Glatt gefällig und glänzend, ja. Aber auch herzerwärmend? Balloon-Flower von Jeff Koons, (Foto: Pyrix, CC BY 2.0)

Dr. Strangelove

Das Diktat der Schönheit und der Tod des Eros

von Milosz Matuschek / 09.11.2015

Was wäre, wenn am Niedergang der Liebe gar nicht Ökonomisierung und Digitalisierung schuld wären, sondern ein ästhetischer Imperativ?

Sie werden doch wohl nicht behaupten, dass in der Erotik irgendein ,Wert‘ verkörpert sei?“

Aber sicher!“

Welcher denn?“

Schönheit“ 

Ein Spaziergang im Jahr 1908 in Heidelberg, ein kurzer Disput zwischen einem Mann und seiner Geliebten. Der Mann, es war der bekannte Soziologe Max Weber, soll auf diese Antwort von Else Jaffé hin geschwiegen haben. Schönheit also. Doch der Wert in der Erotik ist das eine, die Frage woran sich der Eros letztlich entzündet das andere und eigentlich spannende. Lautet auch hier die Antwort lapidar „Schönheit?“ Und wenn ja, was ist damit gemeint?

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Ist die Krise der Liebe eine Krise der Ästhetik?

Um die Liebe scheint es heutzutage nicht zum Besten zu stehen. Alle Welt sucht nach ihr, sie ist das ultimative Sehnsuchtsobjekt. Sich ihr ganz hinzugeben, dafür scheint das Risiko aber dann doch zu groß zu sein. Soziologische Erklärungen, wie über das „Ende der Liebe“ im Optionenwirrwarr von Sven Hillenkamp oder Eva Illouz’ „Warum Liebe weh tut“ zeugen von der Verflüchtigungstendenz der Liebe, je mehr sie als Konsumprodukt in Reichweite der Konsumenten gestellt wird.

Wer es drastischer mag, kann mit Byung-Chul Han der Liebe in den letzten Zuckungen eines Endkampfs zusehen. In „Agonie des Eros“ (Matthes & Seitz, 2013) beschreibt der Kulturphilosoph eindringlich, dass die Liebe heute ihrer Transzendenz beraubt ist, und letztlich in der domestizierten Form, als Hauskatze quasi, ihr Dasein fristet: „Die gänzliche Abwesenheit der Negativität lässt die Liebe heute zu einem Gegenstand des Konsums und des hedonistischen Kalküls verkümmern (…). Gesucht wird die behagliche, letzten Endes behäbige Immanenz des Gleichen.“ In der Sprache von Facebook verfügt die Liebe von heute also nur noch über einen Like-Knopf.

Ist die Normschönheit der Totengräber der Liebe?

Hans neuestes und ebenfalls empfehlenswertes Büchlein, „Die Errettung des Schönen“ (S. Fischer, 2015), widmet sich der Profanierung der Schönheit, ihrem himmelhohen Kultstatus einerseits und der Entweihung als Konsumprodukt andererseits. Es lohnt sich, beide Werke Hans zusammen zu lesen. Wäre man boshaft, würde man sagen, es sei ohnehin ein und dasselbe Buch, es genüge nämlich, jeweils die Liebe durch das Wort Schönheit zu ersetzen oder umgekehrt. In beide Büchern gehen Liebe und Schönheit zu Grunde durch die Beliebigkeit des Like, die Entweihung durch Konsum, durch explizite Zurschaustellung in pornographischer Form, und verlieren an Transzendenz durch ihre Einzwängung in Gefälligkeitskategorien.

Fragt sich fast nur noch, was zuerst da war, die Entweihung der Liebe oder die der Schönheit? Und damit sind wir wieder bei dem Heidelberger Pärchen Weber und Jaffé und der Frage nach dem Wert in der Erotik: Was wäre, wenn mit dem „Wert“, nämlich der Schönheit, etwas nicht stimmt? Wenn Liebe quasi einem ästhetischen Archetyp folgt, wie der Esel der Karotte, und eben dieser Archetyp heutzutage durch bestimmte Merkmale „liebesfeindlich“ designt ist, dann wäre der Niedergang der Liebe wohl mindestens auch eine Folge dieser ästhetischen Verkommenheit, und nicht etwa eine Frage des ökonomischen Denkens (welches ja früher tendenziell noch stärker war), der allgemeinen Beschleunigungstendenz der Gesellschaft (die man übrigens auch im 19. Jahrhundert schon beklagte) oder der Beliebigkeit des digitalen Ersatzkontakts.

