Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Das Bedürfnis, dankbar zu sein

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.07.2016

Grundlos mit runden Augen aufgewacht. Ich kann das nicht anders sagen. Ich bin aufgewacht in die milde Stille und ruhige Dunkelheit des Schlafzimmers hinein. Neben mir atmet meine Frau. Ich stehe auf – und nein, mir ist nicht zumute, als ob ich die Dinge rund um mich zum ersten Mal sähe. Keiner dieser sagenhaften Momente, moments of being. Nichts Mystisches.

Es ist das liebe Altgewohnte, das sich vor mir breitet. Das Wort „traulich“ passt hier. Im frühmilden Morgenlicht, das den Wohnraum und die Frühstücksecke erfüllt, scheinen die Dinge einander traulich zugetan. Es ist, als ob mir an diesem Morgen bedeutet werden sollte: Du bist zu Hause. In allem schlummern unheimliche, schreckliche Möglichkeiten; doch man kann bei den Dingen auch zu Hause sein.

Ich blicke aus dem Fenster. Tief unten, fünf Stockwerke tiefer, auf der vorbeiführenden Ausfahrtsstraße, müht sich gerade eine alte Frau, die gegenüberliegende Kirchentüre zu erreichen. Ich sehe die abbröckelnde Fassade der alten Klosterkirche (das Innere des Klostertrakts liegt wie immer verlassen da), und auch davon scheint ein Friede auszugehen. Die alte Frau hat es endlich geschafft, humpelt die Kirchenstufen hinauf, um die schwere Holzpforte zu öffnen.

Ich habe das Bedürfnis, dankbar zu sein. Wem dankbar? Niemandem, allem, finis philosophiae (und es dauert ja nie lange), also werde ich das Gewohnte tun: Gleich wird sich der Duft des durchrinnenden Filterkaffees in der Wohnung ausbreiten und meine Frau aus dem Bett locken.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).