Thomas Eichhorn

Berliner Ensemble: Am Ende aller Träume

von Dirk Pilz / 24.09.2016

Als Claus Peymann vor 18 Jahren vom Wiener Burgtheater ans Berliner Ensemble wechselte, glaubte er noch fest an die zentrale Rolle des Theaters. Nun startet er in seine letzte Saison – und schimpft.

«Irgendwann muss man eben aufhören», hat Claus Peymann während einer Pressekonferenz kürzlich verkündet. Er wird im kommenden Sommer den Chefposten am Berliner Ensemble (BE) räumen, nach 18 Jahren auf dem Intendantenthron. Von einer Ära, einer einschneidenden Epoche ist in unseren in den Superlativ verliebten Zeiten zwar schnell die Rede, hier aber trifft es zu.

Macht, Ohnmacht

18 Jahre: Als Peymann vom Wiener Burgtheater ans BE wechselte, war das neue Jahrtausend noch nicht angebrochen. Man sprach und dachte noch anders über Theater damals. «Ich bin nach Berlin gegangen», sagte Peymann vor drei Jahren einmal, «weil ich dachte, wir müssen alle nach Berlin gehen, um die neu entstandenen Machtphantasien des wiedervereinigten Deutschland zu kontrollieren – der Traum von einer Rückkehr der zwanziger Jahre! Berlin als Schnittpunkt von Kunst und Politik!» Aber der Traum von der zentralen Rolle des Theaters sei schnell ausgeträumt gewesen. «Vielleicht ist es auch einfach so, dass das Theater diese Rolle des Aufklärers heute überhaupt nicht mehr spielt.»

Peymann aber hat ihn nicht aufgegeben, trotz allen berechtigten Zweifeln. Er glaubt fest daran, das zu erhalten, «was das Theater ausmacht: den Schauspieler, die Geschichte, die Story». Das hat er schon immer so gesagt, schon als er noch in Bochum, in Stuttgart oder in Wien residierte. Erst im vergangenen Jahr hat Peyman Thomas Bernhards «Die Macht der Gewohnheit» inszeniert, und der gesamte Abend lebte von seinem wunderbaren Hauptdarsteller Jürgen Holtz.

Jetzt wütet er gegen die Berliner Kulturpolitik und seinen Nachfolger Oliver Reese, weil der laut Peymann von den gut 80 künstlerischen Mitarbeitern 65 bis 70 nicht übernehmen will, unter ihnen 35 Schauspieler. Die Politik, sagte Peymann an der Spielzeitpressekonferenz, gehe schmuck- und würdelos mit den Künstlern um, Reese respektlos mit den jetzigen Mitarbeitern am BE. Das Haus werde «leergeputzt», das Ensemble «vernichtet». Dass Reese lediglich auslaufende Verträge nicht verlängert, dass Peymann zudem die Mitarbeiter selbst mit in die jetzige prekäre Lage gebracht hat, weil er ihnen Jahresverträge gab, die den weitgehenden Verzicht auf tarifrechtlichen Schutz bedeuten – das entschuldigt Peymann mit seinem vorgeblich naiven «moralischen Glauben». Er habe sich nie vorstellen können, dass sich jemand derart «als Sau» verhalte, so, wie es nun geschehe. Naiv aber war Peymann noch nie.

Auch das prägte die Peymann-Jahre am BE: hier der Traum von der Grossrolle des Theaters in der Gesellschaft, dort die hässliche Wahrheit, dass auch dieses Theater seinen moralischen Kredit verbraucht hat. Hier die hochtönende Feier des Schau-Spiels, dort der politische Höchstanspruch.

