Lebenslange Haft

Amerika sperrt seine Kinder weg

von Marie-Astrid Langer / 21.12.2015

Ab einem Alter von zehn Jahren können minderjährige Straftäter in den USA nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Strafen bis zu lebenslanger Haft sind die Folge. Von dem Gefühl, die besten Jahre seines Lebens hinter Gittern zu verbringen.

Cohen Curtis war siebzehn Jahre alt, als er seine Zukunft verlor. Als der Richter damals sagte, sein Urteil laute lebenslang ohne die Chance auf Bewährung, wandte sich Cohen an seinen Pflichtverteidiger und fragte, wann er wieder aus dem Gefängnis rauskomme. „Nie“, sagte der Verteidiger. Was das bedeutete, verstand Cohen nicht; es sollte Jahre dauern, Jahre hinter Gittern, bis es ihm dämmerte. Mit Ende zwanzig realisierte er, dass sein Körper das nächste Mal im Sarg die Haftanstalt verlassen würde. Ein dumpfer Schmerz stellte sich ein und ging nicht mehr weg.

Schicksalstag im Gericht

22 Jahre nach seiner Verurteilung sitzt Ellis Cohen Curtis im Kammergericht von Sacramento – Afroamerikaner, Kinnbart, kurzgeschorene Locken, die ersten grauen Haare schimmern durch. In ein paar Tagen wird er 39 Jahre alt. Heute entscheidet sich, ob er sein Leben zurückbekommt. Die ganze Nacht hat er wach in einer Zelle gelegen, wo man ihn für die Wiederaufnahme des Verfahrens hingebracht hat. Solche Zellen sind sein Zuhause geworden seit jener Nacht im September 1993.

„Als Nächstes hören wir den Angeklagten“, sagt der Richter, der Name Steve White ist in ein Messingschild vor ihm graviert. White thront hinter seinem Schreibtisch, etwas erhöht über dem Gerichtssaal; hinter ihm kreuzen sich die amerikanische Flagge, Stars and Stripes, und die kalifornische, ein Grizzlybär. Cohen steht von seinem Stuhl auf, an seinem drahtigen Körper schlackert die orangefarbene Gefängnisuniform, „SAC prisoner“ steht darauf, Gefangener des Bezirksgefängnisses von Sacramento. Die Hände sind hinter seinem Rücken in Handschellen gekettet, er tritt in den Zeugenstand. Das, was er nun schildern wird, hat er noch nie vor Gericht erzählt. Seine Anwältin bittet Cohens Verwandte, die dem Prozess beiwohnen, den Saal zu verlassen – zu groß ist Cohens Scham.

Das Gefängnis liegt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Lancaster entfernt, zwei Autostunden nordöstlich von Los Angeles. (Bild: Marie-Astrid Langer)

Das Gefängnis liegt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Lancaster entfernt, zwei Autostunden nordöstlich von Los Angeles. (Bild: Marie-Astrid Langer)

Ellis Cohen Curtis wird am 23. Juli 1976 in ein Umfeld geboren, das man als „schwierige Familiensituation“ beschönigen könnte. Seine Eltern, Tanten und Onkel gehören der „Bloods“-Gang an. Markenzeichen: rote Kleider, rote Stirnbänder. Sie bekriegen sich mit verfeindeten Gangs, handeln mit Drogen. Im Laufe seiner Kindheit wird fast seine gesamte Familie im Gefängnis landen. Den Vater sieht Cohen mit drei Jahren zum letzten Mal; er wächst bei der Tante und dem Onkel auf, gemeinsam mit Cousins und Geschwistern. Auch dort gehören Schusswaffen, Prügel und Drohungen zum Alltag. Regelmäßig vergeht sich sein Cousin Johnny an Cohen und den anderen Kindern und zwingt sie zu „playing bad“, das Codewort für inzestuösen Sex. Während Cohen davon erzählt, wischt er sich mit dem Zeigefinger und dem Daumen über die Augen.

Cohens Lichtgestalt, bester Freund und Vorbild ist sein Cousin Herald. „Er hatte diese besondere Ausstrahlung, war gefährlich und zugleich charmant.“ Herald wird in einem Gang-Streit erschossen, als Cohen elf Jahre alt ist. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Um Heralds Gedenken aufrechtzuerhalten, versucht Cohen, bei den „Bloods“ in seine Fußstapfen zu treten. Die Gang hilft ihm über seine Unsicherheiten hinweg, selbst als Teenager kann er weder lesen noch schreiben. „Ich war gar kein Individuum mehr“, sagt Cohen.

