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Klimaforschung

Auswandern oder untergehen

von Heinz Wanner / 29.01.2017

Bis 2050 werden weltweit 200 Millionen Menschen wegen des Klimawandels auf der Flucht sein. Schon früher haben Trockenheit oder Kälte ganze Kulturen bedroht. Wie sind sie mit der Klimaveränderung umgegangen? Ein Beitrag von Klimaforscher Heinz WannerDer Klimaforscher war bis zu seiner Emeritierung 2010 Professor an der Universität Bern. Er hat sich insbesondere mit den Auswirkungen von Klimaschwankungen auf menschliche Gesellschaften beschäftigt. Kürzlich hat Heinz Wanner seine Erkenntnisse in einem Buch publiziert: «Klima und Mensch. Eine 12 000-jährige Geschichte». Haupt, Bern 2016.

Seit November 2011 lebten in der kenyanischen Flüchtlingssiedlung Dadaab mehr als 500 000 Menschen. Wegen einer gewaltigen Dürre am Horn von Afrika waren sie nach Süden in die feuchteren Tropen geflohen. Heute beherbergt das grösste Flüchtlingslager der Welt noch 250 000 Menschen, und die kenyanische Regierung will es möglichst bald schliessen. Doch Völkerwanderungen wie diese dürften sich künftig wiederholen: Laut einer neuen Studie der deutschen Bundesakademie für Sicherheitspolitik werden bis 2050 weltweit 200 Millionen Menschen wegen des Klimawandels auf der Flucht sein.

Solche Schätzungen sind mit grossen Unsicherheiten behaftet, und doch lassen sich einige Einflüsse identifizieren, die zumindest mitbestimmen, in welche Richtung sich eine menschliche Gesellschaft entwickelt. Hilfreich ist dabei das Erkennen von sogenannten lokalen Push-Faktoren wie Kriegen, extremem Klima, demografischen Einflüssen, Ressourcenverknappung und Seuchen. Sie stossen die Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung gleichermassen weg. Pull-Faktoren wie die Prosperität, der Reichtum oder die politische Stabilität in einer anderen Region üben demgegenüber auf die Menschen eine anziehende Wirkung aus.

Trockenkollaps: Ruinen der historischen Siedlung der Harappa-Kultur Mohenjodaro am Unterlauf des Indus in Pakistan
Credits: DE AGOSTINI PICTURE / AKG

Man muss den Blick nicht in die Ferne wenden, um Belege für diese Betrachtungsweise zu finden. Dass die Helvetier im Jahre 58 v. Chr. aus ihren angestammten Gebieten auszogen, hatte zum einen mit dem Bevölkerungsdruck aus dem germanischen Norden zu tun. Gleichzeitig hatten Informationen über das günstige Klima und die Prosperität Galliens eine verlockende Wirkung auf unsere Vorfahren. Doch letztlich misslang der Auszug in den gelobten Westen: Die Helvetier wurden in der Nähe der gallischen Stadt Bibracte von einem römischen Heer unter Julius Cäsar besiegt und zur Rückkehr in die heutige Schweiz gezwungen.

Wie weit haben das Klima und insbesondere Klimaextreme die Gesellschaften der jetzigen Warm- oder Zwischeneiszeit, des Holozäns, geprägt? Haben solche Ereignisse zu grossen Migrationsströmen oder sogar zum Untergang ganzer Zivilisationen geführt? Aus der Zeit vor Tausenden von Jahren fehlen meistens Informationen über kurzfristig ablaufende, katastrophale Wetterereignisse wie Hurrikane oder Winterstürme mit Sturmfluten. Dafür weiss man heute einiges über den Einfluss von langanhaltenden, schleichenden Klimaveränderungen wie Trockenkollapsen und Kältephasen.

