Charles Platiau/Reuters

Assimilation funktioniert

von Martin Beglinger / 16.04.2016

In den USA werden seine Studien rezipiert, in Europa ignoriert. Ruud Koopmans’ These: Nicht die Diskriminierung der Migranten ist die Herausforderung, sondern ihre Selbstdiskriminierung.

Exakt am Morgen des 22. März 2016, als in Brüssel die Bomben von Islamisten explodierten, publizierte das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) eine Studie unter dem Titel „Muslime auf dem Arbeitsmarkt“. Die Koinzidenz war Zufall. Kein Zufall war, dass die Studie sogleich unterging in den Breaking News aus Brüssel, wo nach dem Terror in Paris bereits zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Reporter aus der halben Welt in der belgischen Hauptstadt und vor allem in Molenbeek einfielen, um ein paar Sätze aus den Bewohnern des „islamistischen Terroristennestes“ zu quetschen. Viel kam auch diesmal nicht heraus, doch eine Angabe fehlte in diesen Berichten nie: die Arbeitslosenquote. 35 Prozent der Jungen, mehrheitlich Muslime, haben in Molenbeek keinen Job und miserable Perspektiven.

Womit wir wieder bei besagter Studie des WZB wären, die so manchen Hinweis darauf liefert, warum das so ist – nicht nur in Molenbeek, sondern in ganz Europa. Denn von Frankreich über England bis nach Schweden bilden muslimische Migranten die „Schlusslichter auf dem Arbeitsmarkt“, wie der Studienautor Ruud Koopmans sagt. Koopmans, ein 55-jähriger niederländischer Soziologe, forscht mit Unterbrechungen seit 1994 am Wissenschaftszentrum in Berlin, wo er die Abteilung für „Migration, Integration und Transnationalisierung“ leitet. Zugleich ist er Professor für Soziologie und Migration an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Der Unruhestifter

Er macht mit seinem Team höchst aufwendige empirische Studien, er publiziert sie in renommierten internationalen Journals, die Resultate werden bis in die USA heftig diskutiert. Ein gefragter Mann also, würde man meinen. Doch nicht im deutschsprachigen Europa. Hier wird Koopmans’ Arbeit fast schon totgeschwiegen. „Von einer ,Lügenpresse‘ in Deutschland würde ich nicht reden, aber ein selektives Schweigen gibt es nach meiner Erfahrung durchaus“, sagt Koopmans im Gespräch mit der NZZ.

Es gibt Forscher, die seine Mails nicht mehr beantworten und ihrem akademischen Nachwuchs von einem Kontakt mit Koopmans abraten, weil sie ihn für einen verkappten Rassisten halten. „Ich stelle eine extreme Intoleranz in der Integrationsforschung gegenüber abweichenden Meinungen fest und, schlimmer noch, ein totales Desinteresse an Forschungsbefunden, die nicht ins eigene Denkschema passen“, sagt Koopmans dazu. Er engagierte sich einst bei den niederländischen Grünen, bis ihr marokkanischstämmiger Fraktionschef Salman Rushdies „Satanische Verse“ verbieten wollte. Und er versteht sich noch heute „als Linker, der manchmal die Linke nicht mehr versteht“. Zum Beispiel dann, wenn diese „die Muslime einseitig nur als Opfer sieht“.

Keine Frage, dieser Mann stört den politisch-akademischen Gottesdienst unter den deutschsprachigen Migrationsforschern, deren erster Glaubenssatz heißt: Alle Integrationsprobleme sind einzig auf die Diskriminierung der Einwanderer durch die ansässigen Bürger zurückzuführen. Wenn es in dieser Branche ein Unwort der letzten zwanzig Jahre gab, dann heißt es: Assimilation. Kulturelle Anpassung, so der bisherige Konsens, geht gar nicht. Nach dieser Lesart ist Assimilation nichts anderes als die erzwungene Verleugnung der eigenen Wurzeln.

Wer solches von Migranten verlangt, steht sofort in vermintem Gelände, gilt im Minimum als engherzig und intolerant, eigentlich schon als Rassist. Und nun kommt Professor Koopmans und fragt im Originaltitel seiner neuen Studie: „Does assimilation work?“ Allein die Frage ist für manche Provokation genug, nicht zu reden von der Antwort: Ja, sie funktioniert! Dies ist Koopmans’ Fazit aus einer Befragung von 7.000 Muslimen in sechs europäischen Ländern. Je höher ihre soziokulturelle Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft, umso besser ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dann gibt es, gleiche Qualifikationen vorausgesetzt, kaum mehr Differenzen zu den Jobchancen der Nichtmuslime.

Anpassung: Definition

Doch was heißt Anpassung für Koopmans? Zunächst einmal nicht zwangsläufig Preisgabe des eigenen Glaubens. Aber es bedeutet, sich problemlos in der Sprache des neuen Wohnlandes verständigen zu können und hauptsächlich dessen Medien zu nutzen. Es bedeutet ferner, Freunde und Bekannte nicht nur in der eigenen Ethnie, sondern ebenso in der Mehrheitsgesellschaft zu finden, allenfalls auch Familienangehörige. Und schließlich sollen die Auffassungen über die Rolle der Frau der durchschnittlichen Vorstellung in der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Unter diesen Umständen stehen die Integrationschancen gut.