„Ich habe der Gesellschaft etwas zu bieten, ich bin kein Monster mehr.“
Clifton Lee Gibson, 39

Diebstahl, Einbruch, Waffenbesitz, dann ein paar Monate im Jugendknast, der ihn jedes Mal mehr abstumpfen lässt – der Teufelskreis endet am 23. September 1993. An jenem Donnerstag wollen der 17-jährige Cohen und zwei 18-jährige Gang-Freunde einen Dealer aus der Nachbarschaft überfallen, er soll eine Tüte Marihuana im Kofferraum haben. Sie lauern dem Dealer vor seinem Wohnhaus auf, doch als dieser die Jugendlichen sieht, ergreift er die Flucht. Einer der Freunde und Cohen verfolgen ihn zunächst, doch irgendwann gibt Cohen auf und läuft zurück zum Auto. Er hört einen Schuss, gerät in Panik, flüchtet. Erst später wird er erfahren, dass sein Freund den Dealer umgebracht hat, von hinten mit einem Schuss in den Rücken. Noch in der Nacht werden die beiden verhaftet, die Anklage lautet auf Mord – nach dem Erwachsenenstrafrecht. Beide erhalten das gleiche Urteil: lebenslang ohne Chance auf Bewährung. Er sei zu jung gewesen, um zu begreifen, was er da verloren habe, wird Cohen Jahre später im Gefängnis erzählen; über ein Telefon durch eine Glasscheibe, und dabei immer wieder den Kopf schütteln. Zu jung, um zu begreifen, dass seine Zukunft soeben wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war.

22 Straftäter hingerichtet

Lebenslang, das bedeutet in den USA Gefängnis bis zum Tod. Dass Cohen selbst nicht abgedrückt hat, interessiert nicht – die Beihilfe ahndet man im amerikanischen Strafrecht oft so hart wie die Tat selbst. Dass er selbst nur von Kriminalität umgeben war, kam in dem Verfahren gar nicht zur Sprache, weil es für den vorliegenden Fall nicht relevant war. Dass Cohen erst siebzehn Jahre alt war, interessierte auch nicht. In allen Gliedstaaten dürfen selbst 14-Jährige nach dem Erwachsenenstrafrecht angeklagt werden, in manchen Staaten wie Kansas oder Vermont schon 10-Jährige. Ob ein Jugendlicher die Reife hat, um nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt zu werden, entscheiden in Kalifornien die Staatsanwälte quasi autonom, wie auch in Cohens Fall. Die Entscheidung hat weitreichende Folgen: Jugendgefängnisse zielen auf die Wiedereingliederung der Täter in die Gesellschaft ab, im Erwachsenen-Strafvollzug gibt es kaum derartige Angebote.

Was ist schon ein faires Urteil für Mord? Ab wann kann ein Jugendlicher für seine Taten voll zur Rechenschaft gezogen werden? Diese Fragen sind kaum zu beantworten; die neurowissenschaftliche Forschung gibt zumindest Hinweise: Das jugendliche Gehirn ist erst mit 22, 23 Jahren vollständig entwickelt, was sich vor allem auf die Urteilsfähigkeit und das Abschätzen langfristiger Folgen auswirkt. Laut Amnesty International sind die USA das einzige Land, das unter 18-Jährige zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt.

Das Justizwesen der USA ziele auf Bestrafung ab, vielfach wolle man Vergeltung üben, sagt Marsha Levick vom Juvenile Law Center, einer nicht profitorientierten Anwaltskanzlei, die die Rechte von Kindern verteidigt. Deswegen seien drakonische Strafmaße üblich – Rehabilitierung spiele keine Rolle. Offizielle Statistiken dazu, wie viele Personen im Gefängnis sitzen, die wie Cohen als Minderjährige nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt wurden, gibt es nicht. In Kalifornien seien es mehr als 6.500 Personen, schätzt die Organisation Fair Sentencing for Youth.

Selbst die Todesstrafe war lange für Minderjährige möglich. Im Jahr 2005 hielt jedoch der Supreme Court fest, dass Urteile die spezielle geistige Situation Jugendlicher berücksichtigen müssten, und verbot die Todesstrafe für Minderjährige. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 22 Personen für eine Straftat, die im Jugendalter begangen worden war, hingerichtet worden, 71 warteten in der Todeszelle. Im Jahr 2012 griff der Supreme Court noch einmal den Umgang mit minderjährigen Straftätern auf und hielt fest, dass Jugendliche „grundlegend“ anders seien als Erwachsene: Sie seien intellektuell wie emotional unreifer, zudem würde sich ihr Charakter im Laufe der Zeit womöglich verändern. Die lebenslange Haft als Strafmaß müsse deswegen für solche Minderjährigen aufgespart werden, die „entsetzliche Verbrechen“ begangen hätten.

