Jeremy Lempin / Keystone

Besucherrückgang: Paris darbt

von Marc Zitzmann / 23.09.2016

Museen in der Lichterstadt haben im ersten Semester dieses Jahres bis zu 20 Prozent ihrer Besucher verloren. Hauptgrund dafür ist die Angst vor Terrorakten: Ausländische Touristen meiden Frankreich.

2016 droht für viele Pariser Museen zum annus horribilis zu werden. Die NZZ hat elf grosse und kleine Häuser befragt: Bei jenen, die den Besucherrückgang schon in Prozentanteile fassen können, liegen die Zahlen durchweg im zweistelligen Bereich. So verkaufte das Schloss von Versailles im ersten Semester 14 Prozent weniger Tickets als im Vorjahr, das Musée Guimet knapp 15 Prozent weniger, das Musée d’Orsay 18 Prozent, der Louvre gar 20 Prozent …

Sophie Grange, Pressechefin des grössten Museums des Welt, führt den drastischen Rückgang auf die viertägige Schliessung des Louvre infolge von Hochwasser im Juni zurück, vor allem aber auf die Attentate, die Paris im Januar und November 2015 erschütterten. Viele Ausländer mieden die Lichterstadt, zuvörderst die Amerikaner und Asiaten. Der Louvre, dessen Besucher zu vier Fünfteln Nichtfranzosen sind, sei besonders anfällig für derlei Konjunkturschwankungen. Amélie Hardivillier, Kommunikationschefin des Musée d’Orsay, bestätigt den Wegfall eines Gutteils der Gäste aus den USA. Nach dem Anschlag in Nizza am 14. Juli habe sich die Situation noch verschlechtert.

Wer aus diesen Zahlen schliesst, Frankreichs Museen seien entvölkert, irrt freilich. 2015 zogen dreissig Kunst-, Geschichts- und Wissenschaftsmuseen sowie «museale Monumente» je über eine halbe Million Besucher an, gut die Hälfte davon sogar je über 1 Million. Spitzenreiter sind der Eiffelturm (7,1 Millionen Besucher), das Schloss von Versailles (7,4 Millionen) und der Louvre (8,7 Millionen). Diese Zahlen sind im internationalen Vergleich ehrfurchtgebietend und bleiben es auch, wenn man 15 oder 20 Prozent davon abzieht.

Finanziell indes könnten die Folgen des Besucherschwunds verheerend sein. Wie andere Kulturinstitutionen auch müssen Frankreichs Museen seit Jahren den Gürtel enger schnallen. Viele haben keine Marge mehr und müssten, falls die Erträge dauerhaft sinken, an die Substanz gehen: das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm ausdünnen, die ohnehin niedrigen Ankaufsbudgets kürzen, auf Bauarbeiten verzichten, die Eintrittspreise erhöhen, Personal abbauen.

Konstruktiv mit der Krisensituation umzugehen vermag einzig der Louvre-Präsident, Jean-Luc Martinez. Schon bei seinem Amtsantritt 2013 hatte er so mutig wie triftig betont, das Streben nach immer höheren Besucherzahlen könne nicht das A und O einer Museumspolitik bilden. Vielmehr müsse die Qualität des individuellen Besuchs im Mittelpunkt stehen. Aber der Louvre stellt auch da eine absolute Ausnahme dar – und kann sich den Luxus dieser Art von Reflexion (noch) leisten.

Freilich verlieren nicht alle französischen Museen Besucher. Provinzstädte, die Touristen als «sicher» einstufen, verzeichnen sogar Zuwächse. Auch mag der Rückgang in den grossen Pariser Häusern noch andere Gründe haben als die Angst vor Anschlägen. Etwa Veranstaltungsprogramme, die wegen der finanziellen Schwierigkeiten weniger attraktiv sind als auch schon. Oder die negative Publizität, welche die Überschwemmungen im Juni sowie Demonstrationen gegen das im Juli verabschiedete Arbeitsgesetz im Ausland zeitigten.

Paris hat so im ersten Semester 15 Prozent Touristen verloren, die Côte d’Azur im Juli 14 Prozent. Katastrophal ist die Lage in den hauptstädtischen Palace-Hotels, die diesen Sommer zwischen einem Drittel und der Hälfte weniger Buchungen verzeichneten als im Vorjahr. Hingegen sind in dem von den November-Attentaten hauptbetroffenen 11. Arrondissement die Bars und Cafés gedrängt voll mit Einheimischen. Und Paris kletterte in der siebten PwC-Erhebung «Cities of Opportunity» vom sechsten auf den vierten Platz der attraktivsten Städte der Welt!