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Reise-Meditation

Andrzej Stasiuks grandiose Reise-Meditationen: Der Osten in uns selbst

von Andreas Breitenstein / 26.07.2016

Lange war der Pole Andrzej Stasiuk vor der ganz grossen Leere zurückgescheut, die sich weiter gen Osten erstreckt. Nun endlich ist er nach Russland, in die Mongolei und nach China aufgebrochen.

Der 1960 geborene Andrzej Stasiuk war lange der Berserker unter den polnischen Schriftstellern. Als rebellischen Zögling der autoritären kommunistischen Erziehung zum guten Menschen hat ihn stets das Wilde und Ungezähmte fasziniert, ob dies nun in der Mitte der Gesellschaft schlummerte oder an deren Rändern wucherte. Aufgewachsen in der ärmlichen Vorstadt Warschaus, hat Stasiuk in seinen autobiografischen Erzählungen einen unbestechlich klaren, ja hellsichtigen Blick für kulturelle Verwerfungen entwickelt. Wenn er in seinen ebenso berückenden wie beklemmenden, zarten wie zornigen Texten Menschen oder Milieus, Szenerien oder Stimmungen evoziert, ist das Moderne stets von Atavismen umlagert.

Bei aller Präzision in den Details geht es Stasiuk stets ums grosse Ganze. So war es ein existenzielles Statement, als er sich 1986 von der Metropole abwandte und sich in den menschenleeren Beskiden an der Grenze zur Slowakei niederliess. Längst ist Stasiuk selbst Teil der Erhabenheit des Abseitigen geworden, dem er obsessiv nachspürt – weit über Polens Grenzen hinaus im „kakanischen“ Galizien, in „Dojczland“ und im tiefen Ostmittel- und Südeuropa.

Zeitalter des Kollektivismus

Vor der ganz grossen Leere, die sich weiter im Osten erstreckt, war Stasiuk lange zurückgescheut. Nun aber ist er aufgebrochen in das „Reich der Wunder“, wo Schmerz und Sehnsucht eins sind – in der verlorenen ostpolnischen Welt der Grosseltern am Bug, in Russland als der Mutter aller kommunistischen Verheerung und in China, dessen Masse und Macht heute alles zu unterwerfen droht. Doch nicht nur den geografischen, auch den metaphysischen Osten erforscht Stasiuk in seiner Prosa, in der sich Reisebericht und Ich-Suche, Erinnerung und Reflexion zu einem kalt glühenden Erzählstrom vereinen. Zugleich besiegelt „Osten“ die Abkehr des Autors vom Westen. Die posthistorische Welt der Surrogate, der Politik- und Sozial-Kybernetik sowie der Political Correctness ist dem Aficionado der Wirklichkeit innerlich fremd.

Mit dem Erwerb der Einrichtung eines alten Kolchosenladens und einem Proustschen Moment hebt der Band an. Deren Geruch lässt im Ich-Erzähler das ganze Zeitalter des Kollektivismus mit seiner „Ökonomie des Mangels“ hochkommen, wie er sie als „begriffsstutziger Junge aus der Stadt“ einst bei den Besuchen auf dem Land erlebte – die langen Schlangen „fügsamer Frauen“ vor dem Dorfladen, die absolute Macht des Herrn über die Waren, das Warten und das Flüstern, die „unglaubliche Menge“ Zeit, die man hatte, ein Ahnen von Liebe und Gewalt, eine Sinfonie von Düften, Formen und Lauten, die allesamt entschwunden sind.

Bis in die Aussenbezirke Warschaus reichte das polnische Dorf mit seinen geduckten Häusern. Hier, wo Stasiuk aufwuchs, lebt noch seine alt und klein, ratlos und ängstlich gewordene, ruhelos in der Küche umhertippelnde und Radio Maryja hörende Mutter, die er aufsucht, bevor er aufbricht – nach Moskau oder Irkutsk, Bratsk oder Transbajkalsk, Tschita oder Ulaanbaatar.

Das Psychogramm ihrer verlorenen Existenz durchzieht das Buch, denn als Heimatvertriebene ist sie nie am neuen Ort angekommen. Wie sie einst „Kanonenfutter des Kommunismus“ war, steht vor dem nahen Bahnübergang „sanft wie Lämmer“ und „in immer grösseren Autos“ das „kapitalistische Kanonenfutter“ im Stau. Wo die Jungen nach der Zukunft haschen, ist die Mutter im Zusammenleben mit ihren Toten ganz Vergangenheit: Einst tauchten ausgehungerte junge russische Rotarmisten auf, assen Hühner samt Federn. Die Wälder füllten sich mit Partisanen. Treblinka lag nahe, war aber kein Thema. Dann kam das Glück, sich wieder satt essen zu können, und später das Leben im ganz normalen Kommunismus. Woran sich nach 1989 das Unvermögen anschloss, mit der Freiheit etwas anzufangen. Das Unglück der Mutter steht dafür, wie fremd sich „das ganze Volk“ gefühlt haben muss, als man ihm die Heimat wegnahm. Die ewig in der zweiten Reihe stehen, melden sich heute politisch zurück.

