William Conrad – Two on a Guillotine. Foto: Kamil Antosiewicz Monika Powalisz/ flickr

Lynchjustiz

„Aufknüpfen. Vierteilen. Totmachen.“ Lynchjustiz. Die Herrschaft des Mobs.

von Barbara Kaufmann / 07.11.2015

Anlässlich eines TV-Interviews des Anchormans Armin Wolf mit der freien Abgeordneten Susanne Winter spricht der Grün-Politiker Johannes Voggenhuber von „Lynchjustiz“. Ein gedankenlos verwendeter Begriff mit blutiger Geschichte.

Die Axt schnellt nach oben. Ihre Klinge blitzt im Sonnenlicht. Sie saust nach unten. Ein dumpfer Schlag ertönt. Die Menge schreit auf. Der Henker wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die Klinge ist abgerutscht, sie hat den Halswirbel des Opfers nicht getroffen. Der Körper des Opfers gleitet zur Seite. Der Henker hebt die Axt. Ein zweiter Versuch. Wieder scheitert er. Trifft das Gesicht des Verurteilen. Es ist später Nachmittag in Paris. Revolutionszeit. Der Henker hat schon viele Menschen hingerichtet an diesem Tag. Der Boden unter ihm ist rutschig. Er steht in einer Blutlache. Er ist unkonzentriert, erschöpft, kann nicht mehr zielen. Die Menge wird unruhig. Die Ersten stürmen das Schafott. Empört. In Aufruhr. Sie wollen sich selbst Genugtuung verschaffen. Sie entreißen dem Henker seine Waffe. Sie töten das Opfer. Dann gehen sie auf den Henker los. Er findet sein Ende an jenem Platz, an dem er selbst so viele Leben beendet hat.

Aufgezeichnet hat dieses Schreckensszenario entfesselter Gewalt der Historiker Richard von Dülmen in seinem Buch „Theater des Schreckens: Gerichtspraxis und Strafritual in der frühen Neuzeit“. Es liest sich wie eine kaum erträgliche Studie undenkbarer Spielarten menschlicher Grausamkeit.

Blutige Revolution

In seiner Abscheulichkeit ist der Vorgang beispielhaft für den öffentlichen Umgang mit Gewalt in den Revolutionsjahren in Frankreich. Der „Terror der Tugend“, wie Schiller die Herrschaft von Robespierre, Danton und Marat nannte, akzeptierte das Morden der Masse im Namen der Revolution bis zu einem gewissen Grad stillschweigend.

Lynchjustiz stand an der Tagesordnung. Die Mörder waren Richter und Henker in einem. Den schaurigen Höhepunkt bildeten die Septembermorde im Jahre 1792. Zwischen dem 2. und 6. September stürmten Menschen in ganz Frankreich die Gefängnisse und töteten mindestens 1.200 Insaßen. Angefeuert wurde der Mob von Gerüchten, unter den Gefangenen würden sich Revolutionsgegner befinden, die mit feindlichen Truppen kurz vor Paris gemeinsame Sache machen würden. Tatsächlich war der Großteil der Opfer unschuldig. Unter ihnen waren beispielsweise auch Priester, die sich weigerten, den Eid auf die republikanische Verfassung zu schwören. In zeitgenössischen Aufzeichnungen ist die Rede von einem gnadenlosen Abschlachten der Gefangenen. Selbst Kinder sollen Zeugen der Morde gewesen sein. Ein kollektiver Blutrausch, dem kein Einhalt geboten wurde.

Lynchjustiz ist gesetzlose Gewaltanwendung. Unreguliert, ungesteuert, unberechenbar. Ein Gewaltexzess. Ein sozial akzeptierter Ausnahmezustand. Da hat der Staat nichts mehr zu sagen. Da macht der Mob, was er will.

Austrian Brutalities

„Mir wern kan Richter brauchen“, sagt man in Österreich. Derjenige, der als Urheber des Zitats gilt, wusste wovon er sprach. Karl Kraus, Schriftsteller und Publizist, kritisierte das zügellose Töten der Zivilbevölkerung durch die k.u.k. Armee während des Ersten Weltkrieges als einer der Wenigen scharf und unentwegt. Vor allem in Serbien und Galizien wurden etliche Kriegsverbrechen der Armee dokumentiert. „Austrian Brutalities“ nannte Kraus die Untaten.

Das wahllose Morden von Alten, Kindern und Frauen ist etwa aus der serbischen Kleinstadt Sabac überliefert, wo die k.u.k. Armee bereits fünf Tage nach Beginn des Feldzuges gegen Serbien Zivilisten auf dem Hof einer Kirche zusammentrieb und niedermetzelte. Meist genügte die Annahme einer „feindlichen Gesinnung“, um von den Soldaten hingerichtet zu werden. Die hielten die Toten oftmals auf Fotos mit sich fest und verschickten die Bilder der Gehenkten, Erschossenen und zu Tode Gefolterten als Postkarten nach Hause. Der Fotohistoriker Anton Holzer sammelte einige dieser grausamen Dokumente in seinem Band „Das Lächeln der Henker“. Sie zeigen Gruppen junger und alter Soldaten, grinsend, rauchend, triumphierend, in deren Mitte ein Toter hilflos an einem Strick baumelt oder zusammengekrümmt am Boden liegt. In den meisten Fällen mordete der Mob in Uniform ohne Befehl, nach Lust und Laune.

