Brandon Wade / Reuters

Vor fünfzig Jahren

Amerikas erster Sniper: Der Rausch des Mordens

von Ronald Gerste / 01.08.2016

Am 1. August 1966 besteigt Charles Whitman den Turm der University of Texas und packt sein Waffenarsenal aus. Der Amoklauf wurde in Filmen thematisiert, und auch in der Realität hat er Schule gemacht.

Zum Entsetzen hat sich längst eine resignative Macht der Gewohnheit gesellt. Wenn in den USA Eilmeldungen vom allzu vertraut gewordenen Schrecken künden, fehlen zwei Begriffe selten: active shooter oder sniper. Dann kommen in kurzer Abfolge neue Opferzahlen über CNN oder Twitter, bis sich die Arithmetik des Grauens stabilisiert.

Geschichten, die sich gleichen

Vor fünfzig Jahren schleppte der Urvater der mental gestörten, waffenverliebten und mediale Aufmerksamkeit heischenden Massenmörder seine riesige Tasche aus dem Auto, lieh sich einen Sackrolli und schritt mit seiner kaschierten Ausrüstung auf das Hauptgebäude der University of Texas mit ihrem weithin sichtbaren, knapp hundert Meter hohen Turm zu. Charles Whitman war an diesem 1. August 1966 gewillt, sich in die Geschichtsbücher einzutragen.

Seine Vita klingt inzwischen, nachdem seine zahlreichen Epigonen über die amerikanische Gesellschaft gekommen sind, wie ein vertrautes Narrativ. Ein hochintelligenter Bub wächst heran, wird vom autoritären Vater ebenso verprügelt wie die Mutter und lernt von ihm, die Quintessenz amerikanischer Virilität zu schätzen: Schusswaffen in allen Grössen und Ausführungen. Zur Perfektion bringen ihn die Marines, bei denen er sich als Scharfschütze ausbilden lässt – wie kurz zuvor der Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald.

Whitman studiert in Austin, heiratet, beginnt unter Kopfschmerzen zu leiden und nimmt reichlich Tabletten. An diesem 1. August bringt er zunächst seine Mutter, dann seine Frau Kathy um. Am Turm angekommen, fährt er per Aufzug zum Aussichtsdeck, wo er drei Besucher tötet. Er packt seine Waffensammlung aus und beginnt kurz vor 12 Uhr mittags von seinem Posten in fast hundert Meter Höhe für rund eineinhalb Stunden mit Präzisionsgewehren wahllos auf Menschen zu feuern. Erst als zwei Polizisten die Plattform stürmen und ihn erschiessen, hat der Horror ein Ende. Whitman hat vierzehn Menschen umgebracht und dreissig verletzt, von denen zwei später den Folgen erliegen werden.

1966 ist ein solch wahlloser Massenmord noch so ungewöhnlich, dass die Untat Kulturschaffende inspiriert. Zwei Jahre später dreht Peter Bogdanovich den Low-Budget-Film „Targets“ („Bewegliche Ziele“), in dem ein alternder Horrorfilmdarsteller – stimmigerweise verkörpert von Boris Karloff – einen nach Whitman modellierten Killer überwältigt. Der Film konfrontiert eine traditionelle cineastische Schreckensfigur mit dem modernen Typus des Monsters: adrett gekleidet, mit bürgerlichem Habitus und amerikanischer, im Falle Whitmans strohblonder Kurzhaarfrisur – in einer Zeit, da dem Bürgertum primär die Langhaarigen, die Hippies, die Vietnam-Kriegsdienst-Verweigerer als Gefahr erscheinen. In anderen bluttriefenden Filmen wie „Full Metal Jacket“ und „Natural Born Killers“ wird auf Whitman Bezug genommen; Kurt Russell stellt ihn 1975 in einer TV-Produktion dar, und in die zeitgenössische Unterhaltungsmusik geht er mit Harry Chapins „Sniper“ ein.

Notruf mit Nachhall

Zu zahlreich sind inzwischen die Todesschützen, die nach ihm kamen, um noch Platz in der Populärkultur zu finden. Die Untersuchung des Amoklaufs ordnete 1966 übrigens der Gouverneur von Texas, John Connally, an – der Mann, der drei Jahre zuvor mit seinem Präsidenten in einer offenen Limousine durch Dallas fuhr und dessen Ausruf, als ihn eine (letztlich nicht tödliche) Kugel Oswalds traf, in jedem Tweet nachzuhallen scheint, den verzweifelte Opfer eines Amokläufers heute absetzen: „My God! They’re going to kill us all!“