Die Merkmale der Schönheit heute sind für Han Glätte, Gefälligkeit, Nähe, und das alles im praktisch-handlichen Einheitsdesign. Der teuerste Künstler der Welt ist Jeff Koons, der Pudel in Luftballonform verkauft; passend zur Kategorie des „Likes“. Die Ästhetik unserer Zeit ist nicht auf Erschütterung aus, sie ist eine Fluffigkeitswolke. Han zitiert Jeff Koons mit den Worten, er wolle einfach nur „Den Betrachter umarmen“. Nimm die Pfoten weg, muss da jeder aufschreien, dem statt an Nähe, an der Kunst selbst gelegen ist. „Die Kunst des Glatten“, so Han, „schafft die Distanz ab“. Kunst, die lieb sein will, ist damit ähnlich unbrauchbar wie öffentliche Information, die lieb sein und nicht anecken will: letztere nannte George Orwell bekanntlich „PR“, erstere ist wohl Kitsch.

Von der Kultur des Selfies zum Beautyzid?

Amor, dieser kleine launische Gott ist der Sage nach ein Sohn von Venus und Mars, also das Produkt von Schönheit und Kampf. Damit liegt die Mythologie wieder mal näher an der biologischen Realität, als ihr vermutlich je bewusst sein konnte und es dem Romantiker von heute lieb ist. Die evolutionäre Entwicklung als darwinistischer Überlebenskampf bestimmter Merkmale führte letztlich zu einer Reproduktion eines bestimmten Gesichts-Ideals. Die Entwicklungs- und Bedeutungsgeschichte der „Gesichtlichkeit“ von der Schnauze zum Kindchenschema kann man bei Peter Sloterdijk im ersten Band der Sphären-Trilogie nachlesen. Wenn die Evolution ein ästhetisches Projekt ist, so ist es eines der Verkindlichung und Verniedlichung.

Ein Blick in die sozialen (Bild-)Netzwerke lässt daran kaum einen Zweifel. Das meistgeteile Foto der Welt ist ein Gesicht, das von Kim Kardashian. Das idealtypische Selfie von Frauen überbetont pralle Lippen („Duckface“), weit aufgerissene Augen, wie in japanischen Mangas, und macht allein schon perspektivisch die Nase kleiner (es gibt kaum Selfies in Profil-Perspektive). Schönheitschirurgie und Kosmetik bestätigen diesen Trend: seit jeher wurden Augen grösser gemacht (teils mit Beigabe von Belladonnatropfen) und Nasen kleiner und schmaler, um nicht zu sagen „niedlicher“.

Ist also der Niedergang der Liebe ästhetisch initiiert? Macht die Schönheitssehnsucht letztlich die Liebe unmöglich? Tatsächlich kann die perfekte Glätte der Normschönheit etwas Abschreckendes haben. Laut Sloterdijk hat bereits Platon im „Phaidros-Dialog“ dieses Erschrecken vor dem schönen Gesicht thematisiert. Verschreckt Schönheit also auch den Liebesgott Eros? Niemand verliebt sich wohl (nur) in Symmetrie. Liebe ist keine geometrische Angelegenheit. Das Ideal ist in der Theorie gefällig, in der Praxis bedürfen die Sinne wohl auch einer Ungleichmässigkeit der Erscheinung, um ihre Widerhaken platzieren zu können. Das Schönheitsideal stört da nur, weil es zudem ein Anspruchsdenken propagiert. Über allem schwebt Freuds Drohung, dass eine „Entwicklung zur Schönheit“ mit dem Kollaps der Libido Hand in Hand geht. Das klingt nach einem „unschönen“ Ende; der Menschheit droht ein „Beautyzid“.