Peter Strasser

Morgengrauen

Das Abrinnen der Zeichen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.04.2016

Es gibt immer was zu schreiben. Ich schreibe immer was. Und heute Nacht hatte ich dann einen Tagesschreibrestalbtraum. Ich befand mich in einem Raum ohne Türen und Fenster, worin ich sofort einen Erstickungsanfall bekommen hätte, wären nicht rundum an den weißen Wänden rosarote Schriftzeichen erschienen. Ich dachte unlogisches Zeugs: „Die Schrift ist mein Sauerstoff.“

Dann aber wurde ich panisch. Waren Schriftzeichen an der Wand nicht ein schlechtes Omen? Ein Menetekel? Die Wände schienen plötzlich gegen mich vorzurücken, die Schriftzeichen wurden glühend rot. Obwohl kurzsichtig, konnte ich die immer größer werdenden Zeichen nicht lesen. Schließlich standen sie riesig vor mir, flammende Hieroglyphen. Und schon ging mir die Luft aus, ich begann zu ersticken. Dann aber, neue Traumvolte, liefen die flammenden Zeichen von der Wand ab, ähnlich wie Regenwasser von einer Glasscheibe. Und plötzlich war eine große Erleichterung in mir. Mit den sinnlosen Zeichen, die mir die Luft nahmen, waren auch die Wände verschwunden. Ich stand im Freien, frei atmend: keine Schrift mehr!

Als ich aufwache, sehe ich die Umrisse der Richard David Precht’schen Geschichte der Philosophie, Teil 1 (Antike und Mittelalter), 576 Seiten, auf meinem Nachttischchen liegen: Erkenne die Welt. Das sind bis zum Mittelalter mindestens hundertfünfzigtausend Wörter – mindestens! –, will man die Welt erkennen. Alles ist voller Zeichen, man muss sie abrinnen lassen, um nicht Tag für Tag an ihnen zu ersticken.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).