solchen Gewaltverbrechen umgehen sollen. 

Die Erzielung eines Informationsvorsprungs gegenüber der Konkurrenz nährt überdies die Hoffnung, man könne so die Verkaufszahlen optimieren und die Werbewirtschaft mit hohen Einschaltquoten gnädig stimmen. Das sind die üblichen Rahmenbedingungen des Informationsbetriebs, der sich im Fall Rupperswil durchaus auf ein öffentliches Interesse berufen kann. Doch je sensationeller und emotionaler ein Fall, desto weniger zählen die möglichen Kollateralschäden der Berichterstattung.

Unzulässig nahe an der Familie

Über die Ferndiagnosen, zu welchen Fachleute von Journalisten animiert werden, kann man hinwegsehen. Sie sind so harmlos wie irrelevant. Gewiss, Berichterstatter haben die Aufgabe, Sachverhalte möglichst klar und konkret darzulegen – wenn diese denn eine Bedeutung haben. Die psychologische Eingrenzung des Täters etwa durch die Nachricht, er habe eine Maturaarbeit über den Terroristen bin Ladin geschrieben, erinnert da fast schon an eine Satire.

Unzulässig sind die Versuche, das familiäre Umfeld bloßzustellen und damit – wenn auch wohl ungewollt – publizistische Sippenhaftung zu praktizieren. Zahlreiche Medien bildeten das Wohnhaus des Täters ab, wo auch dessen Mutter wohnt. Der Wohnort des Bruders wurde ebenfalls genannt. Man bekam Lagepläne des Verbrechens zu sehen. Das sind Dienstleistungen für Gaffer. Den Stress haben dann unschuldige Familienangehörige, während die breite Öffentlichkeit durch derartige News nicht schlauer wird.

Zahlreiche Berichte nannten den Vornamen und den abgekürzten Nachnamen des mutmaßlichen Mörders. Die Schweizer Tageszeitung Der Blick publizierte zudem dessen Konterfei; andere waren zurückhaltender und machten das Gesicht des Mannes mehr oder weniger unkenntlich, was indessen einer journalistischen Farce gleichkommt. Entweder zeigt man jemanden, oder man lässt es sein. Schwarze Balken über Augen zu legen, ist geheuchelte Seriosität. Medien sind legitimiert, die Gesichter von Verbrechern zu zeigen, wenn diese frei herumlaufen und Personen gefährden. Der Mörder von Rupperswil ist gefasst. Die Berichterstattung muss also keine Warnfunktion mehr erfüllen. Entsprechend dient die Publikation der Bilder bloß dem Voyeurismus.