Morgengrauen

Das Anmenschelnde

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.11.2015

Unruhige Nacht. Ich hatte wieder diesen Traum, das Wasser steigt rundum, jetzt heißt’s strampeln, sonst ist es aus! Da fuhr ich aus dem Schlaf auf, nach Luft schnappend, und meine neben mir schlafende Frau fuhr gleich mit in die Höhe.

Sorry.

Am Morgen dann ein Piepsen vom Computer her, You’ve got mail. Ich hoffe auf etwas, was mich – ich bin nicht wählerisch nach einem Blick in den Abgrund – anmenschelt. Da lese ich, dass ein um „die eigenen Leute im eigenen Land aufs Tiefste Besorgter“ (schon wieder die Tiefe!) mich hasst, weil ich Seinesgleichen erst kürzlich als wortverbrecherische Psychopathen bezeichnete, und zwar aus Anlass des Satzes: „Dreckspack, soll im Meer ersaufen!“

Ich lösche die Mail, zack! Da ist mir schon leichter, auch wenn ich weiß, dass mein Traum vom Ertrinken für viele da draußen, irgendwo im Meer vor Europas Küsten, tödliche Realität ist, auch an diesem Morgen. Was soll ich machen, ich bin ein hilfloser Mensch, der keinen Einzigen retten kann.

Ich spüre, wie das Morgengrauen in mir aufsteigt, ich möchte mich umdrehen und weggehen – aber wohin?

Nirgendwohin. Ich werde meiner Arbeit nachgehen und wieder zurückkommen und mich bemühen, meinen Nächsten ein angenehmer Mensch zu sein. Menscheln und angemenschelt werden, darauf läuft es hinaus, tagtäglich, das muss reichen und ist doch nie genug.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.