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Israels Blick auf die Bademode

„Bedecke, was du willst – aber mit Stil!“

von Daniela Segenreich / 10.09.2016

Während in Europa die Burkini-Debatte tobt, tummeln sich in Israel leichtgeschürzte und verhüllte weibliche Badegäste. Auch Designerinnen verlegen sich auf Mode, die sittsam und chic zugleich ist.

Am Strand von Tel Aviv ist noch immer Hochsaison. Freizügig bekleidete Jugendliche baden hier friedlich neben Frauen, die mit langen Röcken, langärmligen Blusen und Hijab oder Turban in die Wellen waten. Andere wieder tragen züchtige Bade-Outfits aus elastischem Stoff, die Arme, Beine und den Kopf bedecken. Erlaubt ist hier beinahe alles.

Mira Markus, Sprecherin der Tel Aviver Stadtverwaltung, formuliert es so: „Tel Aviv ist eine sehr liberale Stadt und akzeptiert alle Menschen, egal, welchen Glaubens sie sind. Jeder darf hier tragen, was er will. Gesetzlich ist nur festgelegt, dass man ab dem Alter von fünf Jahren in der Öffentlichkeit bekleidet sein muss. Ob es aber ein superkleiner Bikini oder ein Burkini ist, bleibt jedem selbst überlassen.“ Sie betont, dass es für die streng Religiösen, denen Aktivitäten in der Öffentlichkeit nur unter Einhaltung der Geschlechtertrennung erlaubt sind, sogar eigene Strände gibt, mit fixen Badetagen für Frauen und Männer.

Züchtig muss nicht hässlich sein

„Dass wir religiös sind, heisst doch nicht, dass wir nicht modisch sein dürfen oder auf alles verzichten müssen“, lautet das Motto von Dana Franz, die in ihrem Studio in Tel Aviv und über das Internet Bade- und Sportmode verkauft und auch viele muslimische Kundinnen hat. Mit der Diskussion, die in Europa um den Burkini läuft, kann sie gar nichts anfangen. „Ich bin wirklich schockiert, dass ein Staat den Frauen vorschreiben will, was sie zum Schwimmen anziehen sollen, das ist doch eine sehr persönliche Entscheidung.“

Ihre Firma Imuna – eine Kombination aus den hebräischen Worten für „Training“ und „Glaube“ – entstand aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung, denn die geborene Amerikanerin treibt gerne Sport. Doch als sie vor knapp zehn Jahren religiös wurde und sich um die Einhaltung der Gebote zu bemühen begann, entdeckte sie, dass es für Frauen wie sie so gut wie keine Sportbekleidung gab. Laut der Halacha, der Sammlung religiöser Vorschriften, muss eine jüdische Frau in der Öffentlichkeit die Arme bis über die Ellbogen und auch die Beine bedeckt halten, wobei Hosen absolut nicht erlaubt sind. Also trug Dana, wenn sie joggen oder zum Meer gehen wollte, immer einen alten, langen Rock und ein ausrangiertes Shirt von ihrem Mann und fragte sich jedes Mal: „Warum muss ich in so scheusslichen Kleider trainieren, die auch noch unbequem sind?“

Schliesslich kaufte sie einen leicht elastischen, speziell fürs Wasser geeigneten Stoff, ging zu einer Schneiderin und liess sich eine Kombination aus Hose und langem Rock und dazu ein Oberteil anfertigen. Sie bekam so viel positives Feedback von Freundinnen, die auch so ein Bade-Outfit wollten, dass sie beschloss, ihre eigene Kollektion produzieren zu lassen und ein Unternehmen zu gründen. Seit damals bekommt die Kleinunternehmerin immer wieder Mails von Kundinnen aus aller Welt, Jüdinnen und Musliminnen, die ihr für ihre „Erfindung“ danken. Manche, die wegen der fehlenden Badekleidung jahrelang nicht schwimmen waren, gehen jetzt endlich wieder ans Meer.

