Peter Strasser

Morgengrauen

Bloß kein Morgengesicht!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 24.03.2016

Heute Morgen ist es schon wieder passiert. Ich schaue versehentlich in den Vorzimmerspiegel, und wen sehe ich da? Mich. So kann’s gehen, wenn man nicht aufpasst.

Nebenbei gesagt: Mira Lobes Selbstfindungsklassiker Das kleine Ich-bin-ich habe ich noch nie gemocht; ich weigere mich, ihn meinen unverdorbenen Enkeltöchtern vorzulesen. Eigentlich wollte ich ja vom Spiegel wegschauen, wie jeden Tag, wenn ich, aus dem Schlafzimmer kommend, beim Vorzimmerspiegel vorbeistreiche, um meine kleine Morgenliturgie zu zelebrieren: das tiefgefrorene Frühstücksbrötchen aufbacken (60 Grad Ofenhitze, Umluft), den Filter in die Maschine legen zwecks Zubereitung duftenden Morgenkaffees, Milch ins Kännchen, Marmelade ins Töpfchen, den Tisch decken.

Zwischendurch wollte ich rasch die Morgenzeitungen hereinholen, und da ist es passiert, schon wieder: Ich eile am Vorzimmerspiegel vorbei. Meine Devise: Wegschauen, um nicht hineinschauen zu müssen! Und akkurat schaue ich hinein. Und was sehe ich da? Ich sehe mein Morgengesicht, über dessen Einzelheiten ich gerne den sprichwörtlichen Mantel des Schweigens breiten möchte. Denn mein Morgengesicht ist alles andere als ein Allerweltsgesicht. Mit einem Allerweltsgesicht könnte ich mich am Morgen anfreunden, das wäre ein Gesicht, um es aller Welt zu zeigen. Schaue ich hingegen, bevor mich der Blick meiner Frau der Welt annehmbar macht, in den Spiegel, dann sehe ich immer nur – mich. Ich-bin-ich, ob groß, ob klein, das ist zu wenig. Die Folge: Morgengrauen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.