Marie-Astrid Langer

Anschlag auf Schwulenklub in Orlando: Die längste Nacht

von Marie-Astrid Langer / 24.09.2016

Drei Monate nach der tödlichsten Massenschiesserei in der Geschichte der USA versuchen die Stadt Orlando und ihre Schwulenszene zur Normalität zurückzufinden. Doch die Wunden klaffen.

«Pool Party» ist das Motto des heutigen Abends. Schon in der Schlange vor dem Eingang stehend hört man die Gäste im Wasser planschen. Das «Parliament House» ist einer der ältesten Schwulenklubs Orlandos und auch an diesem Samstag gut besucht. Dutzende Gäste warten noch vor der Kasse, Männer 5 Dollar, Frauen 9 Dollar Eintritt. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass sich etwas verändert hat: Da ist der Polizist, der jeden Gast mit einem Metalldetektor untersucht, Rucksäcke und Handtaschen durchwühlt. Männer müssen ihr T-Shirt hochziehen und zeigen, dass sie keine Waffe hinter der Gürtelschnalle verstecken. An jeder Tür stehen Sicherheitskräfte. Wer einmal im Freien war, wird erneut abgetastet, bevor er zurück auf die Tanzfläche darf. «Die Sicherheitskontrollen gab es vorher nicht», erzählt Raffaello. Der Hispanic steht seit fünf Jahren hinter der Bar. Neu sei auch, dass nun mehr Heterosexuelle in den Klub kämen. «Die wollen zeigen, dass sie die Schwulenszene unterstützen», dass sie sich nicht fürchteten, sagt er.

Männlich, jung, hispanisch

Vielleicht zehn Autominuten vom «Parliament House» entfernt erstreckt sich ein Meer aus Stofftieren, Blumen und Kerzen auf dem Gehweg. Absperrungen trennen das Trottoir an dieser Stelle von der angrenzenden South Orange Avenue – ein Zeichen für Autofahrer, Rücksicht zu nehmen. «Liebe besiegt Hass», steht auf einem Poster, «Ihr fehlt uns» auf einem anderen. Von Fotos lächeln Menschen herab, die meisten sind jung, männlich, hispanisch. Der Regen hat Wasserflecken auf ihre Gesichter gemalt. Um diese Jahreszeit regnet es täglich in Florida, auch die Teddybären und Mickymäuse aus Plüsch sind durchtränkt. Ein Schild mit der Aufschrift «Pulse» thront über dem Gehweg, das Gebäude dahinter ist von einem Sichtschutz verdeckt.

Ähnlich wie das «Parliament House» gehört der Nachtklub zu den bekanntesten Schwulentreffs der Stadt, besonders die «Latin Night» ist beliebt. Was hier am 12. Juni geschah, hat weltweit Schlagzeilen gemacht: Hunderte von Menschen drängen sich in den frühen Morgenstunden in den dunklen Räumen. Plötzlich zieht einer der Besucher eine Waffe. Die Sig-Sauer MCX ist ein halbautomatisches Gewehr, 45 Schuss pro Minute, gebaut für Sondereinsätze der amerikanischen Streitkräfte. Der Attentäter schiesst wahllos in die Dunkelheit. Gäste sacken zu Boden, Panik bricht aus, einige flüchten sich nach draussen, andere auf die Toiletten. Der Täter schiesst weiter, manche Leichen werden von einem Dutzend Kugeln durchlöchert sein. Diejenigen, die sich auf den Toiletten verstecken, sitzen in der Falle. Der Angreifer hört nicht auf zu schiessen, bis die Polizei den Klub stürmt und ihn niederstreckt.

Fotos gedenken an die Opfer. Der Regen hat Wasserflecken auf die Gesichter gemalt. (Bild: Marie-Astrid Langer)

Der Attentäter ist Omar Mateen, 29, Muslim, aus Südflorida. Ob er selbst schwul war, ist bis heute unklar. Dass er aus Hass gegen Homosexuelle handelte, ist hingegen gewiss. Mateen hat an diesem Abend 49 Menschen umgebracht, die meisten von ihnen waren noch keine 30, das jüngste Opfer 18 Jahre alt. 53 weitere Personen wurden verwundet, teilweise so schwer, dass sie bis heute nicht wieder laufen können. Es ist das Massaker mit den meisten Toten in der jüngeren Geschichte der USA, eines Landes, in dem Schiessereien zum Alltag gehören, das schon vorher von Amokläufen in Kinosälen, Grundschulen und bei Volksläufen traumatisiert war. Aurora, Newtown, Boston – nun reiht sich auch Orlando in die Liste der Anschlagsorte. Orlando, die Metropole der Unterhaltungsindustrie, die Heimat von Disneyland, der Universal Studios und das Herz der Schwulenbewegung im Südosten der USA. Wie hat diese Nacht die Stadt, wie die Schwulengemeinde verändert?

Das Center

Wer das verstehen will, muss in die Northern Mills Avenue fahren. Vor einem eingeschossigen Gebäude, am Ende einer Kette von Reihenhäusern, weht eine Regenbogen-Fahne. «Kostenlose HIV-Tests» steht auf einem Schild. Auf der Aussenwand des Gebäudes prangt ein Graffiti: ein männlicher Oberarm, auf dem Bizeps ist das Logo des «Pulse» tätowiert, darunter der Schriftzug «Orlando strong». Hier steht seit 40 Jahren das «LGBT Center of Central Florida», es ist das Herz der hiesigen Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transsexuellen-Gemeinde.

«Das Center ist nicht mehr das, was es vor drei Monaten war», erzählt der Geschäftsführer Terry DeCarlos. «Wir waren mal ein kleiner lokaler Verein, mit Beratungsangeboten und so. Heute kennt man uns auf der ganzen Welt.» DeCarlos ist ein grosser, schwerer Mann, den Schädel trägt er kahlgeschoren, in jedem Ohr einen Ring. Früher arbeitete er für die amerikanische Luftwaffe. «Dort haben wir für das Unerwartete trainiert. Aber für so ein Ereignis könnte niemand vorbereitet sein.» Auf dem Schreibtisch vor ihm steht eine Collage mit den Fotos der 49 Opfer. «Sie sind immer bei mir», sagt er. Gekannt hatte er viele von ihnen, drei waren seine Freunde. Mit einem hatte er wenige Wochen zuvor noch auf der «Gay Pride»-Parade in Disneyland gefeiert. Tränen laufen ihm über die Wangen, als er davon erzählt.

In den Stunden, Tagen und Wochen nach dem Anschlag im «Pulse» wurde DeCarlos zu einer zentralen Anlaufstelle – für das FBI, den Gouverneur, für Eltern, die an diesem Abend ein Kind verloren haben. Als Geschäftsführer des Centers ist er das Gesicht der hiesigen Schwulenbewegung. DeCarlos selbst war zum «Pulse» geeilt, sobald er von der Schiesserei gehört hatte. 2 Tote, hiess es zunächst, dann 20, schliesslich 50, den Täter mitgezählt. Die Nachricht war kaum draussen, da klingelte DeCarlos‘ Telefon. Eine amerikanische Airline rief an: «Wen auch immer du einfliegen musst, wir zahlen», sagte die Stimme am Ende der Leitung. Eine lokale Hotelkette bot ihm Apartments an, in denen die angereisten Verwandten wohnen konnten; viele der Opfer stammten aus Mexiko, Kuba oder Mittelamerika. Ein grosser Einzelhändler schickte einen Lastwagen voller Wasserflaschen zum Center. Dort sammelten sich innert weniger Stunden Hunderte von Menschen – sie wollten weinen, helfen, nicht alleine sein. «Es gab so viel zu koordinieren», sagt DeCarlos, «die Unterstützung war unglaublich.»