Das heißt nicht, Diskriminierung spiele überhaupt keine Rolle. Nur eben eine viel kleinere als seit Jahren behauptet, sagt Koopmans. Weit wichtiger sind für ihn die „interethnischen sozialen und familiären Kontakte“ über die eigene Community hinaus. Je mehr davon, umso besser, weil diese Kontakte Sozialkapital schaffen, das wiederum die Arbeitssuche und damit das Ankommen am neuen Ort erleichtert.

Auf Distanz

Es gilt aber auch das Umgekehrte. Wer kulturell möglichst auf Distanz zum Wohnland bleibt, wird sich immer schwertun mit der Integration, und das ist laut Koopmans bei fast der Hälfte der europäischen Muslime der Fall. Man könnte dies eine freiwillige Selbstdiskriminierung der Immigranten nennen. Koopmans’ letzte große Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass von den 7.000 befragten Muslimen in sechs westeuropäischen Ländern nicht weniger als 65 Prozent der Meinung sind, dass religiöse Regeln wichtiger für sie sind als säkulare Gesetze. Fast 60 Prozent wollen explizit keine homosexuellen Freunde, und 45 Prozent glauben, dass man „Juden nicht trauen kann“. Mehr als 40 Prozent der europäischen Muslime, so Koopmans’ Fazit, neigten deshalb zu einer fundamentalistischen Haltung.

Während sonst jeder schwulenfeindliche oder antisemitische Halbsatz christlicher Fundamentalisten sofort scharf (und zu Recht) medial bestraft wird, waren diese Zahlen den deutschen Leitmedien kaum eine Zeile oder Sendeminute wert. Einzig die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete kurz darüber, worauf sie die Studie mit dem Satz versenkte, deren Autor sei ein „wissenschaftlich verbrämter Schwinger der Fundamentalismuskeule von gestern“. Im Übrigen: großes Schweigen.

Die Schweiz hat derweil ein erhellendes Beispiel zum gleichen Thema erlebt: den verweigerten Händedruck zweier muslimischer Schüler gegenüber ihrer Lehrerin – aus religiösen Gründen. Die Meinungen dazu waren rasch gemacht. „Wie wollen Sie einen Jugendlichen mit einem derartigen Verhalten später in die Berufswelt integrieren?“, fragte der Präsident des Baselbieter Lehrerverbandes und gab die Antwort gleich selber: „Das ist unmöglich.“ Die jungen Muslime können sich nun einigermaßen anpassen (wie es in der Schweiz die große Mehrheit pragmatisch tut, ohne dass sie sich gleich ihrer Identität beraubt fühlt). Oder sie verkehren bald nur noch unter Gleichgesinnten, riskieren damit Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Sozialhilfe.

Sozialstaat: falsche Anreize

Auch dazu hat Ruud Koopmans aufgrund seiner Forschung dezidierte Ansichten. „Viele Zuwanderer sind anfangs hochmotiviert. Doch die Erfahrung zeigt, dass ein stark ausgebauter Wohlfahrtsstaat ihre Motivation in kürzester Zeit untergräbt. In den USA, wo die sozialen Fangnetze fehlen, passiert das nicht“, erklärte er im Januar an einer Tagung der CDU in Berlin. Und beruhigte die Anwesenden sogleich, er wolle nicht gleich den Wohlfahrtsstaat abschaffen. Koopmans will keine amerikanischen, aber auch keine schwedischen Zustände in Europa, denn in Schweden ist die Abhängigkeit der muslimischen Migranten von der staatlichen Fürsorge extrem hoch – und die Integration in den Arbeitsmarkt gerade deswegen alles andere als erfolgreich. Für den, der arbeiten kann, aber nicht muss, ist die Selbstisolation jederzeit eine valable Option.

Was es nach Koopmans braucht, sind klare Anreize in der europäischen Migrationspolitik, die eine Integration der Immigranten über die Ausübung einer entlöhnten Tätigkeit erzwingen. Fehlen sie oder sind sie falsch gesetzt, kommt es wie schon früher zu einer Negativselektion. Bedeutet aber Immigration mehr Arbeitslosigkeit, mehr Ghettos und höhere Sozialhilfe, dann bricht die politische Zustimmung der Bürger für Zuwanderung irgendwann weg. An besagter Tagung erklärte Koopmans: „Jene Zuwanderer, die sich wirklich anstrengen, also die Sprache des neuen Landes lernen, einen Job finden und straffrei bleiben, sollen belohnt werden und auf Dauer bleiben dürfen. Den Asylsuchenden soll man Schutz gewähren, aber kein Bleiberecht garantieren. Wenn sie die Integration nicht geschafft haben, müssen sie in ihr Herkunftsland zurückkehren, sobald es die Lage dort erlaubt. So kombiniert man die moralische Pflicht, Schutz zu bieten, mit dem Eigeninteresse des Zuwanderungslandes.“

Keiner der hohen CDU-Funktionäre mochte diese Sätze aufnehmen. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Forschung von Ruud Koopmans in Politik und Öffentlichkeit ankommt. Doch gut möglich, dass es dann plötzlich ganz schnell geht.