Morgengrauen

Bettnaturromantiker, sozusagen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 16.10.2016

Heute früh war ich auf unserem Hausberg. Es war noch stockdunkel, als ich losfuhr. Vom Fuß des Berges dann hinauf zum Gipfel. Ich tat es auf Anraten meines Lieblingsinternisten – wegen meiner Kondition, die etwas damit zu tun hat, dass ich möglichst lange lebe, nicht wahr?

Das ist die offizielle Version, die nur quasi offiziell ist, weil sie niemanden interessiert, ausgenommen, hoffentlich, meine Lieben. Meine Frau hat mich im Verdacht, ein überalterter Naturromantiker zu sein. Und sie hat recht. Ich dachte mir, warum nicht das Gesunde mit dem Naturromantischen verbinden? Also hinauf auf den Berg, über Stock und Stein, um den Sonnenaufgang zu erleben, in all seiner Pracht, da oben, auf dem Gipfel. Aber dort war nichts, nicht einmal der Gipfel. Es gab nur den Nebel, der vor sich hin waberte. Ich bin dann mit der ersten Gondelbahn ins Tal gefahren.

Als ich wieder zu Hause war, fiel mir ein, dass einst Hegel, als er einmal übers Gebirge ging, eine große Langeweile befiel. Er beklagte die Geistlosigkeit der toten Materie. Das geht mir jetzt gegen den Strich meiner Naturromantik. Also frage ich meine Frau beim späten Frühstück, was sie von der Geistlosigkeit der toten Materie halte. Sie sagt: „Nichts.“ Und ich sage: „Eben.“ Morgen werde ich im Bett bleiben. Und Naturromantiker bleibe ich auch. Bettnaturromantiker, sozusagen. Meine zugegeben geistlos-kindische Utopie: die Federkernmatratzensynthese aus Wildnis und Zivilisation. Doch das ist immerhin mehr, als sich Hegel, der Philosoph des Weltgeistes, hätte träumen lassen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform: „Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.