Die erste Trockenkatastrophe

Harsche Umweltbedingungen können in einer menschlichen Gesellschaft durchaus zu Innovationsschüben führen. Und doch sind Entwicklungssprünge in der Geschichte der Menschheit wie das Auswandern des Homo sapiens aus Afrika vor 30 000 bis 60 000 Jahren oder der Übergang zu Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit – die sogenannte Neolithisierung im frühen Holozän – meistens durch ein wärmeres Klima mit genügend Niederschlägen und einer dichteren Vegetation begünstigt worden. Das erste und wohl grösste historische Klimaextrem war eine Trockenkatastrophe. Sie betraf eine Vielzahl von Menschen in den Kulturen an der Nordgrenze der Sommermonsune Afrikas und Asiens. Wegen der natürlichen Schwankungen der Erdbahn ging die sommerliche Einstrahlung der Sonne auf der nördlichen Hemisphäre zurück. Das führte zu einer Abkühlung der Festlandmasse, und die feuchte Monsunluft konnte weniger weit nach Norden vorstossen. Rückkopplungen mit der Vegetation verstärkten und beschleunigten diesen Prozess, was die betroffenen Kulturen 2200 v. Chr. mit riesigen Problemen konfrontierte.

In der Ostsahara – wo die Austrocknung wahrscheinlich schon früher begann – dürften Teile der Bevölkerung in Richtung des Niltals ausgewandert sein. Beim Berbervolk der Garamanten im libyschen Fezzan, im Alten Reich Ägyptens, im Akkader-Reich Mesopotamiens, bei der Harappa-Kultur der Indusebene sowie bei den Kulturen an der nördlichen chinesischen Sommermonsun-Grenze hatte die grosse Trockenheit kollapsartige Folgen – die Bevölkerungen wurden durch Hungersnöte destabilisiert und dezimiert. Doch auch in diesen Gebieten migrierten nach dem heutigen Stand des Wissens viele Menschen in feuchtere Regionen.

Besonders die riesige Bevölkerung der Indusebene von schätzungsweise 4 bis 5 Millionen Menschen dürfte teilweise in Richtung des Ganges-Oberlaufes ausgewandert sein. Unklar ist, inwiefern auch andere Einflüsse für den Niedergang der betroffenen Kulturen verantwortlich waren. Denkbar ist zum Beispiel, dass die jeweiligen Eliten den Unterhalt der Bewässerungsanlagen vernachlässigten, dass ökologische Probleme wie Abholzung, Überweidung und Bodendegradierung sowie Epidemien eine Rolle spielten oder dass diese Völker durch Kriege geschwächt wurden.

Ein zweites Grossereignis, das mit einem Trockenkollaps in Verbindung stand, vollzog sich an den Westküsten Nord- und Südamerikas sowie auf der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatán. Die vier Kulturen der Pueblos, Mayas, Huari und Tiwanaku erlebten ab dem ersten Jahrtausend nach Christus einen raschen, wenn auch zeitlich nicht unbedingt synchronen Niedergang. Die Siedlungskomplexe von Pueblo Bonito im Chaco-Canyon oder die Siedlung der Anasazi-Indianer in der Felskaverne von Mesa Verde sowie die imposanten Städte der Mayas wurden wahrscheinlich aufgrund der einsetzenden Trockenheit verlassen. Wie weit grössere Gruppen auch Hungersnöten zum Opfer fielen, ist nicht eindeutig belegt.

Zerfall der Bewässerungssysteme: Siedlungskomplex Pueblo Bonito im Chaco-Canyon-Nationalpark, US-Gliedstaat New Mexico
Credits: SCOTT HAEFNERS/CHACO CULTURE NATIONAL HISTORICAL PARK

Beim Verschwinden der Pueblo-Indianer spielten vermutlich neben der zunehmenden Austrocknung ökologische Probleme wie die Waldabholzung und die Bodendegradierung eine Rolle. Bei den Mayas mögen zusätzliche Faktoren wie starkes Bevölkerungswachstum, die Arroganz der politischen Eliten sowie Zwistigkeiten und Kriege den Untergang beschleunigt haben. Ähnliche Gründe dürften auch zum Zerfall der Kulturen der Tiwanaku und Huari im Nordwesten Südamerikas geführt haben.

Bewässerungssysteme zerfallen

In allen Fällen überlagerten einander vielschichtige soziale Prozesse und Umweltveränderungen, was vermutlich rasch zum Zerfall der hochentwickelten Bewässerungssysteme führte. Klar ist: Die klimatologischen Gründe für den Trockenschock zwischen Nord- und Südamerika um 1100 n. Chr. waren komplexer als beim sich abschwächenden Sommermonsun in Afrika und in Asien 2200 v. Chr. Moderne Studien, die sich mit Phasen massiver Trockenheit im Südwesten der USA befassen, lassen vermuten, dass damals häufigere La-Niña-Perioden mit einem kühleren Ostpazifik und einem wärmeren Atlantik oder natürliche Schwankungen im Klimasystem einen massiven Rückgang der Niederschläge bewirkt hatten.

