Toussaint Kluiters / Reuters

Verhüllungsverbot

Antlitz und Aufklärung

von René Scheu / 30.08.2016

Kann, wer von Burka und Nikab spricht, vom menschlichen Gesicht schweigen? Und gehört das entblösste Antlitz nicht gerade zum Fundament der Aufklärung?

Soll sich nicht jeder Bürger nach eigenem Gusto anziehen dürfen? – Es ist einer selbstbewussten Gesellschaft nicht würdig, Kleidervorschriften zu erlassen. Und selbst wenn jene, die sich verhüllen, die Kleidung als politisches Statement der Abgrenzung verstanden haben wollen, brauchen sich aufgeklärte Zeitgenossen diesen Massstab nicht zu eigen zu machen. Ganz im Gegenteil. Auf eine fundamentalistische Aktion mit einer ebensolchen in Verbotsform zu antworten, ist ein Verrat an den Idealen der Aufklärung.

So oder ähnlich ist es immer wieder zu lesen und zu hören. Allein, sind die Verhältnisse so klar? Was, wenn es weder um Bekleidung noch um Machtgebaren geht, sondern um die Bedeutung des menschlichen Gesichts für ein Zusammenleben in aufgeklärtem Geiste? Die Aufklärung pflegt den kritischen Diskurs – doch bleibt sie dabei auf ein Fundament angewiesen, das zuweilen selbst der Aufklärung bedarf.

Immanuel Kant hat in seiner paradigmatischen Schrift Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ definiert. Diese Kulturarbeit können die Einzelnen nicht nach Belieben für sich leisten. Es handelt sich in Kants Augen um eine Frage nicht bloss des persönlichen Willens, sondern auch und vor allem der kulturellen Kondition.

Eine aufgeklärte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie gleichsam einen eigenen Sportsgeist unterhält: Sie weiss, dass es ein freies Trainingsfeld der Vernunft braucht, und hält es offen. Genau das meint Kant mit Öffentlichkeit – darin klärt das Publikum sich selber auf, indem es „öffentlichen Gebrauch seiner Vernunft“ macht.

Zum Prinzip der aufgeklärten Öffentlichkeit gehört es, dass sich Menschen offen begegnen. Es ist das unverhüllte Angesicht, das einerseits für die eigene Aussage bürgt. Anderseits appelliert es in seiner Nacktheit zugleich an den Anderen, dieser möge sich der eigenen Freiheit innewerden und sie verantwortungsvoll nutzen. Der französische Philosoph und Talmud-Gelehrte Emmanuel Lévinas hat diesen Aspekt in seinem Werk besonders hervorgehoben und aus der Begegnung mit dem Antlitz das Prinzip aller menschenmöglichen Ethik gemacht.

Am Anfang steht das nackte Antlitz, seine „gerade schutzlose Darbietung“. Dasselbe Antlitz, das zu Gewalt einlädt, indem es sich darbietet, stellt zugleich den grössten Widerstand gegen jeden Gewaltakt dar. Seine offenbarte Schutzlosigkeit gewährt ihm erst Schutz. Es gemahnt den Anderen an seine eigene Schwachheit und ruft ihn dadurch zu einer Verantwortung in Freiheit auf, der er sich nicht entziehen kann.

Wer sein Gesicht verhüllt, will damit verhindern, zum Objekt des Blicks eines Anderen zu werden. Doch gerade dadurch macht er sich zu einem Objekt – man spricht über die Sichverhüllenden statt zu ihnen. Es kann so keine Rede zustande kommen, worin der Andere nicht vereinnahmt, sondern gehört wird, worin er nicht „Thema“, sondern „Gesprächspartner“ ist. Echte Rede lässt sich nach Lévinas nicht von dem trennen, was er in „Totalität und Unendlichkeit“ die Erfahrung des „Von-Angesicht-zu-Angesicht“ nennt.

Ohne Antlitz – ohne das unverhüllte, entblösste Gesicht – gibt es keine gemeinsame verantwortungsvolle Rede. Ohne verbürgte Rede gibt es keine Öffentlichkeit. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Aufklärung, mithin keine universelle Vernunft, an der trainierenderweise alle teilhaben. – Wer sich der eigenen aufgeklärten Haltung versichern will, darf, ja muss sich die Frage stellen: Gehören Aufklärung und Antlitz nicht untrennbar zusammen?