Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Beseelter Schnee

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.01.2016

Kaum noch Schnee. Für meine Enkeltochter H., die bei uns zu Besuch ist, kein Hindernis. Aus Schnee lassen sich Schneemänner bauen, und nicht nur Männer. Heute ist Schneemannmamatag. Gott hauchte einem Lehmbatzen Leben ein und so entstand Adam. H.s Schneemannmama hingegen entsteht, indem meine Frau, schneemannmamabauend, sich mehrfach in die eiskalten Hände haucht, damit sie ihr nicht abfrieren. Denn die Schneemannmama darf nicht gar zu klein ausfallen, gilt es doch, ihr an die Seite ein Schneemannbaby zu drücken, damit das Ganze eine richtige Schneemannmamaundbabygruppe wird.

H. ist entzückt, meine Frau versucht, ihre Hände vor dem Erfrieren zu bewahren, ich stehe in Wollfäustlingen freundlich daneben. Auch steuere ich Augen aus kleinen Steinchen bei, welche die Hausbesorgerin gestreut hat, damit sich unsereiner nicht den Oberschenkelhals bricht.

Schneemannmama und ihr Schneemannbaby schauen uns jetzt steinchenäugig an, kein Zweifel, die beiden haben eine Schneeseele. H., noch unverdorben vom Kindergartenaufklärungsbetrieb, ist hellauf entzückt. Würde ihr das Wort „kindlicher Animismus“ vertraut sein, fiele ihr Kommentar gegen die, die es auf den Schneeseelenglauben anwenden, vermutlich knapp aus: „Deppen.“

Stellvertretend deklamiere ich das Wort. Während mir meine Frau ungerührt meine Wollfäustlinge abluchst, füge ich mit Blick auf die Schneemannmamaundbabyidylle poetisch angehaucht hinzu: „Ein Seelengebild’“. Und H. sagt, mich nachäffend: „Deppen.“

Na also.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen