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Besiedlung des Mars: Hier leben? Nein danke

Meinung / von Robert Gast / 06.09.2016

Der Traum, den Mars zu besiedeln, ist en vogue wie schon lange nicht mehr. Dabei ist völlig unklar, was der Mensch dort überhaupt will.

Die Astronauten hüpfen durch den rostroten Sand, euphorisiert von dem historischen Moment und der geringen Schwerkraft. Natürlich haben sie eine Kamera dabei. Das erste Video benötigt eine Viertelstunde, bis es die Erde erreicht. Dann ist sie da, die Botschaft aus 270 Millionen Kilometern Entfernung: „#Mars grüsst Menschheit.“

Ist es bald so weit? Landen Menschen bald auf dem Mars? Den Eindruck kann man dieser Tage kriegen. Vergangene Woche sorgte das Ende eines Experiments der Nasa für grosses Aufsehen: Sechs junge Forscher lebten ein Jahr lang isoliert im Hochland Hawaiis, um einen Mars-Aufenthalt zu simulieren. Und bereits vor einigen Monaten verblüffte Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk mit der Aussage, schon 2025 mit der Kolonisation unseres Nachbarplaneten beginnen zu wollen.

Ein funkelnder Rubin

Träumen ist natürlich erlaubt, vierzig Jahre nachdem erstmals ein Roboter sanft im roten Sand aufgesetzt hat. Aber mehr als ein Traum ist sie immer noch nicht, die bemannte Mars-Landung. Im Grunde ist sie ein Traum, der all jene frustrieren muss, die ihn träumen. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Menschheit seiner Realisierung kaum näher gekommen. Und es sieht nicht so aus, als änderte sich das bald, allem Trubel zum Trotz.

Von der Erde aus wirkt der Mars verheissungsvoll: Er ist ein funkelnder Rubin am Nachthimmel, auf den Träumer und Phantasten seit langem ihr Fernweh projizieren. Ein Ort, an dem manche Menschen gerne einmal wären, ohne dass sie konkret sagen könnten, weshalb eigentlich.

Die bemannte Mars-Landung ist ein Traum, der alle frustrieren muss, die ihn träumen.

Aus der Nähe betrachtet verliert der Mars viel von seinem Reiz. Er ist eine im Durchschnitt minus 50 Grad kalte Eiswüste, auf der Sandstürme Monate lang wüten können. Seine Oberfläche ist von ätzenden Salzen durchsetzt. Und ihm fehlen sowohl ein Magnetfeld als auch eine Ozonschicht, die Lebewesen vor Strahlung aus dem Weltall schützen.

Menschen würden hier allenfalls mithilfe von Hightech überleben, in beengten Habitaten, deren Klimaanlage CO2 aus der Marsatmosphäre in Sauerstoff umwandelte. 500 Tage lang müssten die Kolonisten ausharren. Erst dann käme der Mars der Erde wieder nah genug für den Rückflug. So sieht es zumindest das von Weltraumplanern bevorzugte Konzept vor.

Lebensmüde Mars-Pioniere

Eine andere Möglichkeit ist das, was Privatinitiativen wie „Mars One“ vorschlagen: eine Reise ohne Rückflug. Tausende Menschen haben sich über das Internet gemeldet, um als lebensmüde Mars-Pioniere in die Geschichte einzugehen. Experten sind sich weitgehend einig, dass die Freiwilligen nie losfliegen werden. Zu gross sind die Finanzierungslücken der Privatinitiativen.

Die Pläne der Nasa wirken deutlich durchdachter. Seit den 1990er Jahren liegen die Missionsskizzen in der Schublade und werden immer einmal wieder aktualisiert. In den 2030er Jahren könnten demnach erst ein kleines Raumschiff, Wohnmodule, Vorräte und ein Miniatomreaktor zum Mars geschossen werden. Zwei Jahre später würden die Astronauten folgen und nach ihrem Aufenthalt zurück zur Erde fliegen.

Bis jetzt verfolgt die Nasa diese Vision aber nur auf Umwegen. Gerade entwickelt sie das neue Trägerraketensystem SLS und die Orion-Raumkapseln. Mit den beiden soll es zunächst wieder in Richtung Mond gehen. Irgendwann in den 2020er Jahren sollen Astronauten einen Asteroiden ansteuern, der zuvor von Raumsonden eingefangen und im Mondorbit placiert worden ist. Ob die Amerikaner damit effektiv einen Flug zum Mars vorbereiten, ist umstritten.

Schneller als die Nasa

Elon Musk will den Mars schneller anfliegen. Schon 2018 soll eine acht bis zehn Tonnen schwere SpaceX-Raumkapsel dort landen. Sie wäre damit zehnmal so schwer wie die grösste Last, die die Nasa bisher auf dem Mars abgesetzt hat. Letztlich will Musk nach diesem Test regelmässig Material zum Mars schicken: die Infrastruktur für Menschen, die 2025 eintreffen könnten.

