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KOLUMNE

Arme Arbeit

von Konrad Paul Liessmann / 27.04.2016

In vielen Ländern, darunter Österreich und Deutschland, sowie in einigen Kantonen der Schweiz ist der 1. Mai ein gesetzlicher Feiertag. Warum dies so ist und was da eigentlich gefeiert wird, ist so klar nicht mehr. Aus dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse und dem Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes wurde mancherorts der Tag der Arbeit, anderswo ein Tag des Friedens oder einfach nur ein Straßenfest für prekär Beschäftigte. Da in diesem Jahr der 1. Mai auf einen Sonntag fällt, ist dies auch nicht weiter von Belang, aber ein schöner Hinweis darauf, dass es an der Arbeit nur mehr wenig zu feiern gibt.

Die Arbeit hat es schwer. Und dies in mehrfacher Hinsicht. Sie ist, in Zeiten der großen Transaktions- und Spekulationsgewinne, längst nicht mehr die einzig relevante Quelle von Wohlstand und Reichtum. Eher im Gegenteil: Immer mehr Menschen können auch in den entwickelten Ländern von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Sind auf Unterstützung angewiesen, die zu einem guten Teil aber von Steuern finanziert wird, die auf ebenjener Arbeit lasten; andere Formen der Einkommens- und Vermögensbildung werden ausgeblendet. Vor allem aber setzen Automatisierung und Digitalisierung die Arbeit unter Druck.

Die Arbeit wird uns zwar nicht ausgehen, aber sie wird ihre Gestalt radikal ändern.

Konrad Paul Liessmann

Die digitale Revolution ist nach Ansicht ihrer Proponenten eine seltsame Sache: Einerseits sollen Automatisierungsprozesse und Robotik zahlreiche, auch qualifizierte Formen der Arbeit ersetzen und überflüssig machen, andererseits aber soll an dem Modell, das seit der Industrialisierung die (Lohn-)Arbeit zum entscheidenden Faktor der Wertschöpfung, zum wichtigsten Kriterium für das Selbstwertgefühl des Menschen und zur vorrangigen Quelle für die Einnahmen des Staates gemacht hat, unerbittlich festgehalten werden. Das kann nicht gutgehen.

Die technische Entwicklung zwingt uns, den Begriff der Arbeit neu zu denken. Und neu denken heißt, wie so oft, sich zu erinnern. In dem Maße, in dem wir nicht mehr gezwungen sind, im Schweiße unseres Angesichts unser Brot zu verdienen, weil dies von Automaten erledigt wird, wird der Mensch frei für andere Tätigkeiten, die nicht mehr unmittelbar der Produktion von Gütern dienen und kein Lohnarbeitsverhältnis mehr voraussetzen. Menschen können etwas hervorbringen oder gestalten, sie können sich engagieren oder jemanden unterstützen, sie können sich mit Kunst auseinandersetzen oder politisch intervenieren. Poiesis und Praxis, Herstellen und Handeln nannte Aristoteles diese Aktivitäten jenseits der Arbeit.

Die Chance der Digitalisierung und der Automatisierung, die Chance von Industrie 4.0 läge darin, das Feld der menschlichen Tätigkeiten neu zu definieren und neu zu bewerten. Die Arbeit wird uns zwar nicht ausgehen, aber sie wird ihre Gestalt radikal ändern. Die Frage ist nicht nur, welche und wie viele Arbeitsplätze durch den technischen Fortschritt verloren gehen und wo neue geschaffen werden können, sondern es muss auch, vielleicht vorrangig, darum gehen, immer offenere und vielfältigere menschliche Tätigkeiten von dem Modell der Erwerbsarbeit sukzessive zu entkoppeln.

Damit diese Chance genützt werden kann, müssen die ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen diesem Prozess angepasst werden. In diesem Kontext hat auch die derzeitige Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen durchaus ihre Berechtigung, so unausgegoren die Forderung auch sein mag.