Neben Trockenkatastrophen können auch massive Kälteperioden den Niedergang von Kulturen auslösen oder zumindest beschleunigen. Besonders gut ist das in der Geschichte Grönlands dokumentiert. Die ersten Inuit wanderten vor ungefähr 6000 Jahren über die Beringstrasse, Alaska und Nordkanada nach Grönland ein. Archäologische Studien haben gezeigt, dass die Bevölkerungszahlen vor allem in Nordgrönland schwankten und insbesondere bei Kälterückfällen wie zum Beispiel vor 2800 Jahren stark zurückgingen.

Wenn es wärmer wurde, nahm die Bevölkerungszahl wieder zu. So gelangten in einer sagenumwobenen Expedition im Jahr 985 n. Chr. vierzehn Wikingerschiffe unter der Leitung von Erik Thorvaldsson – besser bekannt als „Erik der Rote“ – von Norwegen und Island her kommend an die milde Südwestspitze Grönlands, wo sie sich in der Folge ansiedelten. Im Jahr 1000 erreichte die Bevölkerungszahl der Wikinger mit 5000 bis 6000 Menschen ihren Höchststand. Im gleichen Jahr setzte Eriks Sohn Leif Eriksson nach Nordamerika über. Möglicherweise ist die ausgegrabene Wikingersiedlung von L’Anse aux Meadows auf Neufundland ein Relikt dieser Expedition.

Kälterückfall: Ruine der Wikingerkirche von Hvalsey in Südwestgrönland
Credits: MARTIN ZWICK/PRISMA/DUKAS

Während der mittelalterlichen Warmzeit – ein Intervall mit vergleichsweise warmem Klima – erlaubte die auf Viehwirtschaft basierende Lebensweise den Wikingern ein einigermassen angenehmes Überleben. Grönland wurde Bischofssitz, und der Handel mit Europa blühte. Als sich das Klima nach 1260 verschlechterte und das Meereis sich im Nordatlantik immer weiter ausdehnte, wurde die Situation der Wikinger zunehmend ungemütlich. Im Sommer konnten die für die lange Winterzeit notwendigen Heuvorräte nicht mehr angelegt werden, und der Handel mit Europa stagnierte. Immer mehr Tiere mussten geschlachtet werden, die Gesellschaft litt unter Überalterung, möglicherweise nahmen auch die Konflikte mit den immer weiter nach Südgrönland einwandernden Inuit zu. Heute weiss man, dass kurz vor der Mitte der Kleinen Eiszeit, etwa um das Jahr 1500, keine Wikinger mehr in Grönland lebten. Das war allerdings nicht auf einen massiven Migrationsstrom zurückzuführen, hier verschwand eine Gesellschaft ganz allmählich.

Weg vom Kohlenstoff

Sind die Migrationsereignisse der Vergangenheit mit der modernen Migration vergleichbar? Auch heute ist die Migration durch ein komplexes Muster von Push- und Pull-Faktoren geprägt. Als Push-Faktoren wirken insbesondere Kriege, politische Gewalt und Misswirtschaft. Auf der Seite der Pull-Faktoren sind an erster Stelle die gewaltigen Reichtumsdifferenzen zu nennen. Durch die angestiegenen Bevölkerungszahlen und die erhöhte Mobilität wird die Migration noch verstärkt. Hinzu kommt der vom Menschen verursachte Klimawandel, der eine immer grössere Rolle spielt. Die zunehmende Austrocknung führt zu einer ökologischen Benachteiligung der äusseren Tropen und der Subtropen, die ansteigenden Meeresspiegel erhöhen den Druck auf den Lebensraum in tief liegenden Küstengebieten.

Will man die Migration in den Griff bekommen, braucht es Soforthilfe für die Menschen in den Abwanderungsgebieten und auf den Wanderrouten, aber auch mehr Kontrollen und eine bessere Integration in den Ankunftsländern. Für die Lösung des modernen Klima- und Migrationsproblems entscheidend ist aber die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft: Wir sollten uns möglichst rasch vom Klimatreiber Kohlenstoff als Energieträger verabschieden.