Listal.com

Computerspielsucht

Candy Crush, Giana und Arkanoid: Computerspiele als Wegbegleiter

von Barbara Kaufmann / 04.11.2015

Computerspiele sind gefährlich, sagen die einen. Computerspiele machen süchtig, die anderen. Computerspiele können ein ganzes Leben erzählen, finde ich. Von C64-Games wie Giana Sisters über Amiga-Klassiker wie Arkanoid bis hin zu den aktuellen Facebook-Hits Candy Crush und Pet Rescue Saga. Computerspiele sind treue Wegbegleiter in Krisen und gute Zeiten. 

Nur noch ein grünes Bonbon fehlt, dann ist das Level geschafft. Zwei Spielzüge hab ich noch, drei U-Bahn-Stationen, bis ich aussteigen muss, zehn Minuten bis zum nächsten Termin. Das geht sich aus. Links oben ist ein rotes Bonbon neben einem grünen. Wenn ich die beiden verschiebe und dann noch das lila Bonbon darunter in eine Reihe mit den beiden anderen lila Bonbons bringe, müsste es sich ausgehen. Die Menschen um mich setzen sich, stehen auf, drängen hinaus. Eine Wolke süßen Parfums zieht an mir vorüber. Jemand stößt mich von hinten. Eine Tasche trifft mich am Schienbein. Noch ein grünes Bonbon. Geschafft! Level durchgespielt – endlich! Dafür hab ich das Aussteigen verpasst. Zum Termin komme ich zwanzig Minuten zu spät.

Candy Crush ist das neueste Kapitel in einer Geschichte der Computerspielsucht, die im Alter von sieben Jahren beginnt. Mit dem Tausch der Pacht unserer Almhütte gegen einen neuen Commodore 64. Anfang der 1980er Jahre ein durchaus faires Geschäft. Der Onkel hatte ihn aus Deutschland mitgebracht. Ein grauer Rechner-Koloss mit brauner Tastatur, Diskettenlaufwerk und Bildschirm. Anfangs steht er im Zimmer des Vaters, aber schnell wandert er in das des großen Bruders. Dieser ist es auch, der den ersten Joystick kauft. Ein zweiter folgt. Disketten mit Spielen wechseln am Schulklo den Besitzer. Und plötzlich ist das Kinderzimmer eine kleine Spielhölle. Sonnige Nachmittage sehen wir nur noch von drinnen. Das Abendessen schlingen wir im Rekordtempo hinunter. Fernsehen wird uninteressant. Stattdessen versuchen wir, Frösche von Baumstamm zu Baustamm über gefährliche Gewässer zu schleusen, das Ziel unseres allerersten Lieblingsspiels Frogger. Oder wir fahren gegeneinander Autorennen wie in Outrun. Und gruseln uns bei Ghosts ’n Goblins, wenn wir den Held der Geschichte bei schauriger Musik über Friedhöfe und durch Zombiearmeen steuern müssen. Die TV Serie „The Walking Dead“ ist lächerlich dagegen. Aber bald wird auch dieser Thrill langweilig.

Outrun - Screenshot

Outrun – Screenshot

Da zeigt mein Bruder mir ein Spiel, mit dessen Hauptfigur ich mich mit meinen acht Jahren voll und ganz identifizieren kann: The Great Giana Sisters. Ein kleines Mädchen namens Giana ist in einem Alptraum gefangen und muss vorbei an gefährlichen Monstern, Quallen und bösen Katzenköpfen, Mauern überwinden und über Zauberpilze springen und dabei Diamanten sammeln. Im letzten Level besiegt sie den bösen Drachen, marschiert in einen überdimensionalen Edelstein und darf endlich aus dem bösen Traum erwachen. The sun has frightened off the night. Der Schlusssatz des Spiels ist der erste Satz auf Englisch, den ich mir merke. Um so weit zu kommen, schleiche ich nachts heimlich zum Computer und werde immer öfter „krank“, weil ich die Vormittage statt in der Schule lieber mit dem Joystick in der Hand in Gianas Alptraum verbringe. Giana ist meine beste Freundin. Aber ich nicht ihre.

