Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Ausnahmezustand mit Mondlicht

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.11.2015

Über Brüssel wurde der Ausnahmezustand verhängt; in Paris wurde der Ausnahmezustand verlängert. Weitere Ausnahmezustände werden folgen. Das könnte zur Ausnahmeroutine werden.

Schon gibt es in meinem Bekanntenkreis existenzialistisch Gestimmte, die aus den Blutbädern, von denen Europa heimgesucht wurde, subversive Metaphern schmieden. Ist denn, so fragen sie, nicht das ganze Leben, notabene das Leben im tiefen Frieden, ein äußerst selten anzutreffender, regelrecht unnatürlicher Ausnahmezustand? Daraus folgern sie, dass „das Normale“ eigentlich der Tod sei.

Normal sei das Leblose, Anorganische, das – wie die poetisch Angehauchten unter ihnen raunen – „Glitzern der Kristalle im Mondlicht“. Und sie merken gar nicht, denke ich mir jetzt, während ich aus dem Fenster schaue, wie sehr sie den Tod fürchten, indem sie ihm schmeicheln. Dabei pulsiert das „Glitzern der Kristalle“, zumal „im Mondlicht“, vor mehr Sehnsucht nach dem Leben als so manch grell erleuchtete Großstadtmeile bei Nacht.

Ein Blick aus dem Fenster genügt: Der Ausnahmezustand ist nicht der Normalzustand, und der Tod ist nicht das Leben. Draußen wird es langsam hell. Die Umrisse der Bäume treten aus den Nachtschatten hervor. Ihre Äste haben sich, wie stets um diese Jahreszeit, fast vollständig entlaubt. Kalligrafie des Spätherbstes.

Das ist normal, mitten im Ausnahmezustand. Der Kreislauf der Jahreszeiten auf dem Ausnahmeplaneten Erde im Ausnahmekontinent Europa: Das ist normal, und schön ist es auch.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.