Die Nasa dürften diese Pläne in Verlegenheit bringen. Für sie ist die Landung auf dem Wüstenplaneten ein heikles Thema. Einerseits verdankt die Raumfahrtbehörde der Aussicht, Menschen zum Mars zu schiessen, einen Teil ihrer Popularität. Entsprechend prominent taucht der Mars in der Öffentlichkeitsarbeit von Nasa und anderen Raumfahrtbehörden auf. Andererseits bergen zu konkrete Ansagen eine Gefahr. Jeder detaillierte Fahrplan hat ein Preisschild. Und eine zu teure Vision kann in politischen Debatten schnell unter die Räder geraten. Das musste die Nasa lernen, als George Bush senior 1989 ankündigte, Menschen bis 2018 auf den Mars zu bringen. Das sollte bis zu 540 Milliarden Dollar kosten und war ein gefundenes Fressen für Raumfahrtkritiker.

Bis heute ist der Hauptgrund für die Skepsis von Entscheidungsträgern, dass der Flug zum Mars wohl keine klar bezifferbare Rendite bringen würde. Das dürfte auch für Musk noch zum Problem werden. Warum sollte man Menschen für viel Geld quer durchs All schiessen und dabei ihren Tod riskieren?

Ein neuer Kontinent

Drei Argumente haben die Befürworter parat. Zunächst würde die Mars-Landung der Suche nach ausserirdischem Leben einen Schub geben, sagen sie. Der Nachbar der Erde könnte vor Milliarden von Jahren ein warmer, nasser Planet gewesen sein, der Erde nicht unähnlich. Vielleicht hat sich dort Leben gebildet, vielleicht hat es in Form von Mikroben überdauert. Menschen könnten besser nach diesen Organismen suchen als Roboter.

Grund Nummer zwei: Der Mars könnte das Überleben der Menschheit sichern. Wenn ein Kometeneinschlag, ein Atomkrieg oder eine Umweltkatastrophe die Erde unbewohnbar machen würde – der Wüstenplanet nebenan böte eine erreichbare Zuflucht.

Das beliebteste Argument appelliert an den Entdeckergeist des Homo sapiens. Mit dem Mars würde die Menschheit gewissermassen einen neuen Kontinent betreten, das unerschlossene Amerika des 21. Jahrhunderts. Dazu gehören natürlich auch Entbehrungen. Letztlich lohne sich solcher Pioniergeist aber, finden Befürworter, da er den Horizont des Menschen erweitere.

Der Preis für die Raumfahrt steigt enorm, wenn statt Robotern Menschen ins All fliegen.

Ein Dienst für die Wissenschaft, eine Lebensversicherung, eine kolossale Kulturleistung – zwei dieser Gründe sind leider wenig stichhaltig. So blicken nicht wenige Wissenschafter mit gemischten Gefühlen auf die Vision einer bemannten Mars-Landung. Der Preis für die Raumfahrt steigt enorm, wenn statt Robotern Menschen ins All fliegen. Vielleicht fehlt dieses Geld dann, um Teleskope oder neue Forschungssatelliten zu bauen. Und wirklich nötig sind Menschen nicht für die Suche nach Mars-Mikroben. Als nächstes grosses Projekt plant die Nasa, mit einem Rover Mars-Gestein in einen Behälter zu füllen und diesen zurück zur Erde zu schiessen. Viel mehr könnten Menschen auf dem Mars auch nicht tun.

Man sollte wohl auch nicht einen allzu grossen Teil des Forschungsetats dem Mars widmen. Vielleicht war er nie so lebensfreundlich, wie ihn sich die PR-Abteilungen von Weltraumorganisationen ausmalen. Vielleicht war er einst bloss ein von einem Eispanzer bedeckter Planet, auf dem Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge hin und wieder Gletscher schmelzen liessen.

Letzte Zuflucht

In diesem Fall bliebe der Hauptgrund für eine permanente Mars-Siedlung die Angst vor einer globalen Katastrophe auf der Erde. Ob sich mit einem Aussenposten auf dem Mars die Menschheit wirklich retten liesse, ist fraglich. Die Überlebenschancen einer Kolonie stünden ohne regelmässige Versorgungsflüge von der Erde wohl sehr schlecht.

Was man hingegen nicht in Abrede stellen kann, ist die Geschichtsträchtigkeit einer Reise zum roten Planeten. Die Bilder von Menschen, die Mars-Staub aufwirbeln, würden sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation einbrennen. Aber ob das reicht, um den nötigen politischen Willen aufzubringen?

Das Mars-Abenteuer würde sicherlich Hunderte Milliarden kosten. Auch billigere Raketenstarts von SpaceX werden diesen Preis vermutlich nicht stark senken können. So bleibt die Finanzierung eine grosse Herausforderung, selbst für eine derzeit denkbar unwahrscheinliche Koalition aus USA, EU, Russland und China. Momentan liegt das Jahresbudget der Nasa, die nach wie vor tonangebend in der Raumfahrt ist, bei knapp 18 Milliarden Dollar. In der Boomzeit des Apollo-Programms Mitte der 1960er Jahre war es mehr als doppelt so hoch.

Um diese Lücke zu schliessen, müsste ein neuer, stichhaltiger Grund her, Menschen zum Mars zu schiessen. Ein Geschäftsmodell, das staatliche und privatwirtschaftliche Investoren anlockt. Oder ein anderer Anreiz jenseits des Sammelns geologischer Proben. Solange ein solches Motiv nicht in Sicht ist, bleibt die Mars-Landung, was sie schon so lange ist: ein Traum mit grossem Frustrationspotenzial.