Als Reaktion auf dieses Grundsatzurteil verabschiedete das kalifornische Parlament zwei wegweisende Gesetze: Der Senate Bill 260, kurz SB 260, richtet sich an Straftäter, die für eine Straftat, die sie als Minderjährige begangen haben, mindestens 25 Jahre im Gefängnis verbüßen müssen. Nun steht ihnen nach 15, 20 und 25 Jahren eine Anhörung vor einem staatlichen Bewährungsausschuss zu. SB 9 richtet sich an Straftäter wie Cohen, die als Jugendliche lebenslange Haftstrafen ohne Chance auf Bewährung erhalten haben. Sie dürfen nach mindestens 25 Jahren vor einen Bewährungsausschuss treten, falls sie in Haft Reue und Besserung gezeigt haben.

Diese neuen Gesetze haben Hoffnung aufkeimen lassen an Orten, an denen es längst keine mehr gab. Zwei Autostunden nordöstlich von Los Angeles liegt das gliedstaatliche Gefängnis von Kalifornien, Los Angeles County – umgeben von kahlen Feldern und haushohen Stacheldrahtzäunen. Besucher sind ungern gesehen, und wenn sie doch kommen, müssen sie das Wochen vorher beantragen und zahlreiche Sicherheitsschleusen durchschreiten, und sie dürfen keine Jeans tragen – sonst bestünde Verwechslungsgefahr mit den Insassen.

Gefängnisanlage des Los Angeles County.

Selbsthilfegruppe gegründet

Im Herzen dieser Hochsicherheitsanlage treffen sich jeden Freitagabend 20 bis 25 Männer. Die meisten von ihnen haben jemanden umgebracht, es versucht oder dabei geholfen. Manche haben Personen in einem Auto überfallen. Alle waren bei ihren Taten minderjährig und wurden zu jahrzehntelangen bis lebenslangen Haftstrafen verurteilt. „Guten Abend, Männer, wie geht’s euch heute?“, begrüßt Clifton Lee Gibson die Eintreffenden mit Handschlag; ein rothaariger Mann, Dreitagebart, die Sonnenbrille hat einen weißen Abdruck auf dem gebräunten Gesicht hinterlassen. Vor rund einem Jahr hat Lee die Selbsthilfegruppe mit einigen anderen Insassen gegründet. Sie wollten darüber reden, wie man sich fühlt, wenn man weiß, dass man die nächsten Jahrzehnte seines Lebens im Gefängnis verbringt, während andere studieren, heiraten, in die Altersvorsorge einzahlen. Wie sie damit leben, jemandem das Leben genommen zu haben. Auch hatten einige von diesem neuen Gesetz gehört, das jugendlichen Straftätern die Chance auf eine Neuverurteilung geben kann, und wollten ihre Wissensschnipsel austauschen.

An diesem Abend kommen die Männer gerade vom Abendessen, die lila- und pinkfarbene Sonne senkt sich über das Gefängnis. Sie sind zwischen 20 und 60 Jahre alt, viele bis ins Gesicht tätowiert, manche muskulös wie Stiere, andere hemdsärmelig wie Schuljungen. An der Wand im Zimmer hängen Poster, auf einem steht: „Pass auf deinen Charakter auf, er wird dein Schicksal.“ Wie bei jedem Treffen hat Lee ein paar Fragen an die Wandtafel geschrieben: „Wer warst du zum Zeitpunkt deiner Tat?“, steht da, oder „Wie fühlst du dich damit?“ Normalerweise diskutieren sie in Kleingruppen; dass alles vertraulich behandelt wird, ist Teil des Ehrenkodexes. Anders als im Gefängnisalltag gibt es hier keine ethnischen Grenzen: Asiaten, Latinos, Afroamerikaner – in dieser Runde sind sie nur noch Männer, die ihre Zukunft verspielt haben.

„Was ist schon ein faires Urteil, wenn man jemandem das Leben genommen hat?“ James Jacobs

James Jacobs ist mit seinen 27 Jahren einer der Jüngsten. Mit fünfzehn hat er jemanden erschossen und „forty years to life“ dafür bekommen, er wird also nach frühestens vierzig Jahren rauskommen. Zwölf hat er hinter sich. Kurz nach seinem 18. Geburtstag versetzte man ihn vom Jugend- in das Erwachsenen-Gefängnis, „das schlimmste Geschenk, das man sich vorstellen kann“. 1,60 Meter war er damals groß und wog knapp sechzig Kilogramm. Tagsüber versuchte er, sich hart zu geben, nachts weinte er in seiner Zelle, ganz leise. Er trägt Röhrenjeans, ein enges Jeanshemd und eine schwarze Hornbrille. James liebt Hip-Hop, rappt und schreibt Lieder. Irgendwann sei ihm aufgegangen, dass vielleicht nie jemand seine Lieder hören werde, erzählt er in der Runde; dass der Welt vermutlich egal sei, was er denke und fühle. Einige seiner früheren Freunde studierten heute oder dienten im Militär – „vor mir liegt eine Ewigkeit im Gefängnis“.

Die verpassten Chancen im Leben treiben auch Jarrell Harper um. Er habe immer davon geträumt, Basketball-Profi zu werden, erzählt der großgewachsene Afroamerikaner. Tatsächlich seien er und sein Bruder zwischen Pflegefamilien herumgereicht worden; sie hätten immer gescherzt, dass sie vor seinem 18. Geburtstag noch die Fünfzig vollmachen würden. Als er in Familie Nummer 48 war, überfiel und tötete er jemanden. Lebenslänglich plus zehn Jahre lautete seine Strafe. Falls er doch jemals rauskomme, sagt Jarrell, dann hätte er gern einen Kühlschrank. Er habe noch nie einen Kühlschrank besessen mit Essen, das nur ihm gehöre. „Aber ich weiß gar nicht, was das eigentlich bedeutet, Freiheit. Ich war noch nie frei und werde es wohl nie sein“, sagt er.

Finden die Männer ihre Urteile zu hart? „Was ist schon fair, wenn man jemandem das Leben genommen hat?“, fragt James zurück. Er habe etwas Unermessliches genommen. Das Opfer habe auch Geschwister und Eltern gehabt. Jeden Tag müsse er damit leben, ein Mörder zu sein. In dieser Gruppe aber könne er darüber reden, was er getan habe. „Hier bin ich mehr als meine Straftat.“ Wovon die meisten in der Runde nur träumen, wird für Joel bald wahr: Seine Haftstrafe wurde unter SB 9 revidiert, von lebenslang zu 25 Jahren. Am 25. Dezember darf er das Gefängnis unter Bewährungsauflagen verlassen. Zunächst werde er in einem betreuten Wohnheim für ehemalige Straftäter leben, dann nehme sein Bruder ihn auf. Am meisten freue er sich auf seine Mutter und seine drei Neffen. Sein Vater starb vor vier Jahren. „Als Erstes werde ich ein Rib-Eye-Steak essen“, sagt er in das Gelächter der Gruppe hinein, noch nie habe er Rinderfilet gehabt, “aber ich hab gehört, das schmecke gut“.

Sehnsucht nach einem Bad

Eine Selbsthilfegruppe wie die in Lancaster hatte Cohen Curtis nicht. Er erfuhr auch zunächst nichts von den Gesetzesänderungen in Kalifornien. Dennoch schwor er dem Gang-Leben – das auch hinter den Gefängnismauern fortbesteht – ab, brachte sich selbst Lesen und Schreiben bei. Er besuchte Kurse wie „Bewusstsein für die Opfer schaffen“ und „Umgang mit Wut“, gründete die Selbsthilfegruppe „Gang-Prävention“. Und er versuchte zu verdrängen, dass er nie wieder in einem Schwimmbad Bahnen ziehen würde, wie er es als Jugendlicher so gerne getan hatte. Oder in einer Badewanne liegen. Die Hoffnung, jemals wieder das Gefängnis zu verlassen, hatte er weitgehend aufgegeben, nur einmal betete er noch: Wenn es dich gibt, Gott, dann sende mir ein Zeichen. „Das ist alles, was dir im Knast noch bleibt“, sagt Cohen. Ein paar Monate später erhielt er einen Brief von der University of Southern California, von einer ehrenamtlichen Einrichtung namens Post Conviction Justice Project – Juristen, die Straffälle von Jugendlichen aufnehmen, von denen sie glauben, dass sie unter der geänderten Gesetzeslage eine Chance auf Revision haben. Cohens Fall sei einer davon, schrieb ihm die Anwältin Heidi Rummel: Unter SB 9 könnte seine Haftstrafe womöglich auf 25 Jahre mit Chance auf Bewährung revidiert werden. Cohen sagt, an dem Tag habe er angefangen, an Gott zu glauben.

Seitdem lebt er auf den Moment hin, an dem er vor Gericht tatsächlich eine zweite Chance bekommen könnte. „Ich bekomme aber auch Angst, wenn ich darüber nachdenke“, erzählt er über das Gefängnistelefon. Ihm ist bewusst, dass er mittlerweile länger im Gefängnis war als draußen. Jüngst habe er einen HD-Fernseher gesehen, „das sah total unecht aus“. Er sei ein Dritte-Welt-Bürger.