Giana Sisters - Wikipedia

Giana Sisters – Wikipedia

Ein paar Jahre später ist der C64 Geschichte. An seiner Stelle steht ein nagelneuer Amiga 500 auf dem Schreibtisch des großen Bruders. Das Resultat eines ganzen Sommers harter Arbeit. Mit ihm tritt das nächste Spiel in unser Leben, das die Aufteilung von Nachspeisen, Küchendiensten und Haushaltspflichten unter uns Geschwistern völlig neu regelt. Nämlich streng nach erreichter Punktezahl. Arkanoid, eines der simpelsten Spiele, das die Computerwelt je gesehen hat. Der Spieler muss mit einem Ball mehrere Spielsteine aus einem Block herausschlagen. Wenn er den Ball jedoch verliert, ist alles aus. Game Over. Der Vater lässt sich sogar zum Mitspielen überreden. Er schätzt Arkanoid für seine grafische Schlichtheit und weil man davon kein Kopfweh bekommt. Nach kurzer Zeit hat er den Highscore geknackt. Seine Punktezahl haben wir bis heute nicht erreicht.

Arkanoid - Wikipedia

Arkanoid – Wikipedia

Der erste Ferialjob steht neben dem obligatorischen Kopieren von Aktenbergen ganz im Zeichen der inoffiziellen Solitär-Meisterschaft unter den Praktikanten der Firma. Das Kartenspiel ist automatisch auf allen Firmen-PCs installiert. Im ersten Monat lande ich auf Platz zwei, den zweiten Monat gewinne ich knapp. Der Preis dafür – eine Flasche roter Wodka und zwanzig Dosen Energy Drink – ist beinahe gleich viel wert wie das eher symbolische Gehalt.

Im letzten Schuljahr arbeite ich Tag und Nacht an meiner Fachbereichsarbeit in Deutsch. Seltsame Ängste holen mich nachts ein. Das Ende eines Lebensabschnitts nähert sich. Der Umzug nach Wien steht bevor. Die Studienwahl überfordert mich. Der große Bruder zeigt mir ein heilsames Ventil, um Spannungen jeglicher Art abzubauen: Doom. Mein erster Ego-Shooter. Ein Spiel, in dem man auf alles schießt, was sich bewegt. Mutierte Monster und Soldaten, die Parolen auf Deutsch schreien. Und so zünde ich zwischen dem Studium der deutschen Expressionisten und der Interpretation von Christine-Lavant-Gedichten ein paar Granaten und rette die Welt vor dem Bösen.

id Software - Wikipedia

Doom – Wikipedia

Während der ersten Studienjahre fahre ich selten nach Hause. Und wenn doch, schlage ich mir gemeinsam mit dem Vater und der kleinen Schwester die Nächte um die Ohren. Natürlich mit einem neuen Spiel: Zork Nemesis. Ein Fantasy-Abenteuer, das eine packende Geschichte erzählt. Zork, ein blutdürstiger Unhold, durchstreift die Lande mit dem Wunsch, alles Lebende zu vernichten. Vier Alchimisten hat er schon auf dem Gewissen. Ihre Rettung bringt jedoch Schritt für Schritt eine unangenehme Wahrheit zutage. Wie im Leben sind die vermeintlich Bösen doch die Guten, und die Guten sind gerissen. Das erste Spiel mit einnehmenden Videosequenzen und echten Schauspielern. Ein Suchtmittel, das bis heute wirkt. Allein dafür würde ich mir jederzeit wieder einen PC zulegen.

Zork Nemesis - Screenshot

Zork Nemesis – Screenshot

Spätestens seit damals ist klar: Die Familie hat ein echtes Spielproblem. Die Mutter packt während ihrer Vorbereitungen für wissenschaftliche Vorträge das Diamantenfieber bei Bejeweled. Der Vater sitzt nächtelang im Arbeitszimmer und kämpft am Computer gegen den virtuellen Kasparow im Schachspiel. Wir spielen miteinander, um zu reden. Wir spielen gegeneinander, um uns zu reiben. Wir spielen, um uns abzulenken, ruhigzustellen, und um die überschäumende Energie, die seit Generationen diese Familie prägt, abzubauen. Als mein Vater Anfang dieses Jahres stirbt und wir sein Arbeitszimmer ausräumen, fällt uns das Kasparow-Spiel in die Hände. Wir spielen noch einmal, um uns an ihn zu erinnern. Nach wenigen Zügen sind wir schachmatt.

Inzwischen ist meine Lieblingsbeschäftigung während U-Bahn-Fahrten, Wartezeiten beim Arzt und langen Telefonaten nicht mehr das Sammeln und die Anordnung von bunten Bonbons. Candy Crush hat ausgedient. Vor kurzem hat ein neues Spiel mein Herz erobert: Pet Rescue Saga. Man muss bunte Steine sortieren, um am Ende entzückende kleine Katzen, Fische und Igel in Sicherheit zu bringen. Während andere im Zuge wichtiger Telefonate ihre Nägel maniküren, rauchen oder Quadrate auf Zettel kritzeln, habe ich ein paar Tiere gerettet. Ein gutes Gefühl.