Balasz Mohai / epa

Ein Prophet der Ära Trump?

Amerika, kaputtgelacht

von Angela Schader / 07.10.2016

1996 erschien David Foster Wallaces genialisch-grotesker Roman „Unendlicher Spass“. Zwanzig Jahre später gewinnt das Buch des tragisch verstorbenen Autors eine nachgerade unheimliche Aktualität.

Ertappt. Die Reportage aus Venezuela nur angelesen, obwohl die Foto, die sie ankündigte, den Atem stocken liess. Die Lektüre des Berichts über Selbstmordattentäterinnen in Frankreich auf später vertagt. Den grossen Kommentar zu Afghanistan überblättert. Dafür auf Seite 6 am Rapport über Donald Trumps neueste Lappalien klebengeblieben.

Aus der Scham und dem Ärger über das eigene Verhalten leuchten plötzlich, wie in fetter Neonschrift, zwei Worte auf. Infinite Jest. Unendlicher Spass. Der Titel des genialisch-grotesken Romans, den David Foster Wallace 1996 seinen amerikanischen Landsleuten um die Ohren haute und der heute durch den unaufhaltsamen Aufstieg des Herrn T. fast schon prophetische Resonanz gewinnt.

Kann ja nicht wahr sein

Titelgebendes Motiv des Romans ist eine Filmkassette, hinter welcher der amerikanische Geheimdienst ebenso erbittert her ist wie eine obskure frankokanadische Untergrundorganisation. „Infinite Jest“ heisst dieser Film, der so fesselnd und köstlich sein soll, dass er jeden, der ihn anschaut, ins Verderben oder zumindest aus dem Verkehr zieht. Die betörten Opfer bleiben am Bildschirm hängen wie Fliegen am Fliegenpapier, vergessen Essen und Trinken über dem unendlichen Spass.

Geben wir zu: Ungefähr so hat es doch angefangen, als plötzlich dieser Lulatsch mit Brathähnchenteint und einem Mundwerk wie ein durchgeknalltes Shooter-Game auf die Politbühne purzelte. Wir rieben uns die Augen, grinsten und dachten: Kann ja nicht wahr sein. Harrten begierig der nächsten Bauchlandung im Fettnapf. Liessen uns (wie es hier just wieder geschieht) vor den medialen Karren spannen, der heuer die wohl grösste Gratis-Publicity-Ochsentour in den bisherigen Annalen der Weltpolitik absolviert hat.

Das Lachen über den unendlichen Spass mag uns mittlerweile im Hals steckenbleiben, gerade weil er – nun ja, nicht unendlich, aber doch zumindest länger dauern könnte, als lustig ist. Amerika hat die Wahl. Und auch diese Wahlfreiheit hat der hellsichtige Wallace seinerzeit passend mit dem Titelmotiv seines Buches verflochten.

Durch dieses zieht sich nämlich eine Diskussion zwischen den Kontrahenten im Wettlauf um die Filmkassette. Hüben der kanadische Psycho-Terrorist Marathe, der den süchtig machenden Film in ganz Amerika disseminieren und so den immer übergriffigeren Nachbarn mattsetzen will. Drüben Steeply, der US-Geheimdienstagent, der in der patriotisch-argumentativen Klemme hockt. Denn einerseits ist ihm, dessen eigener Vater vor dem Fernsehschirm geistig verfiel, die Wirkungsmacht der Kassette nur allzu klar; anderseits muss er als guter Amerikaner die Fahne des Individualismus und der Freiheit hochhalten. „Ohne persönliche Freiheit gibt es keine Wahl“, hält er dem Gegner vor. „Was du an uns so schwach und verachtenswert findest – das sind die Risiken der Freiheit.“ Selbst wenn diese Freiheit, wie Marathe zuvor zu bedenken gab, nicht mehr bedeutet, als „den Tod durch Lust zu wählen, wenn die Wahl möglich ist“.

Frust und Lust

Natürlich wurde oft genug verkündet, dass es eher Frust ist, der Trump die Wähler scharenweise zutreibt. Aber Lust ist auch dabei – und nicht nur bei jenen, die ihre gestauchten Seelen im Glanz und Gepolter ihres Idols baden, sondern auch bei seinen kritischen Beobachtern. Doch das Ergötzen über Trumps Ausfälle ist mit Vorsicht zu geniessen. Er hat schon seine Konkurrenten in den eigenen republikanischen Reihen ganz schön vorgeführt; es wäre ein böses Erwachen, wenn sich der Riesenkasper am Ende als der gerissenste Strippenzieher von allen erwiese.