Es ist eine quasi geologische Expedition, wenn der Erzähler dem „Schauer“ des Realsozialismus nachreist, der „von Kamtschatka bis an die Elbe“ lief. Denn „wenn sich etwas über zehntausend Kilometer Länge erstreckt, ist es nicht ausschliesslich ein historischer Prozess“. Je weiter in den Osten er vordringt, desto hörbarer wird die Erschütterung, die das System hinwegfegte. Deutlich sichtbar liegen die Zeichen der Katastrophe, und nachts werden die Geister der Weltgeschichte wach.

Narben der Utopie

Nach Russland, nach Sibirien, in die Innere Mongolei und schliesslich nach China geht die Fahrt. Durch Städte und Wälder, Steppen und Wüsten. Es ist eine Reise durch kontaminierte Landschaften, gegen den eigenen Widerwillen – denn es war das sowjetische „Vaterland des Weltproletariats“, das Europas Osten versklavte, und es ist China, das als „Wunder des neuen Egalitarismus“ mit seinem Plastic-Kram-Materialismus das heutige geistige Vakuum der Welt füllt, ohne auf Widerstand zu stossen.

Mit bohrender Intensität beschreibt Stasiuk die Wunden und Narben der Utopie, übt Kritik und ringt um Erklärung und kann doch nicht umhin, in der Begegnung mit den Phänotypen und Artefakten von einst nostalgisch zu werden. Die aus Halbfabrikaten gefertigten schäbigen Städte Sibiriens mögen die Krätze haben und die Menschen den Überlebensmix aus Duckmäusertum und Überheblichkeit, Angst und Aggression weiterpflegen – der Zone, die einst Zukunft war, wohnt dennoch eine Schönheit inne, die Staunen und Schmerz, Ekel und Erregung weckt.

In der Mongolei dünnt sich die Wirklichkeit aus, Eis, Staub und Sand lassen die Szenerie in eine Monochrome kippen, in welcher der bunte chinesische Tand umso greller aufleuchtet. Nur in der monumentalen Gleichgültigkeit dieses Raumes, so Stasiuks These, konnten so megalomane Projekte entstehen, wie der Kommunismus mit seiner Idee der Überwindung der Materie eines war. Wo der europäische Osten als grosses Grab erscheint, verschwinden die Menschen hier, indem die Vögel die Toten ausweiden. Es bleiben verstreut die Knochen. Ein kosmischer Kreislauf leuchtet auf, der den Erzähler zum Gedanken verführt, dass er seinen eigenen Platz zum Sterben gefunden habe.

Und doch schläft der Raum nur und brütet eine neue Zukunft aus – bleibt der Sieg des Ich über das Allgemeine, des individuellen Sinns über die metaphysische Leere temporär. Viele, die Stasiuk unterwegs trifft, warten nur darauf, dass die Vergangenheit wiederkehrt. So erscheinen ihm die Menschen des Ostens weniger als politische Akteure des eigenen Daseins denn als Teil einer von der Natur geprägten schicksalhaften Macht.

Mythisch sind solche Gedanken, mythisch aber auch die Szenen, die Stasiuk in der mongolischen Steppe zwischen Jurten, Kamelen und Schotterpisten erlebt. Gegen die Kälte der Nacht in der Wüste Gobi hilft Schnaps, und die Gastfreundlichkeit der Leute ist unvergleichlich. Aus der Kargheit der Gegend entbirgt sich die Fülle, es schlägt die Stunde der Empfindung nackter Lebendigkeit.

„Der Osten“ ist kein Roman, sondern ein stark mäandrierender und doch wuchtig fliessender assoziativer Monolog aus Beobachtung und Bekenntnis, Erinnerung und Hommage, Reflexion und Vision. Man mag sich im Labyrinth endzeitlicher Annäherungen an die Metapher des Ostens mitunter verlaufen – und bleibt doch getragen von der Poesie der Sprache und der Kraft einer Anschauung, der über aller Bitterkeit Ironie und Heiterkeit nicht abgehen. Viele grossartige Werke hat Andrzej Stasiuk verfasst, doch dieses hier schlägt alle – nach Osten geht der geheimnisvolle Weg, auch in den Osten unseres Selbst.