KOLUMNE

An diesem Morgen habe ich kein Volk

Meinung / von Peter Strasser / 03.11.2015

Zuerst ist die Volksrepräsentantin dafür, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei. Dann entschuldigt sich die Volksrepräsentantin dafür, dass sie dafür gewesen sei, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei. Denn, so die Volksrepräsentantin, sie selbst habe jüdische Freunde.

Das ist gut und schön, lässt der Generalsekretär jener Partei des Volkes verlauten, der die Volksrepräsentantin im Nationalrat angehört, aber wenn es stimme, dass sie dafür gewesen sei, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei, dann habe sie fortan keinen Platz mehr in der Partei des Volkes.

Auf die Nachfrage im Morgenjournal unseres Staatsfunks, ob es nicht etwa zur Brauchtumspflege jener Partei des Volkes gehöre, dafür zu sein, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei, um anschließend zu dementieren, dass man jemals dafür gewesen sei, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei, belehrt der Generalsekretär des Volkes staatsmännisch den Staatsfunk: Zwar sei man niemals dafür gewesen, dass es stimme, dass das Geldjudentum an allem schuld sei, doch lasse man sich nie und nimmer vorschreiben, wofür man als demnächst hundertprozentig stärkste Stimme des Volkes im Lande sein dürfe.

Vox populi, vox Dei, das möge sich der Staatsfunk erst einmal ausdeutschen lassen! An diesem Morgen habe ich kein Volk. Das verschafft mir das angenehm eitle Gefühl, ein regelrecht intelligenter Mensch zu sein.

Die Volksrepräsentantin wurde mittlerweile aus ihrer Partei ausgeschlossen mit der Begründung, sie habe eine rote Linie überschritten. Ich glaube, diese rote Linie zu kennen. Es ist, könnte man sagen, die Lieblingsrotelinie der Partei …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.