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Christopher Clark im Gespräch: „Geschichte ist wie das Orakel von Delphi“

von Peer Teuwsen / 30.09.2016

Mit „Die Schlafwandler“ schlug Christopher Clark eine neue, auch heftig umstrittene Lesart des Ersten Weltkriegs vor. Sein Anliegen war es, Geschichte buchstäblich zum Sprechen zu bringen.

NZZ: Herr Clark, Sie stehen jetzt wohl im Zenit Ihres Schaffens, Ihnen wird eine fast aberwitzige Anerkennung zuteil. Ihr Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ hat sich allein im deutschsprachigen Raum über 300 000 Mal verkauft. Vergangenes Jahr hat Sie die Queen zum Ritter geschlagen. Ich aber möchte Sie fragen: Warum sind Sie eigentlich Historiker geworden?

Christopher Clark: Ich sehe, wir fangen mit den schwierigsten Fragen an. Die grossen Entscheidungen, die unser Leben bestimmen, gehören oft zu den unergründlichsten. Ich war neun Jahre alt, als ich in der Schule in Sydney „Looking at History“ zu lesen bekam, ein Buch mit sehr schönen Zeichnungen. Es ging um das Mittelalter, das britische. Das packte mich.

Australien hat ja kein Mittelalter.

Stimmt. Nicht einmal die Aborigines würden behaupten, Australien habe ein Mittelalter gehabt. Vielleicht faszinierte mich deshalb dieses Buch so. Ich wuchs in einem Vorort von Sydney auf. An den Wochenenden hört man nur die Geräusche der Rasensprenger und der Grillen. Man hatte das Gefühl, hier sei nie etwas passiert und es werde auch nie etwas passieren. Das ist ein erdrückendes Gefühl, die erstickende Solidität der Gegenwart. Die Bilder des Mittelalters weckten in mir den Gedanken: Aber es muss doch einmal etwas passiert sein! Die Vergangenheit als virtuelle Gegenwart. Es wuchs eine grosse Sehnsucht in mir nach Vergangenheit.

Deswegen wird man noch nicht Historiker.

Ich las bald mittelalterliche Chroniken, auch viele isländische Sagen. Kurz, ich blieb dem Mittelalter treu. Ich wusste: Das will ich ein Leben lang machen. Ich konnte natürlich niemals ahnen, dass mir jemand dafür eines Tages Geld bezahlen würde. Es gibt ja viele begabte Historiker, die keine Jobs bekommen.

Wussten Sie früh, dass Sie aus Australien wegmussten?

Meine Generation hatte immer das Gefühl, nach Europa zu müssen. Das war unser Mittelpunkt, wenn auch ein sehr ferner. Ich besass früh eine zehnbändige Enzyklopädie für Kinder, auf die war ich sehr stolz. Da gab es Farbbilder, die trugen den Titel „Vögel und Tiere dieser Insel“. Ich aber fragte mich: Wo sind denn die Vögel, die ich kenne? Die Rosellas etwa oder die Galahs? Gut, ich war vielleicht ein bisschen dumm als Kind, das war natürlich eine britische Enzyklopädie, und das waren englische Vögel. Diese Vögel wollte ich kennenlernen. Und natürlich noch viel mehr.

Das Schöne am Narrativ ist ja, dass man die Akteure der Geschichte atmen lassen kann.

1983 kamen Sie nach Deutschland.

Ja, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Ich hatte eine deutsche Freundin, die ich später auch geheiratet habe. Auch so kam ich auf meine Themen.

Ihre Freundin hat Sie zum Preussen-Experten werden lassen?

Nein, sie ist keine Preussin. Ihre Familie stammt aus Bremen, sie ist gegenüber Preussen sehr skeptisch eingestellt. Das Thema fiel mir aus anderen Gründen zu.

Sie bearbeiten ja Themen, an denen sich schon viele versucht haben. Gerade der Erste Weltkrieg wurde mannigfaltig bearbeitet. Welcher Teufel hat Sie geritten, hier nochmals alles aufzurollen?

Diese Pyramiden von Quellen und Arbeiten zu diesem Thema sind einschüchternd. Aber sie bieten auch Möglichkeiten. Mich interessiert, das Gespräch zwischen verschüttgegangenen Argumentationen und Gedankengängen wiederaufzunehmen. Da kann man spielerisch Erstaunliches erreichen.

