Morgengrauen

Bevor das Auge sonnenhaft wird

Gastkommentar / von Peter Strasser / 20.07.2016

Es gibt Nachtjournale, Traumjournale. Warum gibt es keine Journale des Aufwachens? Das ist mir heute durch den Kopf gegangen, nachdem ich aufgewacht war.

Mein Erwachen war schwerelos. Die Schwere und Tiefe der Nacht, die Flut des andrängenden Unbewussten hatten sich aufgelöst in einen Nebel aus Bilderlosigkeit; auch der vergangene Tag, ein Kaleidoskop aus bunt herumtreibenden Erinnerungsresten, war zurückgesunken in das Archiv meiner Seele.

Erwachen: Noch ist nichts geschehen, was die Maschinerie des Alltags wieder in Gang setzen und zum Schnurren bringen würde. Das Bewusstsein ebbt. Die Augen sind geschlossen, sie warten darauf, dass sich die Lider öffnen und wieder einmal einen Tag lang wahr wird, was Goethe dichtete: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.“

Die Welt, welche das Bewusstsein fluten wird, und das Bewusstsein, welches die Welt mit Licht begabt – beides verharrt einen langen Moment lang im Zwischenreich zwischen Wachen und Schlafen, vergleichbar den zart zusammenklebenden Flügeln des Schmetterlings, der noch nass ist vom Dasein als Puppe. Es ist Schwellenzeit, nicht Journalzeit. Mag sein, dass sich der Traumschmetterling wieder verpuppt, hineinverpuppt in das bergende Dunkel. Wahrscheinlicher ist, dass er zur Sonne hin erwacht. Ich bin erwacht, die Sonne halb verborgen hinter den Jalousien. Nach der Schwellenzeit kommt die Frühstückszeit; erst dann wird das Auge sonnenhaft – woran der Dichterfürst hätte denken können, oder?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).