Morgengrauen

Bis auf alles besser als nichts

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.10.2016

Man hatte mich eingeladen, ein paar Worte zur Situation der Zeit zu sagen, im Anschluss an ein sechsgängiges Abendessen. Ich hatte erwartet, auf eine rüstige Schar Sechzigjähriger-plus zu treffen. Aber nein, es waren durchwegs junge Leute aus den besten Häusern der Stadt. Der Existenzialismus, den wir Älteren abgelegt hatten, feiert offensichtlich ein Comeback.

Da saßen sie also, die jungen Existenzialistinnen und Existenzialisten, ohne sich in den seinerzeit obligaten Zigaretten- und Pfeifenrauch zu hüllen. Auch sahen sie aus, als ob sie weder illegale Drogen nähmen noch die „freie Liebe“ praktizierten noch sonderlich an Selbstmord dächten. Überhaupt wirkten sie auf mich wie eine Versammlung jener Charity-Clubs, deren Mitglieder emsig die Karriereleitern knüpfen, auf denen der eigene Nachwuchs nach oben klettert. Die Diskussion nach meinem kleinen Referat zur Situation der Zeit war müde, es galt, ein sechsgängiges Abendessen zu verdauen. Dann fiel der existenzialschwangere Satz: „Wir haben alles, bis auf alles.“ Das war mir doch zu viel. Ich entschuldigte mich und ging.

Heute, bei der Zubereitung des Frühstückskaffees, fiel mir ein, dass ich alles hatte, bis auf die Milch. Aber die Milch ist nicht alles, deshalb konnte ich rasch eine im Supermarkt besorgen. Die Kassiererin überraschte ich dann mit einem flotten Spruch: „Bitte schön, das ist alles bis auf alles.“ Worauf sie mir, geistesgegenwärtig und gewitzt, zur Antwort gab: „Und das ist besser als nichts, nicht wahr?“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.