Beten allein hilft nicht

von Simon Hehli / 20.05.2015

Wollten die Kirchen ihren Niedergang stoppen, müssten sie an ihrem Ruf arbeiten, sagt der Theologe Urs Winter. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Seelsorgern an der Basis zu.

Befassen sich die Medien mit der Zukunft der Schweizer Landeskirchen, dominiert das Niedergangs-Topos, befeuert durch religionssoziologische Studien, die einen anhaltenden Massenexodus der Gläubigen prophezeien. Laut dem Theologen und Psychologen Urs Winter führt diese Entwicklung bei vielen Kirchenvertretern zu einer „Opfermentalität“, nach dem Motto: Gegen gesellschaftliche Trends lässt sich sowieso nichts ausrichten. Doch für Winter muss der Weg der Kirchen nicht im Jammertal enden. Der Projektleiter am Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen zeigt in einer am Montag veröffentlichten Studie zur Kirchen-Reputation verheißungsvollere Wege auf.

Winter wendet in seiner Untersuchung Methoden an, die aus den Wirtschaftswissenschaften stammen. In einem ersten Schritt will er wissen, wie es um den Ruf der beiden grossen Landeskirchen steht. Den breiten Fragenkatalog haben drei verschiedene Gruppen beantwortet: 949 Politiker aus kantonalen Parlamenten, 360 Studenten der Pädagogischen Hochschule (PH) in St. Gallen und 90 Theologiestudenten. So ist Winters Studie zwar nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, doch geht er davon aus, dass die Resultate bei einer grösser angelegten Befragung ähnlich herauskämen. Alle Antwortenden konnten dem Fragebogen auch eigene qualitative Aussagen hinzufügen. In einem zweiten Schritt leitet Winter konkrete Handlungsoptionen für die Kirchen ab.

Bessere Noten für Reformierte

Die Umfrage bestätigt die Ergebnisse anderer Studien: Sowohl Politiker wie auch Studenten finden, dass die Kirchen grundsätzlich einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Häufig sehen die Menschen diesen Nutzen jedoch nicht für sich selber, sondern nur für andere. Bei allen befragten Gruppen genießt die reformierte Kirche ein besseres Image. Der Ruf der katholischen Kirche hat gelitten unter den Pädophilie-Skandalen, den konservativen Positionen zur Sexualmoral und zur Gleichstellung von Mann und Frau und dem Festhalten an Männerpriestertum und Zölibat. Die Kirche gilt als intolerant, autoritär und verstaubt. Winter diagnostiziert eine „Kluft zwischen Lehre und gelebter Wirklichkeit“.

Bei den Reformierten wird bloß der Mangel an Profil kritisiert. Der Zürcher Theologieprofessor Thomas Schlag betont in seinem Nachwort zur Studie allerdings, man solle sich vor den „Versuchungen eines konfessionellen Rankings“ hüten. Denn hinsichtlich Qualität seien die Herausforderungen an die Reformierten in keiner Weise geringer. Statistiken zeigen zudem, dass die Protestanten genauso unter Kirchenaustritten leiden wie die Katholiken.

Es ist denn auch eine der zentralen Fragestellungen der Studie: Inwiefern kann sich die Kirche überhaupt den Bedürfnissen ihrer „Kunden“ anpassen? Können Firmen, die neue Eissorten anhand von Marktstudien entwickeln, oder Parteien, die sich an populären Meinungen in der Bevölkerung ausrichten, Vorbilder sein? Eine Kirche, die Religion als „Ware“ behandle und damit zu feilschen beginne, zerstöre die Basis der Gottesbeziehung, meinte einst der Zürcher Theologieprofessor Ralph Kunz warnend. Doch Winter bricht eine Lanze für das Marketing und ein besseres Qualitätsmanagement: Kirchen stünden in Konkurrenz zu anderen „Sinnanbietern“ und müssten daher ihre Angebote bestmöglich „vermarkten“ und ihre Ressourcen optimal verteilen.

Zentrale Rolle der Pfarrer

Der Schlüssel zum Erfolg liegt aber nicht in Hochglanzprospekten, wie Winter festhält. Vertrauen lässt nicht mit Imagekampagnen zurückgewinnen. Entscheidend sei vielmehr die Arbeit an der Basis. „Je motivierter und kompetenter das kirchliche Personal wahrgenommen wird, desto besser ist die Beurteilung der Qualität der kirchlichen Angebote“, so Winter. Und je besser die Reputation, umso geringer die Zahl der Kirchenaustritte und umso kleiner das Risiko, dass der heutige Modus Vivendi zwischen Staat und Kirche ernsthaft infrage gestellt wird – etwa mit Initiativen zur Abschaffung der Kirchensteuern für Unternehmen. Vor allem aber führt ein guter Ruf laut Winter zu mehr persönlichem Engagement und kann somit helfen, die Nachwuchsprobleme in der Seelsorge zu dämpfen.

Winter rät den Kirchen nicht nur, Prozesse und Strukturen im Sinn des Qualitätsmanagements zu evaluieren und sich klarzuwerden, welche Visionen sie umsetzen wollen. Er betont vor allem, dass die Pfarrer wieder näher zu den Menschen müssten. Ob dies wirklich die ersehnte Trendwende bringen wird, ist aber fraglich. Winter konstatiert selber, dass die Kirchenmitglieder den Seelsorgern bereits heute gute Noten ausstellen – Steigerungspotenzial zugunsten des Rufs der Gesamtinstitution ist hier also kaum vorhanden. Auch Theologieprofessor Schlag zweifelt, ob die Angestellten an der Basis das durch die Medien geprägte Negativimage der Kirchen tatsächlich korrigieren können.

Erschwert wird die pastorale Nähe zusätzlich durch die sinkenden Mitgliederzahlen, welche die Kirchgemeinden zu Fusions- und Konzentrationsprozessen zwingen. Es seien noch viele Fragen ungeklärt, sagt Winter. Etwa, ob es besser sei, schlechten Religionsunterricht anzubieten oder gar keinen. Eines ist für ihn aber klar: Die Kirche muss ihren Blick nach vorne richten. Oder wie es Thomas Schlag – wohl auch als Seitenhieb in Richtung Chur – formuliert: „Alle Strategien des Festhaltens am Überkommenen oder gar des Rückbezugs auf die vermeintlich zeitgeistfreien Traditionen dürften für den allergrößten Teil der Kirchenmitglieder und erst recht der Distanzierten, Wahrnehmenden und Beobachtenden die noch vorhandene Attraktivität weiter sinken lassen.“