KEYSTONE/Jean-Christophe Bott

E-Mail-Leaks

Big Brother in Redaktionen

von Rainer Stadler / 01.10.2016

Das Mediengeschäft mit gestohlenen elektronischen Daten läuft gut. So kommen zwar Machenschaften zutage. Man muss aber auch um seine Privatsphäre fürchten.

Die journalistischen Detektive waren wieder fleissig. Dieser Tage erschienen gleich drei Enthüllungen, welche auf der Auswertung von Tausenden E-Mails beruhen. Die „Zeit“ bekam Zugriff auf den elektronischen Schriftverkehr zwischen den Separatisten in der Ostukraine und russischen Beratern. Die Recherche zeigt, wie der Kreml die Medien manipuliert. Die „Süddeutsche Zeitung“ wiederum breitete am Freitag die „Chronik eines Kommunikationsdesasters“ aus; hier geht es um die Reaktion der deutschen Regierung auf die VW-Affäre. In derselben Ausgabe berichtete ein Journalist über die innige Beziehung von Medien und Regierung in der Türkei. Als Beleg dienen interne Mails, welche sich eine Gruppe von Hackern beschaffte.

Es ist eine fundamentale Aufgabe des Journalismus, Machenschaften und Manipulationen aufzudecken. Gleichwohl muss die Häufung von Publikationen, die von gestohlenen E-Mails profitieren, auch beunruhigen. Die Ausschlachtung von Indiskretionen ist offensichtlich ein Geschäft, das zumindest publizistische Ehre einträgt – die Grossoffensiven etwa im Stil der Panama Papers belegen das. Die Lieferanten von heissem Material können dabei darauf hoffen, ihre Interessen besser durchsetzen zu können. Die geräuschvollen Publikationen animieren wiederum zu Nachahmungstaten.

Währenddessen schreiben wir täglich Dutzende E-Mails und vertrauen darauf, dass die Mitteilungen im Kreis bleiben, für den sie bestimmt sind. Doch von Woche zu Woche wächst das Klumpenrisiko. Wir wissen nicht, wer das Besprochene wie lange und wie sicher speichert. Wir haben keine Ahnung, ob jemand – auch ohne böse Absicht – eine Mail anderswohin weiterleitet und was damit geschieht. Tausende Mal ist das kein Problem, und wir wiegen uns entsprechend in Sicherheit. Aber was ist, wenn jemand unsere Botschaften irgendwo abzapft und diese dann als Beifang einer grossen Leak-Affäre in den Computern von Journalisten landen?

Die Datenlecks verarbeitenden Redaktionen versichern, sie würden nur Informationen publizieren, welche von öffentlichem Interesse seien. In der Regel mag das zutreffen. Was geschieht jedoch nach geschlagener Datenschlacht? Werden die Mails, die wirklich nur private Bedeutung haben, gelöscht? Wenn nein, wer speichert sie wie sicher und mit welcher Legitimation? Die Redaktionen, welche an der Auswertung von Datenlecks beteiligt waren, haben sich dazu bisher nicht geäussert. Wer zufällig in ein Schleppnetz geraten ist, ohne etwas Schlechtes getan zu haben, mag sich an die Hoffnung klammern, er werde in der grossen Menge an Daten gar nie auffallen. Eine Garantie hat er nicht. Er weiss ja nicht einmal, ob und was von ihm abgefangen wurde und wo es gelandet ist. Die Redaktionen müssen das klären. Der E-Mail-Schreiber wiederum sollte sich vermehrt fragen: „Willst du das wirklich verschicken?“