Ein Schild mit der Aufschrift «Pulse» thront über dem Gehweg, das Gebäude dahinter ist von einem Sichtschutz verdeckt. (Bild: Marie-Astrid Langer)

Sie hält bis heute an: In DeCarlos‘ Büro stapeln sich Kisten mit Spenden einer Bekleidungsfirma, Menschen aus aller Welt haben Grusskarten gesendet. Die Spitäler verzichteten darauf, den Verletzten die Behandlungskosten von insgesamt 5,5 Millionen Dollar in Rechnung zu stellen. Doch viele der Überlebenden plagen Gewissensbisse, erzählt DeCarlos. Andere kämpften mit Schlafproblemen, erlebten die Szenen im Klub immer wieder, den Geruch des Schwarzpulvers. Vor allem den Eltern gehe es schlecht.

Vor ein paar Tagen brachte das Center die Überlebenden des «Pulse»-Attentats mit jenen des Boston-Marathon-Anschlags zusammen, bei dem 2013 drei Personen getötet und 264 verletzt wurden. Trauer verbindet. Man ass Pizza, redete, spielte zusammen; ein Therapiehund wuselte durch den Raum. Um den Hinterbliebenen und Verletzten auch finanziell unter die Arme zu greifen, wurde der «One Orlando»-Fonds gegründet. 23 Millionen Dollar wurden bis heute dafür gespendet; wer wie viel bekommt, entscheidet sich dieser Tage. Angesichts der hohen Zahl von Opfern dürfte es nicht sehr viel sein. Wichtiger als Geld ist für DeCarlos aber der Rückhalt, den die Gemeinde auf einmal erfährt: Geistliche, die das Wort «Schwule» vorher nicht in den Mund nehmen wollten, haben Kontakt zu Homosexuellen aufgenommen und sich für ihr Verhalten entschuldigt. Selbst der konservative Gouverneur Rick Scott kam vorbei, um DeCarlos stellvertretend sein Beileid auszudrücken. Doch DeCarlos hat auch Negatives erlebt. Drei Morddrohungen habe er in den Tagen nach dem Anschlag erhalten, «wir bringen Mateens Arbeit zu Ende», stand in einem Brief. Angst habe er deswegen nicht, sagt er, aber wenn er auf ein Konzert gehe, stelle er sich nun in die Nähe des Notausgangs, «ganz unbewusst».

Terry DeCarlos, Geschäftsführer des LGBT Center (Bild: PD)

An seinem rechten Oberarm prangt ein unfertiges Tattoo: eine Pulslinie in Regenbogenfarben. «Da soll noch das Logo des ‹Pulse› drauf und das Datum», sagt DeCarlos. Irgendwann, wenn es wieder ruhiger wird, will er es fertigstellen lassen. Dann will er auch in die Berge fahren, alleine, und das machen, wofür er selbst noch keine Zeit hatte: trauern.

Die Politikerin

In der ganzen Stadt finden sich Spuren, die der Anschlag hinterlassen hat – Spuren des Mitgefühls, der Solidarität, auch jenseits der South Orange Avenue. Regenbogen-Fahnen hängen in den Souvenirläden der Universal Studios und in den Schaufenstern der Einkaufsstrasse Winter Park. Von Strassenlaternen wehen Flaggen mit dem Schriftzug «Orlando United».

«Ich liebe meine Stadt, ich will nicht, dass sie durch eine solche Hasstat gebrandmarkt wird», sagt die Stadträtin Patty Sheehan. Besuchern schenkt sie einen Schlüsselanhänger, «#LoveWins», ist dort eingraviert – ein Versuch, Optimismus zu verbreiten. Sheehan ist seit 16 Jahren für den Kreis 4 zuständig, jenen Bezirk, in dem auch das «Pulse» liegt. Sie war dort häufig, ist selbst lesbisch, seit Jahrzehnten kämpft sie als Aktivistin für die Rechte Homosexueller. «Zwischen 25 und 30 habe ich die Hälfte meiner Freunde an Aids verloren, uns wurden unsere Jobs gekündigt, die religiöse Rechte hat uns unterdrückt. Das alles haben wir geschafft. Und nun das», sagt sie. «Ich hatte gehofft, dass unser Kampf der nächsten Generation ein besseres Leben ermöglicht. Stattdessen werden sie erschossen, beim Tanzen.» Mit dem Attentat im «Pulse» hätten besonders die Jungen einen Rückzugsort verloren.

