Morgengrauen

Conditio humana meiner Nasenhaare

Gastkommentar / von Peter Strasser / 02.09.2016

In meiner Ethikvorlesung kam letztens die mich irritierende Frage zur Sprache, was der Begriff „Conditio humana“ eigentlich bedeute. Eigentlich? Hm. Um Zeit zu gewinnen, ermunterte ich die Fragestellerin – eine Exzellenzstudentin, voller Eifer für alles Menschliche –, die Antwort dem vor ihr aufgeklappten Notebook zu entnehmen. Das Internet reagierte in Sekundenbruchteilen: „Als conditio humana bezeichnet man allgemein die Bedingung des Menschseins und die der Natur des Menschen.“

Aha. Das wussten die Lateinerinnen unter uns bereits. Und gab es denn hier eigentlich – ich betonte das Wort „eigentlich“ – etwas zu wissen? Der Mensch ist das Wesen, dozierte ich in den Hörsaal hinein, dessen Natur darin besteht, sich über seine Natur zu erheben …

Noch heute Morgen ärgere ich mich, vor dem Badezimmerspiegel hantierend, über das Kopfschütteln der Studentinnen, die definitiv wussten, dass sich der Mensch nicht über seine Natur erhebt. Ich ärgere mich anlässlich meines Versuchs, mir die aus der Nase sprießenden Haare mittels der Nagelschere meiner Frau zu entfernen (ein heikles Unterfangen ohne rechte Aussicht auf Erfolg). Denn wider meine innerste philosophische Überzeugung schüttle auch ich jetzt, angesichts widerspenstiger Nasenhaare, meinen Kopf über die Vorstellung, der Mensch sei mehr als seine Natur, freilich schüttle ich ihn nur virtuell – ihn tatsächlich zu schütteln, würde bedeuten, mir blutige Schnipsel aus meiner Nase zu rupfen.

Scheußlich, meine momentane menschliche Kondition!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).