Mir scheint, es lockt Sie, ein neues Narrativ zu etablieren. Das haben Sie in Ihrer Geschichte Preussens getan, wo Sie die These vom Sonderweg Deutschlands infrage gestellt haben. Oder auch bei den „Schlafwandlern“, wo Sie die Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg relativiert haben. Ist da eine Lust in Ihnen?

Ja, ich habe ein Vergnügen am Narrativ. Früher ging man von einer falschen Dichotomie aus. Entweder man analysiert, oder man erzählt. Es gibt Ereignisse, und es gibt Strukturen. Man darf nicht beides miteinander verbinden.

Die Deutschen analysieren, die Angelsachsen erzählen.

Genau. Das ist eine falsche Polarisierung der Methoden. Man kann auch analytisch erzählen. Das Schöne am Narrativ ist ja, dass man die Akteure der Geschichte atmen lassen kann. Wir haben es nicht mit Steinen zu tun. Und gerade im Vorfeld des Ersten Weltkrieges wollen sich alle erklären und rechtfertigen. Das muss der Leser erleben können!

Wie haben Sie bei den Themen Preussen und Erster Weltkrieg entdeckt, dass Sie hier etwas Neues erzählen können?

Das ist eine interessante Frage. Auf die Geschichte Preussens war ich durch meine Habilitation über das Verhältnis von Juden und Protestanten gekommen, die sich schon mit dieser Epoche beschäftigte. Und den anderen Anstoss gaben die Romane von Theodor Fontane, vor allem „Vor dem Sturm“. Da geht’s um die Zeit vor den Befreiungskriegen. Dieser Roman hat mich fasziniert, weil er sich so langsam bewegt. Lange Gespräche, ein tiefes Nachdenken über die Vergangenheit. Die Menschen gehen immer wieder auf Friedhöfe und schauen sich die Grabinschriften an. Da wurde mir plötzlich klar, dass der Staat Preussen nicht nur eine Armee, sondern auch eine Seele hatte. Und natürlich war im Thema Preussen sehr viel moralische Energie. Es gab dumme, verherrlichende Bücher oder extrem kritische Bücher, die mit einer Leidenschaft geschrieben waren, die mit dem Thema nichts zu tun haben konnte.

Sie wollen dorthin schreiben, wo es weh tut. Aber bei den „Schlafwandlern“ wussten Sie nicht von vorneherein, was für ein Erregungspotenzial dem Thema immer noch innewohnt.

Vor meinem Buch war man sich in Deutschland einig, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch die moralische Katastrophe des Zweiten Weltkriegs vollkommen verschüttet worden war. Das hört sich überzeugend an. Es stellte sich nun aber heraus, dass es zwar keine öffentliche Erinnerung mehr an den Ersten Weltkrieg gab. Aber eine privat archivierte Erinnerung, die existiert offenbar doch noch. Es tauchten Memorabilien auf: Medaillen, Feldpostbriefe, Fotos. Kurz, das Echo hat mich und auch den Verlag völlig überwältigt. Ich reise heute noch permanent um die Welt, um dieses Buch abzuarbeiten.

„Diese Historiker-Kollegen haben meine deutschen Leser ausgepeitscht.“

Der Erfolg Ihrer „Schlafwandler“ hat nicht nur Sie überrascht, sondern auch Ihre deutschen Kollegen. Der inzwischen verstorbene Hans-Ulrich Wehler deutete den Erfolg als „ein tiefsitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis“ der Deutschen, „sich von den Schuldvorwürfen zu befreien“. Hat Sie das erstaunt?

Ein bisschen. Ich verehre Wehler als Historiker. Wir sollten ein, wie er sagte, öffentliches „freundliches Streitgespräch“ führen. Er hatte immer einen besonderen Begriff von Freundlichkeit. Leider ist er vorher gestorben. Das bedaure ich noch heute. Aber Heinrich August Winkler und John Röhl, mein britisch-deutscher Kollege, haben ähnlich reagiert. Röhl meinte, es bahne sich ein neuer deutscher Sonderweg an. Durch ein kleines Buch kann ganz Deutschland verführt werden? Das hat mich erstaunt. Diese Kollegen haben die deutschen Leser ausgepeitscht. Sie meinten, diese nähmen mein Buch mit unlauteren Absichten aus dem Regal, als einen Seelentrost. Sie konnten mir als Australier natürlich nicht unterstellen, ich sei deutschnational oder arbeite undercover für die AfD.

