Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH (8)

Reproduktionsmedizin

Das Baby der Zukunft

von Yvonne Widler / 20.03.2016

Zuerst das Verlangen, dann das Bedürfnis, schließlich das Recht. Doch was bedeutet es, wenn wir sagen, wir haben ein Recht auf Elternschaft? Bedeutet das, um jeden Preis? Maria Arlamovsky spricht in ihrem Dokumentarfilm „ Future Babyab 15. April im Kino “ weltweit mit Betroffenen und Forschern, mit Eizellspenderinnen und Leihmüttern, mit Ärzten und Bioethikern.

Noch vor nicht allzu langer Zeit überließ man es eher dem Zufall, ob das eigene Baby gesund auf die Welt kommt. Doch heute heißt es unter Reproduktionsmedizinern und einschlägigen Wissenschaftlern: „Why gamble?“. Wir hätten nun das Werkzeug, Fehler zu korrigieren, viele Paare würden davon Gebrauch machen und ihre Babies „optimieren“. Der Drang der Menschheit, in neues Terrain vorzudringen und zu forschen sei enorm groß und außerdem vorteilhaft für unsere Gesellschaft.

Vor einigen Jahren hätte man noch Science-Fiction zu dem gesagt, was wir heute als Fertilitäts-Tourismus bereits in vielen Ländern dieser Welt beobachten können. Was ursprünglich damit begann, den Kinderwunsch unfruchtbarer Paare zu erfüllen, aber auch Embryonen aufgrund bestimmter genetischer Dispositionen zu selektieren, hat sich zu einem – lukrativen – Wirtschaftssektor entwickelt. Als solcher bedient dieser nicht nur das Bedürfnis nach Risikoprävention, sondern verleiht dem Kind einen Warencharakter: „Einen Jungen, mit blonden Haaren und blauen Augen, bitte“ – das ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern wird bereits praktiziert. In diesem Film zeigt sich die Ambivalenz der revolutionären Technologien und Verfahren, deren Konsequenzen wie auch ethische und juristische Grenzen derzeit nicht eindeutig sind und heftig debattiert werden. Biologische Uhren werden zurückgedreht, menschliche „Brutkästen“ eingekauft, Körper gezielt „verbessert“, unerwünschte Merkmale aussortiert.

Zitate aus dem Film

„Es gibt schon allerlei Kliniken in verschiedenen Ländern, die Eier von jungen Frauen zur Versicherung einfrieren. Ich würde nicht nur das tun, ich würde mich dann auch sterilisieren lassen und nie mehr wieder Verhütung gebrauchen und nicht tausende Euro für Verhütung ausgeben, mit denen ich sehr leicht die In-vitro-Fertilisation bezahlen kann.“ – Carl Djerassi (verstorben 2015), Entwickler der Pille, Autor

„Jetzt ist unsere Küche bezahlt, also da können wir dementsprechend Kredit aufnehmen, in der gleichen Höhe von unserer Küche und ja, ein Kind anschaffen.“ – Carole Anne und Norbert Utz

„Als ich jünger war, wollte ich unbedingt wissen, wer mein Vater ist, oder mein Samenspender – je nachdem, wie man das sieht. Als mir die Unmöglichkeit klar wurde, war das das Schwierigste. Nicht die Tatsache, dass meine Familie anders ist, sondern dass ich meinen Vater nicht kenne, dass ich die Hälfte meiner Wurzeln nicht kenne, die Hälfte meines genetischen Erbes.“ – Noa und Ruth Shidlo, Shorashim, Israeli Donor Families, Israel

„Es gibt Soldaten, deren Sperma entnommen wurde, sogar nach ihrem Tod, und eingefroren wurde, weil die Familie das so wollte. Einige dieser Männer waren nicht verheiratet. Also ist die Frage, was man mit dem Sperma macht. Welche Eizelle man verwendet, wer dann damit schwanger wird, wie die Zukunft des Babys aussieht, das mit dem Sperma eines toten Vaters gezeugt wurde. Dasselbe kann auch mit einer Frau passieren, die ihre Eizelle eingefroren hat, und leider nicht mehr lebt. Dann erschafft man ein Baby, dessen Mutter nicht mehr lebt.“ – Prof. Jaron Rabinovici, Reproduktionsspezialist, Sheba Medical Center, Israel

„Ich mache jetzt bei dem jungen Embryo eine Biopsie. Ein wunderschöner Embryo, acht Zellen, wunderbar. Sie wurden heute früh aufgetaut, das waren gefrorene Embryos. Und jetzt ziehe ich eine Zelle heraus. Der Embryo bleibt im Labor und wächst weiter. Und die Zelle wird in die Genetik geschickt, um festzustellen, ob der Embryo gesund ist oder nicht.“ – Embryologin aus Israel

„Ich glaube, dass wir in fortgeschrittenen Gesellschaften nicht tolerieren werden, dass Kinder krank geboren werden. Genau wie wir nicht tolerieren, dass jemand an Krebs stirbt. Oder dass jemand auf der Autobahn stirbt, weil er zu schnell gefahren ist.“ – Marisa Lopez-Teijon, CEO Institut Marques, Spanien

„Wir beginnen, die menschliche Fortpflanzung mehr und mehr auszulagern. Die Produktion von künstlichen Keimzellen, einer künstlichen Gebärmütter eines Tages, und natürlich der Befruchtungsprozess. Das ist eine langsame, aber entscheidende Veränderung der menschlichen Evolution. Wir haben in die Evolution eingegriffen, seit wir Technologie entwickeln. Aber das ist etwas, das wirklich den Kern der Schöpfung berührt.“ – Andrew Hessel, Biotechnologe, USA

Viele offene Fragen

Inzwischen sollen seit 1978, so schätzt man, fünf Millionen Kinder geboren worden sein, die ohne Sex, aber dank Wissenschaft, Pharmazeutika und ärztlichem Können das Licht der Welt erblickt haben. Die tatsächliche Baby-take-Home-Rate bei künstlichen Befruchtungen liegt in Österreich bei 15 bis 25 Prozent. Heute gibt es Statistiken, die besagen, dass man vor dem sechsten IVF-Versuch nicht aufgeben sollte. Daraus entstehe auch ein Geschäft. Ähnlich wie bei der Schönheitsmedizin vermarkte die Reproduktionsmedizin einen Wunsch, der etwas erfüllen soll, was man nicht hat, auch nicht unbedingt braucht, sich aber sehnlichst erhofft.

Die im Film gezeigten Szenen werfen viele Fragen auf: Darf ein Individuum existieren, das die propagierten Schönheits- und Gesundheitsideale nicht erfüllt? Was bedeutet es für unsere zukünftige Gesellschaft, wenn sich biologische Grenzen auflösen und Technik in den Ursprung des Lebens eingreift? Wie weit sind wir dann für jedes Risiko unserer Kinder verantwortlich, das wir nicht ausschließen?

Denn es sei doch so: Das einzige, was wir zu hundert Prozent über das Kind wissen, das wir zur Welt bringen, ist, dass es eines Tages sterben wird. Das einzige also, was wir auf gar keinen Fall möchten, wird mit Sicherheit passieren. Wenn wir immer mehr Kontrolle über die Risiken unserer Kinder generieren und auswählen, welche Risiken akzeptabel sind und welche nicht, dürften wir nicht vergessen, dass es immer Risiken gibt.