Lust am Töten

Dass eine Gruppe, die einem Menschen nachstellt, ihn jagt und tötet, tatsächlich Lustgefühle dabei empfinden kann, ist eine These, die der Neuropsychologe Thomas Elbert in seinen Arbeiten vertritt. Er lehrt an der Universität Konstanz und untersucht die Ursachen für menschliche Gewalt und Tötungsbereitschaft. Dafür ist er weit gereist. Elbert hat mit Kindersoldaten in dem vom Bürgerkrieg geplagten Kongo ebenso Gespräche geführt wie mit ehemaligen Todesbrigaden in Ruanda und – Hooligans in Deutschland. Sein Fazit: Wendet man Gewalt gegen einen anderen an, werden im Hirn nicht nur Stresshormone, sondern auch Endorphine ausgeschüttet. Diese wandern direkt in die Belohnungszentren des Hirns. Gewalt, die in der Gruppe ausgeübt wird, kann nicht nur gute Gefühle beim Einzelnen erzeugen. Sie kann sogar Spaß machen.

Nimmt man Victor Klemperers Tagebücher zur Hand, ein detailliertes Dokument des Alltags im NS-Terror, liest man von einem Lynchmob, der johlend und singend durch die Straßen zog. Der jüdischen Mitbürgern kollektiv Demütigungen beibrachte, wie sie mit Kot zu beschmieren oder sie zu zwingen, Abfälle zu essen. Unter Applaus von Passanten. So lautet ein Eintrag vom 17. August 1943: „Auf dem Heimweg Beschimpfungen eines gut gekleideten, intelligent aussehenden Jungen von etwa elf, zwölf Jahren. ‚Totmachen!’.“ Eigenmächtige Gewaltausübung, ob allein oder in der Gruppe, wurde vom Regime nicht nur geduldet, sondern durch die Propaganda sogar geschürt. Ein Kennzeichen jedes totalitären Staates, wie der Gewaltforscher Jan Philip Reemtsma in seinem Buch „Vertrauen und Gewalt“ darlegt. Wenn der Staat das Gewaltmonopol aufgibt, indem er die Gewaltanwendungen verschiedener Gruppen legitimiert, werden die Rechte des Einzelnen bedeutungslos.

Lynchjustiz in den USA

Lynchjustiz ist ein Merkmal für eine gesellschaftliche Gruppe, die ähnlich einer Sekte nach ihren eigenen Regeln lebt. Die Basis dieses Regelwerkes, das innerhalb der Gruppe über Leben und Tod entscheiden kann, ist oftmals eine wilde Mischung aus Aberglauben, Vorurteilen und Machtansprüchen, die auf willkürliche Faktoren wie Herkunft und Hautfarbe zurückgeführt werden. Diese Regeln bieten jedoch keine Sicherheit für den Einzelnen. Denn sie können jederzeit geändert werden. Jeder kann der Nächste sein, dem kurzer Prozess gemacht wird. Jeden kann es treffen.

Hat eine Gesellschaft jahrzehntelang nach so einem Regelwerk gelebt, es akzeptiert und legimitiert, ist es schwierig, diese Akzeptanz zu durchbrechen. So kommt der Historiker Manfred Berg, der sich in seinem 2014 erschienen Buch „Lynchjustiz in den USA“ mit der Geschichte der Lynchjustiz in Amerika eingehend auseinandersetzt hat, zu einem schockierenden Befund: In den Südstaaten der USA wurden rassistische Morde lange Zeit als schreckliche Folge der Gesellschaftsordnung hingenommen, weil sie sich mit „Idealen“ wie Ehre und Clantreue vertrugen. Das Gewaltmonopol des Staates wird in manchen Regionen der Südstaaten bis zum heutigen Tag noch immer wenig bis kaum anerkannt. Vor allem am Land existieren noch immer Familienfehden, man regelt Dinge weiterhin „unter sich“, ohne Einbeziehung der Gerichtsbarkeit. Wer Exekutive oder Richter informiert oder zur Hilfe holt, gilt als schwach, ehrlos, als Verräter.

Shitstorm und Netz-Gerichtsbarkeit

In Zeiten des Shitstorms, in denen der Schwarm auf den sozialen Netzwerken über Einzelne zu Gericht sitzt, spricht man wieder häufiger und leichtfertiger von „Lynchjustiz.“ Mögen die Mechanismen auch ähnlichen Gesetzen folgen, vergisst man dabei jedoch, dass die Folgen immer noch ungleich weniger bedrohlich für die Existenz sind. In einer Gesellschaft, die schon lange keinen Krieg mehr erlebt hat – zum Glück! – tendiert man dazu, immer größere, monströsere Begrifflichkeiten zu verwenden, um der eigenen Meinung Aufmerksamkeit zu verschaffen. Man spielt mit Schreckensbildern, um aufzufallen und vergisst dabei leicht ihren historischen Kontext, ihre blutige Geschichte.

Eine Politikerin, die in einem TV Studio von einem Moderator interviewt wird, muss sich eventuell unangenehme Fragen anhören. Sie muss jedoch nicht um Leib und Leben fürchten. Sie kann danach das Studio verlassen und auf die Straße treten, ohne Angst haben zu müssen, dass ein blutdürstiger Mob sie erwartet. Der Vergleich dieses TV-Interviews mit „Lynchjustiz“ des Grün-Poliktikers Johannes Voggenhuber ist nicht nur unpassend und falsch. Sondern angesichts der Geschichte dieses Begriffes im besten Fall gedankenlos. Im schlimmsten zynisch.