Hat Sie das auch getroffen?

Manchmal, man hat seine Eitelkeit. Röhl hat – ich kann das immer noch auswendig – geschrieben: „Clark hat wissentlich Schlüsselbelege deutscher Kriegsschuld unterschlagen. Wer so handelt, verstösst gegen die Grundprinzipien unserer Disziplin.“ Das ist natürlich Unsinn, aber es ist trotzdem hart, so etwas über sich selbst lesen zu müssen.

Eine kontrafaktische Frage: Was hätte man unternehmen müssen, damit es nicht zu einem Ersten Weltkrieg gekommen wäre?

Auch das ist eine interessante Frage. Manchmal denke ich: Wie viele Zehnjährige hätte man umbringen müssen, um den Nationalsozialismus zu verhindern? Beim Ersten Weltkrieg ist die Schuld viel schwieriger festzumachen, sie ist sehr verteilt. Das Potenzial des Krieges war dem System immanent.

Man hätte also gar nichts machen können?

Das ist auch ein schlimmer Gedanke. Es hätte anders sein können, zum Beispiel wenn es kein Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand gegeben hätte und er ungetötet nach Wien zurückgekehrt wäre.

„Ungetötet“, ein schönes Wort.

Ja, dann wäre es anders gekommen. Die Zukunft war nicht vorbestimmt. Alles war in Bewegung. Die Briten etwa waren schon daran, mit den Deutschen eine neue Verständigung zu erzielen.

„Die heutige Lage wird verwirrender,unvorhersehbarer, auch gefährlicher.“

Kommen wir langsam in die Gegenwart. Sie schreiben, die Akteure von 1914 seien auch „unsere Zeitgenossen“. Wie meinen Sie das?

Ich habe das Gefühl, dass uns seit 1989 die Krise von 1914 näher gerückt ist. Sie spricht drängender zu uns.

Sie sagen, das komplizierte Geflecht zwischen den Staaten von damals sei mit unserer heutigen global vernetzten Welt vergleichbar.

Es gab im Kalten Krieg eine gewisse Stabilität, jedenfalls im Westen, auch wenn es ein Gleichgewicht des Schreckens war. Wir haben unter dem Schutz einer bipolaren Welt gelebt. Heute sind wir in einer Situation, die 1914 viel mehr ähnelt. Eine Situation polyzentrischer Herrschaft. Die Lage wird verwirrender, unvorhersehbarer, auch gefährlicher.

Heute herrscht wie damals die Auffassung vor, dass aufgrund der Vernetzung der Staaten ein Krieg letztlich unmöglich sei. Wir könnten nicht ohneeinander. Und trotzdem ist es passiert.

Das ist das Erschreckende. Der britische Schriftsteller Norman Angell hat 1910 den Weltbestseller „The Great Illusion“ geschrieben. Darin behauptete er, die Welt sei mittlerweile so vernetzt, dass ein Weltkrieg nicht möglich sei. Diese Sicherheit, in der wir uns auch heute wiegen, ist also kein Garant für den Fortbestand des Friedens.

Sie haben kurz nach dem Brexit dem deutschen Fernsehen ein Interview gegeben. Darin sagten Sie unter anderem: „Leider sind die Menschen so dumm, dass sie von der Geschichte eher nicht lernen.“

Oh. Ich möchte zu meiner Entschuldigung sagen, dass ich damals sehr wütend und entsetzt war angesichts des Leichtsinns der politischen englischen Führung, die die Zukunft des Landes aufs Spiel gesetzt hat.

Wir lernen also nicht aus der Geschichte?

Die Geschichte ist keine Lehrmeisterin, leider. Sie gibt uns keine pauschalen Handlungsanweisungen. Sie ist eher wie das Orakel von Delphi. Die Geschichte bietet uns bloss geheimnisvolle, rätselhafte Erzählungen. Aber weise kann man schon werden durch das Studium der Geschichte. Allein durch den Versuch, zu verstehen und zu erklären, vertieft man das Bewusstsein für heutige Probleme. Überdies ist man dann denjenigen, die heute so leichtfertig und propagandistisch mit geschichtlichen Begriffen herumhantieren, nicht schutzlos ausgeliefert.