Morgengrauen

Aus allem etwas machen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.05.2016

Morgenklamm. Schon beim Erwachen scheint nichts zu gelingen, nicht einmal das Erwachen. Ich bin wach, habe aber das beklemmende Gefühl, daraus nichts machen zu können. Das ist, denke ich mir, absurd, und strecke einen Fuß (den falschen, mit dem ich immer aufstehe) unter der Bettdecke hervor – absurd, weil was sollte man schon daraus machen können, dass man erwacht? Man erwacht, „Guten Morgen, neuer Tag!“, und basta.

Da höre ich von draußen, durch das geschlossene Schlafzimmerfenster und die heruntergelassenen Jalousien, fünf Stockwerke unter mir, auf der Ausfahrtsstraße, wo bereits das Brummen der Autos anzeigt, dass die Menschheit aus dem neuen Tag etwas machen wird, die Sirene eines Krankenwagens aufheulen. Sie heult und heult. Mir kommt der Gedanke, dass dort unten irgendwo einer herumliegt, der nichts mehr aus seinem Tag machen wird. Und dann fällt mir mein Verwandter ein – jeder hat so einen in seiner Verwandtschaft, oder? –, von dem es heißt, dass er aus allem etwas machen kann. Er kann noch aus nichts etwas machen. Er ist Lebenskünstler.

Die Folge meinerseits, bei unter der Bettdecke herausgetrecktem Fuß (kein Zweifel, ich werde wieder einmal mit dem falschen aufstehen): Morgengrauen. Meine neben mir schlafende Frau, die sich gerade von einer Seite auf die andere dreht, murrt: „Was machst du denn?“ Da ich aber nichts mache, sage ich wahrheitsgemäß: „Nichts!“, und spüre sozusagen lebenskünstlerisch, dass sich aus diesem Tag vielleicht doch noch etwas machen lässt.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).