Variantenreiches Angebot

Mittlerweile ist in Israel die Auswahl an entsprechender Badekleidung gross, denn auch andere Frauen produzieren aus ähnlichen Gründen wie Dana Franz ihre eigene Schwimm- und Sportmode. Marcy Rapp von MarSea Modest Swimwear hat viele Kundinnen, die nicht religiös sind, aber doch etwas „mehr Angezogenes“ zum Schwimmen wollen. Die Kanadierin hat die Firma gemeinsam mit ihrem Mann gegründet, als sie vor acht Jahren nach Israel kamen. Firmensitz ist ihre Wohnung in Jerusalem, und seit die Kinder der beiden ausgezogen sind, stehen in allen Zimmern Kleiderständer mit den Kollektionen.

Marcy führt „züchtige“ Alltagsmode, Sport- und Schwimmkleidung. Da findet man bunte Shorts sowie Leggings in allen Längen, Shirts, Blusen und Tuniken. Alles wird aus speziellem, für UV-Strahlen undurchlässigem Material gefertigt, denn viele Kundinnen kommen auch zu Marcy, weil sie ihre Haut vor der Sonne schützen wollen oder weil sie ein medizinisches Problem haben. Für die Religiösen gibt es zusätzlich Kleider und verschiedene Röcke, von kurz bis lang, die man über die Leggings ziehen kann, sowie den „Aquaskort“, die Kombination aus Rock und Hose. Und dazu gehört natürlich ein Sortiment von passenden Turbans, Bandanas und Hauben.

„Der Unterschied zum Burkini liegt darin, dass bei den Musliminnen die Leggings bis zu den Knöcheln gehen müssen“, erklärt die Designerin. Und auch die Ärmel müssen bei einem Burkini bis zum Handgelenk reichen, während eine religiöse Jüdin auch mit dreiviertellangen Hosen oder Ärmeln gehen darf. Bei den religiösen Jüdinnen muss die Hose unter einem Rock versteckt sein, während die Musliminnen den Rock über den Leggings oft kürzer tragen.

Marcys Slogan lautet: „Cover what you want in Style“ – „Bedecke, was du willst, aber mit Stil.“ Sie profitiert enorm vom grossen Interesse der Medien anlässlich der aktuellen Diskussion um das Burkini-Verbot in Frankreich. Und auch sie meint, dass jede Frau selbst entscheiden soll, wie sie zum Schwimmen gehen will: „Keine Regierung sollte den Frauen vorschreiben, was sie tragen oder nicht tragen sollen, egal, ob am Strand oder auf der Strasse. Frauen können bedecken, was sie wollen.“

Übrigens - am Strand der Männer sieht man ebenfalls robust Textiles. (Bild: ap)

Die Frage, ob denn das, was Frauen tragen, nicht in vielen Fällen von den Männern diktiert wird, kommt interessanterweise bei der Badebekleidung gar nicht erst auf. Mascha, eine Studentin aus Deutschland, die in einem schicken Bikini die Nachmittagssonne am Gordon-Strand in Tel Aviv geniesst, bringt es auf den Punkt: „Ob das gesellschaftlich bedingt ist oder unsere freie Wahl, dass wir Bikini oder Burkini tragen, weiss man ohnehin nicht. Aber niemand sollte blöd angeguckt werden, weil er zu viel oder zu wenig trägt!“

Seltener Einklang

Bei diesem Thema sind sich in Israel ausnahmsweise einmal Juden und Muslime einig. Und während die älteren arabischen Frauen an den Stränden meist noch in Strassenkleidung zu sehen sind, tragen einige jüngere Araberinnen bereits anliegende synthetische Hosen mit Röckchen und dazu ein Oberteil mit Hijab. Daran stösst sich niemand. „Wir gehen danach, was unser Glaube uns vorschreibt, das ist etwas Spirituelles“, meint Alah. Die hübsche Araberin, die mit ihrem Vater und den Brüdern den Strand von Jaffa geniesst, trägt ein schwarzes Outfit, bestehend aus Leggings und langem, tailliertem Top mit einem passenden schwarzen Hijab aus halbtransparentem Stoff. Sie ist erst zwölf, sieht aber viel älter aus und hat auch bereits eine klare Meinung zu der Diskussion um die Badekleidung: „Dieser Gesetzesvorstoss in Frankreich richtet sich gegen die Muslime. Würde so ein Verbot in Israel eingeführt, dann würde ich eher eine Busse zahlen, als mich anzupassen. Aber zum Glück ist das hier kein Thema!“