Elisalex Henckel

Justiz im Bild

Aug’ in Aug’ mit den Angeklagten

von Elisalex Henckel / 21.04.2016

Im Zeitalter von Livetickern und Smartphones wirken Gerichtszeichner wie ein wandelnder Anachronismus. Die steigende Zahl von Terrorprozessen und die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen könnten ihnen jedoch nun ein Comeback bescheren. Das hofft jedenfalls Gerald Hartwig, der derzeit die Grazer Dschihadistenverfahren auf seinem Zeichenblock festhält.

Die Wachleute am Eingang kennen Gerald Hartwig schon. Sie grüßen ihn freundlich, bevor sie seine Tasche durchsuchen. Bis jetzt haben sie nie beanstandet, dass er in einem Plastikröhrchen, das vor langer Zeit einmal Kopfwehtabletten enthielt, stets jene kleine Portion Wasser in das Gerichtsgebäude schmuggelt, die er zum Kolorieren seiner Bilder braucht. Sie fragen ihn nur manchmal scherzend, ob er mit seinen Aquarellstiften eh niemanden ersticht.

Gerald Hartwig ist gekommen, weil das Straflandesgericht Graz an diesem Tag nicht nur das Mitführen von Flüssigkeiten, sondern vor allem jenes von Kameras untersagt hat. Wie immer, wenn ein Terrorprozess auf dem Programm steht, hat es auf Grund des erhöhten Sicherheitsrisikos das Film- und Fotografierverbot, das sich sonst auf den Gerichtssaal und auf die Dauer der Verhandlung beschränkt, auf das ganze Haus ausgeweitet.

Das bedeutet, dass den Medien nicht einmal jene immer gleichen Bilder zur Verfügung stehen, mit denen sie sonst ihre Gerichtsreportagen illustrieren: Richter, die unter Doppeladlern sitzen. Anwälte, vor denen sich Leitz-Ordner stapeln. Angeklagte, die ihre Gesichter hinter Aktendeckeln verstecken. Sie müssen also entweder auf eine Außenaufnahme des Gerichtsgebäudes zurückgreifen – oder einen Gerichtszeichner wie Gerald Hartwig engagieren.

Eine Ausstiegsdroge für Bildsüchtige

Hartwig ist Mitte 40 und hat eigentlich Film in Los Angeles studiert, aber nebenbei immer gezeichnet, seit seiner Rückkehr nach Österreich vor allem Graphic Novels, Storyboards oder Illustrationen für Zeitungen. Vergangenes Jahr gestaltete er mit anderen Zeichnern eine ganze Ausgabe der Kleinen Zeitung.

Als bekannt wurde, dass es von der juristischen Aufarbeitung der „Operation Palmyra“, im Zuge derer im November 2014 der radikale Prediger Mirsad O. und viele seiner Anhänger verhaftet wurden, keine Foto- oder Videoaufnahmen geben würde, baten ihn zunächst die Kleine und der ORF, die Grazer Dschihadistenprozesse auf seinem Zeichenblock festzuhalten. Inzwischen tut er das auch auf eigene Faust und für andere Medien.

Gerald Hartwig ist einer der Wenigen, der den Angeklagten während des Beweisverfahrens ins Gesicht blicken kann.
Credits: Elisalex Henckel

Ein Gerichtszeichner müsse sich viel merken und schnell skizzieren können, sagt Oliver Schopf, der, neben seiner Tätigkeit als Karikaturist für den Standard und andere Zeitungen, einige der aufsehenerregendsten Verfahren der Zweiten Republik als Zeichner begleitet hat. Wichtig sei aber auch ein großes Interesse an Menschen und ein gewisses journalistisches Gespür.

Begonnen habe er mit dem Lucona-Prozess gegen Udo Proksch, erzählt Schopf, mit den Jahren seien seine Zeichungen immer kommentierender geworden. Während des BAWAG-Prozesses, trotz seiner Überlänge „sicher der unterhaltsamste“ in seiner bisherigen Laufbahn, habe er ganze Verhandlungstage in einem einzigen Bild zusammengefasst. Dabei seien aber auch textliche Elemente in und unter dem Bild wichtiger geworden.

Die Angeklagten händisch abtasten

Quereinsteiger Hartwig kommt vorerst zumindest ohne Worte aus, aber auch er ist überzeugt, dass seine Bilder mehr können, als das Geschehen im Saal bloß abzubilden. „Die Langsamkeit des Strichs hat auch seinen Vorteil“, sagt der Zeichner. „Es ist sehr viel intimer, fast so, als würde man das Gesicht des Porträtierten händisch abtasten.“ Dazu komme, dass er nicht alles zeichnen könne und wolle. Aber auch das hält er keineswegs für einen Nachteil. Die Reduktion gibt dem Betrachter Orientierung, ohne ihn seines Interpretationsspielraumes zu berauben.