Patty Sheehan, Stadträtin von Orlando. (Bild: PD)

Nach wie vor werden Homosexuelle in Florida diskriminiert. Jemandem kann die Arbeitsstelle gekündigt oder eine Mietwohnung verwehrt werden, weil er oder sie homosexuell ist. Auch einige Politiker Floridas – der konservative Senator Marco Rubio etwa oder der republikanische Gouverneur Rick Scott – sind als Gegner der Rechte von Schwulen bekannt. Sheehan hofft, dass sich das im Nachklang des Attentats vom 12. Juni ändern wird. «Wenn die Öffentlichkeit hinter uns steht, werden es auch bald die Politiker tun», sagt sie. Der Bezirksbürgermeister habe versprochen, bei der nächsten Schwulenparade mit durch die Stadt zu ziehen.

Doch dieser Kampf ist nicht der einzige, dem sie sich verschworen hat. Der 12. Juni hat, wie bei so vielen, Sheehans Wut auf die Waffenlobby geschürt. Dass nahezu jedermann in den USA Kriegsgerät kaufen könne, sei ein unhaltbarer Zustand. Die Waffengesetze in Amerika seien zu lax, findet sie heute. Dabei besitzt Sheehan selbst eine Handfeuerwaffe. «Ich musste auf schmerzvolle Weise lernen, dass wir strengere Waffengesetze brauchen», sagt sie.

Der Jugendliche

Mit verschränkten Armen steht Cody Kennedy vor dem «Pulse». Stumm blickt er auf die Stofftiere. Der Anblick mache ihn traurig, sagt er schliesslich. Dann schweigt er wieder. An seinem Handgelenk trägt er Armbänder in den Regenbogenfarben. Es ist das erste Mal seit dem 12. Juni, dass der 21-Jährige an den Tatort gekommen ist; er hat drei Freunde mitgebracht. Kennedy ist selbst schwul. Wenige Tage vor dem Attentat tanzte er im «Pulse». Der schlaksige Mann, der Politikwissenschaften studiert, sagt: «Ich hätte auch hier sein können.» Er war es nicht, und keiner seiner Freunde war es. Immer wieder schaut er sich auf Youtube die Videos an, die die Überwachungskamera einer Tankstelle gegenüber des «Pulse» aufgezeichnet hat. Darauf sind die Schüsse zu hören, «jeder Schuss ein Leben», sagt Kennedy, «bam bam bam».

Cody Kennedy, Politik-Student (Bild: Marie-Astrid Langer)

In den Stunden nach dem Anschlag wollte er bei einer Blutbank spenden, doch man wies ihn ab: In den USA ist dies schwulen Männern verboten, wenn sie nicht ein Jahr lang sexuell abstinent waren. Noch heute wird er wütend, wenn er davon erzählt. «Das war ein Anschlag auf unsere Gemeinde. Und wir dürfen nicht helfen?» Stattdessen habe dann seine Mutter Blut gespendet. Was hätte ich tun können, um den Anschlag zu verhindern? Wieso durfte ich feiern und nach Hause gehen – und andere sind jetzt tot? Wieso hasst uns jemand dafür, wie wir leben und wen wir lieben? Diese Fragen treiben ihn seit jener Nacht um. Er bespricht sie mit seinen Freunden, gemeinsam versuchen sie, den Vorfall zu verarbeiten. Und sie versuchen, jüngeren Homosexuellen Mut zu machen. Kennedy ist sich sicher: Wenn ein Jugendlicher sich vor einem Comingout fürchtete, dann traue er sich jetzt erst recht nicht.

Während Kennedy und seine Freunde vor dem «Pulse» stehen, halten immer wieder Autos an. Menschen steigen aus, machen Fotos, ein Mann hat einen Selfie-Stick dabei. Der Tatort ist zur Touristenattraktion geworden. «Es ist Teil des Unterhaltungsprogramms», erzählt der Kellner in einem Café gegenüber. Wenn man nach Orlando komme, stünden auf dem Pflichtprogramm Disneyworld, die Universal Studios – und nun eben noch der Ort der Massakers.