„Ich schäme mich“

„Nur in der Gang fühlte ich mich stark. Ich war kein Individuum.“ Cohen Curtis, 39

An dem Tag, an dem Cohen sein Leben zurückbekommen könnte, verlässt er nun den Zeugenstand und nimmt neben seiner Anwältin Rummel Platz. Sie liest ihr Schlussplädoyer vor, die Stimme zittert, monatelang hat sie sich auf diesen Moment vorbereitet. Rummel zitiert das wissenschaftliche Gutachten einer klinischen Psychologin, die Cohen mehrfach untersucht hat und ihm eine mindestens durchschnittliche Intelligenz bescheinigt – jetzt, wo sein Gehirn vollständig entwickelt ist. Sie zitiert ein Zeugnis vom Gefängnispersonal, das Cohen eine außergewöhnlich gute Führung und persönliche Reifung attestiert. Sie trägt Abschnitte aus einem Brief vor, in dem sich Cohen bei dem Sohn des Mannes entschuldigt hat, der in jener Nacht 1993 ums Leben kann: „Ich hatte kein Recht dazu, dich deines Vaters zu berauben. Ich schäme mich dafür. Und ich weiß, meine persönliche Reifung entbindet mich keiner Schuld.“ Dann setzt sich Rummel. Mehr kann sie nicht tun.

Richter White richtet sich auf, blickt von seinem Pult auf Cohen. In seiner Laufbahn habe er schon vieles gehört, sagt er, aber selten sei die Kriminalität in der Familie so abscheulich gewesen wie im vorliegenden Fall. Dann sagt er diesen einen Satz: „Ich revidiere das Urteil zu 25 Jahren mit der Chance auf Bewährung.“ Cohen sitzt erst regungslos da, dann sinkt sein Kopf auf die Brust. Später wird er erzählen, dass er kurz zuvor gebetet habe: Gott, vertrau du mir nun einmal. Und auch wenn dieses Urteil noch kein Freispruch ist, sondern nur die Chance auf Bewährung und das erst in gut zwei Jahren – es ist ein Lichtstreifen am Horizont nach Jahren der Dunkelheit.

Strafrechtsreform in den USA

Mit 319 Millionen Einwohnern stellen die USA 5 Prozent der Weltbevölkerung, aber 25 Prozent der weltweit Inhaftierten – so viel wie kein anderes Land. 2,3 Millionen Personen sitzen derzeit in amerikanischen Gefängnissen, 1980 waren es noch 500.000. Grund für die stark gestiegene Inhaftierungsquote sind die vergleichsweise harten Strafmaße in den USA. Angesichts steigender Kriminalitätsraten in den achtziger und neunziger Jahren begann die Regierung Clinton schließlich die Initiative „Tough on Crime“ und beschloss, an Straftätern ein abschreckendes Exempel zu statuieren – insbesondere an Minderjährigen. Zwischen 1985 und 1997 verdoppelte sich die Zahl Minderjähriger in Erwachsenen-Gefängnissen. Seit Anfang der 2000er Jahre können Jugendliche in allen Gliedstaaten unter dem Erwachsenenstrafrecht angeklagt werden. Auch wurden bereits für geringfügige Drogendelikte sehr lange Haftstrafen erlassen. Zudem verabschiedeten die Staaten Mindeststrafmaße für verschärfende Tatbestandsmerkmale: In Kalifornien etwa muss ein Richter bei Straftaten, die im Kontext von Gangs begangen wurden, automatisch eine Anzahl von Haftjahren hinzufügen; bei einem Hauseinbruch beispielsweise 15 Jahre. Wurde eine Schusswaffe benutzt, kommen weitere 25 Jahre hinzu. Kritiker bemängeln, dass sich durch die Vorgaben der Ermessensspielraum des Richters vermindert und schnell Haftstrafen von 50 oder 60 Jahren zustande kommen. Angesichts der überfüllten Haftanstalten hat Präsident Obama diesen Sommer eine Strafrechtsreform angekündigt und den Kongress aufgefordert, Mindeststrafen für nicht gewalttätige Drogenkriminelle abzuschaffen. Auch sollen die Rehabilitierungsmaßnahmen für verurteilte Straftäter verbessert werden. Zu den Gegnern derartiger Reformen gehören die Betreiber der Gefängnisse, welche oft auf Profitbasis agieren sowie Gewerkschaften des Gefängnispersonals.