Morgengrauen

Daraus wird nix

Gastkommentar / von Peter Strasser / 30.07.2016

Ein ritualisierter Stoßseufzer meiner älteren Verwandtschaft nach einem Blick in die Zeitung über die laufenden Ereignisse, welche immer es auch sein mochten, lautete: „Was das noch werden wird?“ Und dabei wurde es von Tag zu Tag besser. Aber viele Jahre lang war es eben schlechter geworden. Und jetzt kommt die Frage wieder, Tag für Tag, nach einem Blick in die Zeitung oder aus dem Fenster, wo gerade wieder einmal was los ist oder akkurat gerade nichts: „Was das noch werden wird?“

Und da gab es einen – einen lebenslustigen Onkel, und hat nicht jeder so einen Onkel? (man muss nur genau hinhören!) –, der auf diese rhetorische Frage zu antworten pflegte: „Daraus wird nix.“ Es existiert eine ehrwürdige metaphysische Weisheit, die felsenfest feststeht, obwohl sie angeblich durch die Quantenphysik bereits widerlegt ist; sie lautet: Ex nihilo nihil fit, „Aus nichts wird nichts“. Mir war das recht, so oder so, schon aus professionellen Gründen. Ein Philosoph sollte wissen, was er seinen Studenten erzählt.

Aber ich könnte nicht sagen, dass mir durch jene Weisheit jemals so etwas erwachsen wäre wie ein Weltvertrauen. Dagegen die Weltweisheit meines Onkels. Dass aus dem, was immer noch werden wird, „nix“ wird – das empfand ich stets als erleichternd. Mir wurde eine kleine Lebenslast von den Schultern genommen, die morgens besonders schwer wiegt. Heute wieder ein Tag, um etwas Anständiges zu tun, ohne bangen zu müssen, ob daraus nichts wird; denn: „Daraus wird nix.“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).