Auch Barbara Schwarz, die Sprecherin des Grazer Landesgerichts, rühmt die Vorzüge der Gerichtszeichnung: Sie könne „Stimmungen einfangen, ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzten“, weil sie niemanden „eins zu eins“ abbilde. Um das zu vermeiden, haben auch viele andere Gerichte im Zusammenhang mit Terrorprozessen Kameraverbote verhängt. Da ihre Zahl im vergangen Jahr massiv gestiegen ist, wie aus der Antwort des Justizministers auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervorgeht, die mediale Abhängigkeit von Bildern aber bis auf Weiteres kaum sinken wird, ist es durchaus möglich, dass die Dschihadisten der vermeintlich anachronistischen Kunst der Gerichtszeichnung ein Comeback bescheren.

Das Grazer Landesgericht hat den Zeichnern jedenfalls schon mal einen prominenten Platz eingeräumt: Im Unterschied zu allen anderen Beobachtern sitzen sie nicht im Publikum, sondern ganz vorne, an der Stirnseite des Gerichtssaales, zwischen Richtern und Anwälten. Gerald Hartwig gehört dadurch zu den wenigen Außenstehenden in dem Prozess, die den Angeklagten während des Beweisverfahrens in die Augen blicken können.

Die zwei Gesichter des Predigers

Zur Vorbereitung auf den wichtigsten der Grazer Dschihadistenprozesse hat Gerald Hartwig einige der Predigten von Mirsad O. alias Ebu Tejma angeschaut. Angesichts der „leichten Entflammbarkeit“, die O. in den Videos an den Tag legt, war Hartwig erstaunt, wie wenig Emotionen er im Gerichtssaal zeigt, während die Vertreter des Rechtsstaates zum Teil keinen Hehl aus ihrem Frust oder ihrem Ärger machen. „Selbst wenn Mirsad schwer belastet wird, zieht er höchstens einmal eine Augenbraue rauf“, sagt Hartwig, „aber auch dann dauert es meistens nur einen Moment, bis er sich wieder unter Kontrolle hat.“

Das Werkzeug des Gerichtszeichners: Malkasten, Aquarellstifte und ein Plastikröhrchen mit Wasser. Das oberste Blatt auf dem Zeichenblock zeigt einen der Verteidiger im Ebu-Tejma-Prozess.
Credits: Elisalex Henckel

Zeichnerisch interessanter findet Hartwig deshalb den Mitangeklagten des Predigers, einen tschetschenischen Syrien-Rückkehrer namens Mucharbek T., der inspiriert von O.s Vorträgen in Syrien gemordet und genötigt haben soll. „Er ist viel emotionaler im Ausdruck“, sagt der Zeichner. T. wechsele oft die Position, in der er sitze, mal schaue er zur Decke, mal lege er den Kopf in die Hände. „In seinem Gesicht kann man geradezu lesen“, sagt Hartwig. „Vor allem die Verzweiflung, über die ohnmächtige Situation, in der er sich befindet.“

Auf den zehn bis 14 Blättern, die er an einem durchschnittlichen Verhandlungstag meist bis Mittag anfertigt, sind aber nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Richter, der Staatsanwalt und die Verteidiger zu sehen. Er formuliere seine Porträts zum Schutze der Betroffenen nicht ganz aus, sagt er. Aber wer sie kenne, würde schon wissen, wer gemeint sei. Am liebsten zeichnet er den Staatsanwalt. Der erinnere ihn an Nosferatu, sagt Hartwig, „dieser massige, kantige Kopf, die abstehenden Fledermausohren, dazu die Hakennase – ein dankbares Profil“.

Unter dem Druck der Beweise

Den Prediger und seinen Mitangeklagten hat Gerald Hartwig nun schon an sieben verschiedenen Verhandlungstagen gezeichnet. Bei beiden hat er eine Entwicklung beobachtet, interessanterweise, wie er findet, eine gegenläufige. Während Mirsad O. „animierter“ wurde, je mehr Beweise für seine Schuld vorgetragen worden seien, habe sich Mucharbek T. im Laufe des Prozesses immer weniger bewegt, so als ob er nicht nur metaphorisch, sondern auch physisch „belastet“ worden wäre.

Wie das Urteil der Geschworenen ausfallen wird, kann und will Hartwig nicht vorhersagen, er weiß nur, dass er dabei sein will, wenn es verkündet wird. Und dass er gerne noch viele andere Prozesse zeichnen würde. Für jenen gegen den Amokläufer von Graz hat er sich bereits vormerken lassen.