Insofern fügten sich die beiden Premieren zur Saisoneröffnung bestens in diese widersprüchliche Gemengelage. Auf der grossen Bühne durfte der 82-jährige Bühnen- und Kostümbildner, Regisseur und Maler Achim Freyer seinen «Abschlussball» zeigen, «ein Lamento in Bildern», ein Gesamtkunstwerk. Das will programmatisch verstanden werden: Die Peymann-Abschiedssaison wird durch einen harmlosen Freyer-Bilderreigen eröffnet. Peymann selbst wird erst im Februar seine letzte BE-Inszenierung zeigen, Kleists «Prinz Friedrich von Homburg». Und als wolle Freyer Peymann huldigen, schreiten lauter geschminkte Darstellerpuppen einher, wie sie Peymann in den vergangenen Jahren regelmässig auflaufen liess. Oder ist es womöglich hinterhältige Kritik an ebendiesem Peymannschen Schauspiel-Getue, an dessen hartnäckiger Austreibung allen Spiels und aller Seele aus dem Theater?

Und überhaupt, was will es bedeuten, dass hier lauter Untote auftreten? Dass sie grelle Masken und schräge Kostüme tragen, im Himmel ein Spiegel hängt und die Musik von Lucia Ronchetti hier ein bisschen Techno, dort eine Mozart-Arie hereinwehen lässt, alles aber so austauschbar und angeschafft wirkt, als habe jemand den grossen, prallen Kulturgut-Sack ausgeschüttelt? Es bedeutet nichts. Peter Handke wird zitiert, Else Lasker-Schüler, Kleist, Euripides, Jesus, Jean Paul. Alles irgendwie, alles durcheinander, als ob alles gleich wäre. Freyer verzichtet auf jede semantische Ordnung, weil er eine Ordnung der Melodien und Bilder sucht. Aber er findet nur zu einem Zitatbrei, einem politisch unbedarften Ball der Albernheiten.

Kalauer und Katastrophe

Tags darauf aber wurde das neue Stück des 77-jährigen Volker Braun uraufgeführt, in der Regie von Manfred Karge. Die beiden verbindet eine lange BE-Geschichte: Braun arbeitete von 1965 bis 1967 auf Einladung von Helene Weigel als Dramaturg am Haus, Karge damals schon als Schauspieler und Regisseur. Jetzt hat er, längst selbst erfolgreicher Dramatiker, «Die Griechen» herausgebracht, ein Versdrama. Bei Braun heisst es «Demos» und vereint zwei Stücke, neben «Die Griechen» auch «Die Putzfrauen».

Aber auch in Karges konzentrierter Strichfassung bleibt dies ein scharfes Stück politische Literatur, das etwas Seltenes vermag: den hohen Ton mit harten Wahrheiten vereinen, den Kalauer mit den Katastrophen, den Einspruch wider die Gegenwart mit der Erinnerung an ihre Herkunft. Die linke Hand dieses Textes winkt zu Elfriede Jelinek hinüber, die rechte zu Aischylos, Euripides.

«Durcheinander gehen die Fäden der Geschichte», heisst es bei Braun, und er sieht sich als Dramatiker berufen, sie zu entwirren. Um Übersicht zu schaffen, Zukunft zu gewinnen. Es wird der Sturz der griechischen Regierung Papandreou (Joachim Nimtz) gezeigt, der Aufstieg und Fall von Varoufakis (Felix Tittel), der Deal mit der EU. Alles konkret und doch in die grossen Spannungsbögen der europäischen Geschichte gesetzt, und alles frei von simplen Schuldzuweisungen. Verantwortlich und in Dilemmata verwickelt sind bei Braun die Putzfrauen genauso wie die Politiker.

Mitunter weicht Karge in seiner Inszenierung zwar in stereotype Bebilderungen aus. Varoufakis mit Sturzhelm und Stinkefinger, die Putzfrau (Swetlana Schönfeld) mit Putzeimer und Besen: überflüssig. Aufs Ganze aber sind diese knapp 90 Minuten ein dichtes Denkspiel, mit klarer Reflexionsrichtung. Viel Hoffnung auf ein europäisches Happy End machen sie nicht. Am Ende fällt das Tuch, der Blick geht ins Dunkle.

An diesem Abend spielt das Theater damit noch einmal die Rolle des Aufklärers, und es spielt sie gut: Es legt offen, was es heisst, eine Gesellschaft einzig nach finanziellen Kriterien zu bewerten.