Morgengrauen

Danke, lieber Gott!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 08.07.2016

Ich bin kein Beter. Also bin ich auch kein Morgenbeter. Als Kind wurde ich ohne Nachdruck angehalten, morgens zu beten. „Lieber Gott, mach …“ Immer lief es darauf hinaus, dass der liebe Gott, der mir nachts einen Schutzengel gesandt hatte, um über meinen Schlaf zu wachen (ein einschlägiges Bildchen hing über meinem Bett), etwas machen sollte. „Lieber Gott, mach, dass ich dem Karli nicht wieder eine reinhaue.“ Ich habe dem Karli tatsächlich einmal eine reingehauen, weil er, immerhin mein Sitznachbar in der Elementarschule, mich verpetzt hatte.

Ich komme aus keiner besonders religiösen Familie. Sei’s drum, als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich das dringende Bedürfnis, Gott zu danken. Keine Ahnung, warum gerade heute (ich habe ja allen Grund, immerfort dankbar zu sein). Ach, ich wusste nicht, wie man Gott dankt. Danke, lieber Gott? Das wäre kindisch. Heute werden meine reizenden Enkeltöchter E. und H. kommen; auch meine Tochter wird vorbeischauen. „Danke, lieber Gott!“

Jetzt war’s mir trotzdem herausgerutscht, und da mich aber keiner dafür zur Rede stellen wird, was ich soeben vor mich hingemurmelt habe, brauche ich mich auch nicht zu genieren, dass ich auf eine ganz und gar kindische Weise dankbar bin: für alles dankbar. Ich weiß nicht, ob Gott existiert, doch ich bin für alles dankbar, auch dafür, dass ich damals – in jener fernen, fernen Zeit – dem Karli eine reinhauen durfte. Das gibt meinem Morgen eine heitere Note. (Entschuldige, Karli!)

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).