Medien

Attentäter und Amokläufer: Formalistisches Bildverbot bringt nichts

von Rainer Stadler / 02.08.2016

Ein paar Medienorgane wollen keine Bilder von Attentätern und Amokläufern mehr publizieren. Die Regel ist formalistisch und verfehlt den Kern des Problems.

Die jüngsten Anschläge, Terrorakte und Amokläufe haben etliche Medienleute zu einer Selbstbesinnung angeregt, wie sie bisher in dieser Häufigkeit selten zu beobachten war. Auffällig oft ist derzeit die Frage zu lesen, ob das eigene Tun und Berichten über Bösewichter einen schädlichen Einfluss auf den Fortschritt der Menschheit haben könnte. Hüter der Moral könnten sich darüber freuen. Allerdings lässt sich der Verdacht nicht verdrängen, die neue Nachdenklichkeit sei bloss die Folge eines Herdentriebs, der bald wieder erschöpft sei.

Im Trend sind insbesondere Selbstdeklarationen: Man wolle keine Bilder von Attentätern und Amokläufern mehr publizieren, heisst es da. Dies mit dem Ziel, Propaganda-Effekte zu vermeiden und Nachahmungstaten zu verhindern.

(Bild Imago)

Vor zehn Tagen titelte die Berliner Tages-Zeitung „BZ“ zur Nachricht über den jungen Amokläufer in München: „Dein Foto kommt nicht auf den Titel!“ Darunter bekam das Publikum ein weisses, leeres Viereck als Bildersatz zu sehen. In der vergangenen Woche bekannten sich französische Medien – unter ihnen „Le Monde“, BFM-TV, Europe1, RFI und France 24 – zu einem freiwilligen Bilderverbot. Und am Wochenende zogen „Tages-Anzeiger“ und „Sonntags-Zeitung“ nach. Man werde keine Fotos von Attentätern mehr publizieren, weder in der gedruckten Zeitung noch online, schrieb der Chefredaktor der beiden Blätter, Arthur Rutishauser.

Kopfschütteln

Ein Verzicht auf Bilder in einer Medienwelt, die immer mehr nach Bildern lechzt? Das klingt ziemlich kurios. Der britische Medien-Blogger Roy Greenslade hält dies für Unsinn, wie er am 1. August notierte. Andere Journalisten schüttelten ebenfalls den Kopf. Ich auch. Allerdings sollte man ein bisschen differenzieren.

Die Kritiker nennen zwei Hauptargumente gegen eine „Selbstzensur“: Erstens ist es die Aufgabe von Journalisten, Fakten klar und deutlich zu nennen und offenzulegen, und zweitens hat ein Publikationsverzicht kaum Wirkung, wenn das betreffende Täter-Bild anderswo – bei der direkten Konkurrenz oder auf sozialen Netzwerken – sowieso zu sehen ist.

Beiden Argumenten muss man zustimmen. Doch eine weitere Relativierung ist nötig. Wenn man eine Entscheidung bzw. eine Regel als moralisch richtig und wichtig erkannt hat, ist es nicht nur sympathisch, sondern auch eine Frage der persönlichen oder institutionellen Konsequenz, ohne Berücksichtigung der allenfalls minimen Wirkung entsprechend zu handeln. Aus der Summe der kleinen richtigen Handlungen kann ja auch das grössere Gute entstehen. Das Prinzip Hoffnung soll gelten.

Zielkonflikt

Ferner nennen die Bild-Abstinenzler ihrerseits in den Selbstdeklarationen den Zielkonflikt mit der Aufgabe, das Publikum mit Fakten zu versorgen. Jérôme Fenoglio, Direktor von „Le Monde“, schränkt denn auch das freiwillige Bilderverbot ein. Verzichten wolle man auf Bilder aus Propagandamaterial und auf Fotos, welche die Täter selber machten. Weiterhin publizieren werde man Identitätsfotos und Beweisbilder mit Informationsgehalt. Ähnlich äussert sich der Chefredaktor von „Tages-Anzeiger“ und „Sonntags-Zeitung“. Nun, damit wäre die Verbotsdebatte schon ziemlich entkernt. Täter-Bilder werden offenbar auch in den selbstdeklarierten Abstinenz-Organen weiter zu sehen sein. Rutishauser will allerdings die Namen der Aggressoren nur noch abgekürzt nennen.

Mit oder ohne Bilder, mit vollem Namen oder nur abgekürzt: das sind eigentlich bloss Festlegungen von sekundärer Bedeutung. Journalismus ist grossenteils eine kasuistische Kunst, ein Handwerk, dessen Richtigkeit im Einzelfall gemäss allgemeinen Regeln zu entscheiden ist. Dabei kommt es oft zu Zielkonflikten. Im Fall von Attentaten und Amokläufern geht es in erster Linie um die journalistisch angemessene Aufarbeitung von Ereignissen: Ist es richtig, einen Attentäter mit freundlich lächelndem Gesicht zu zeigen? Das wäre zumindest grotesk. Ferner: Welche Bildgrösse ist angemessen, welche Überschrift, welche emotionalen Worte, welche Bildauswahl? Hier entscheidet sich, ob ein Medium durch laute Inszenierung unnötig einen Nachahmungs- oder einen Propagandaeffekt erzeugt. Dieselbe Wirkung kann nämlich auch die schrille oder blutige Zurschaustellung von Opfern erzeugen.

Instrumentalisierung nicht zu verhindern

Bei blutigen Grossereignissen wird es indessen selbst der seriöse Berichterstatter nicht vermeiden können, dass er zu einem gewissen Teil ein Instrument der Bösewichte wird. Das ist ein Teil der Tragik von Attentaten. Eine rhetorische Abrüstung bei der Berichterstattung wäre zweifellos richtig. Wenn man allerdings die oben genannten, formalistischen Selbstdeklarationen zum Massstab nimmt, scheint der Lernprozess noch nicht besonders fortgeschritten zu sein.