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Gleichstellung

Das Dilemma kommt mit den Kindern

von Nadine Jürgensen / 22.10.2015

Die Gleichstellung der Geschlechter hat in vielen Bereichen Fortschritte gemacht. Sobald das erste Kind da ist, löst sich diese Illusion aber oft in der Realität des Alltags auf – für Männer wie für Frauen. 

„Wenn du groß bist, kannst du einmal werden, was du willst.“ Wie lange haben Mütter davon geträumt, ihren Töchtern diesen Satz sagen zu können. Heute erlebt die Generation jener gleichberechtigt geborenen Mädchen, die zusammen mit den Knaben den Handarbeits- und den Werkunterricht besucht haben, gemeinsam geturnt haben und geschwommen sind, die Herausforderungen des Berufslebens. Sie sind es von klein auf gewohnt gewesen, dass ihnen alle Möglichkeiten offen und selbstverständlich auch zustehen – genauso wie den Buben. Es ist die erste Generation, die in politischer Korrektheit erzogen worden ist.

Die Phase der unbeschränkten Möglichkeiten endet für viele junge Frauen und Männer allerdings mit der Geburt eines Kindes. Erstmals in ihrem Leben kehren augenblicklich die alten Rollenmuster zurück: Demnach sind die Frauen hauptsächlich für die Betreuung der Kinder verantwortlich, die Männer für den Broterwerb. Trotzdem wollen viele junge Mütter ihren Beruf nicht aufgeben, die jungen Väter intensiver für die Kinder da sein, als es der eigene war. Das Dilemma kommt mit den Kindern, weil die Realität mit dem Versprechen der Kindheit kollidiert, dass alles möglich ist.

Das schlechte Gewissen und die Still-Lobby

Spätestens gegen Ende des gesetzlichen Mutterschaftsurlaubs müssen die jungen Mütter, egal ob Ärztin oder Serviceangestellte, die Entscheidung treffen, ob sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Das fällt vielen nicht leicht, kommt dies doch in eine emotionale Zeit zu liegen, in der die Bindung zum Säugling noch sehr eng ist. Egal wie die Frauen entscheiden, jede Lösung wird auch die Väter betreffen, selbst wenn sie dies vielleicht zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisieren. Welches Familienmodell auch immer nun folgt, es ist von tief verankerten gesellschaftlichen Imperativen beeinflusst, die sich teilweise widersprechen.

Von den Müttern wird zwar erwartet, dass sie in den Beruf zurückkehren – allerdings als Teilzeitangestellte. Arbeitet eine Frau wieder voll und lässt ihr Kind gar nach den ersten drei Monaten fremdbetreuen, muss sie über die eine oder andere hochgezogene Augenbraue hinwegsehen, wenn es denn bei dieser niederschwelligen Ausdrucksart der Missbilligung bleibt. Die Frauen sind nämlich angehalten, mindestens sechs Monate zu stillen, denn nur dann erhalten die Babys alles, was sie brauchen, und werden auch besonders intelligent – diese Anmaßung zumindest flüstert die Still-Lobby den Müttern ein, die es geschafft hat, dass Frauen nun mit der Pumpe am Arbeitsplatz hocken. Außer sie heißen Marissa Meyer, CEO von Yahoo, oder Magdalena Martullo-Blocher. Wem derMutterschaftsurlaub zu wenig ist, bezieht in der Schweiz beispielsweise unbezahlten Urlaub, vorausgesetzt, die Familie kann sich das leisten und der Arbeitgeber macht mit. Sonst heißt es, die Großeltern oder sonstige Verwandte zu beknien, auf das Kind aufzupassen – denn das Kind schon mit drei Monaten in eine Krippe zu geben, gilt als der Beweis von absoluter Gewissenlosigkeit. Ein Kleinkind, das zu früh von der Mutter getrennt wird, wird sehr wahrscheinlich darunter leiden – davon ist die Mehrheit in Umfragen überzeugt.

In den ersten drei Jahren entscheide sich alles – ist die Mutter nicht verfügbar, werde das Kind seelischen Schaden nehmen, so das Dogma der Krippengegner auf der einen Seite, die von einer Berufstätigkeit der Mutter folglich nicht viel halten. Selbst Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo würde ein Kind nicht vor dem ersten Geburtstag in die Krippe geben. Auf der anderen Seite melden nicht zuletzt auch der Staat und die Wirtschaft Ansprüche an: Zusammen mit den Eltern hat er eine Menge Geld in die Ausbildung der jungen Frau gesteckt, die sich nun in Zeiten von Frankenstärke und Fachkräftemangel bitte rechnen soll. Bleiben die Frauen allzu lange dem Arbeitsleben fern, werden sie später den Wiedereinstieg nur schwer schaffen. Für Frauen ohne privilegierte Berufswahl lohnt sich die sofortige Rückkehr an den Arbeitsplatz gemessen am Verdienst und an den Kosten für die Kinderbetreuung aber finanziell oftmals kaum.

Wie soll eine Mutter diesen moralisch und ökonomisch unterfütterten Ansprüchen gerecht werden? Sie kann es nicht, sondern muss sich darüber hinwegsetzen. Das Bild der intensiv fürsorglichen Mutter hängt geistig irgendwo in der Nachkriegszeit fest und ist so modern wie Stoffwindeln. Eine Frau darf und kann heutzutage zwar alles, wird sie aber Mutter, ist die Gleichstellung nur unter hohen Kosten und mit viel Aufwand möglich.

Den Männern ergeht es nicht viel besser. Die Rolle des Ernährers ist oft die einzige Option. Teilzeitarbeit zu leisten oder Hausmann zu werden, ist für viele mit ihrem eigenen Männerbild nicht vereinbar. Männer, die Teilzeit arbeiten, sind entweder Staatsdiener, selbständig oder Journalisten, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine „richtigen“ Männer, so die landläufige und leider ernsthafte Meinung, der sich nicht selten auch die Frauen anschließen.

Ein weiterer Grund, warum weniger Männer einer Teilzeitarbeit nachgehen, liegt auf der Hand: Sie ist für eine Karriere nicht förderlich. Ein Job mit Verantwortung und Führungsaufgaben lässt sich schwer mit einem Teilzeitpensum vereinbaren. Das ist auch der Grund, weshalb die berufliche Karriere von jungen Müttern oft auf Eis liegt. Zwar sieht nicht jede Frau in der beruflichen Verwirklichung ihr Lebensziel. Dazu soll auch niemand gezwungen sein. Trotzdem wird eine zunehmende Zahl junger Frauen und Männer in die traditionellen Rollenbilder gedrängt. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Dazu gehört, dass Frauen ihre Allmacht im Haushalt und in der Kindererziehung abgeben und die Männer ihren Anteil daran einfordern.

Die Rollenmuster von Mann und Frau halten sich hartnäckig wie eingetrocknete Babyspucke auf dem Wohnzimmerteppich. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil es nun einmal die Frauen sind, die nach der Geburt ausfallen. Ein Konzept, wonach Männer und Frauen auch nach der Geburt eines Kindes gleichberechtigt Kinder betreuen wie auch arbeiten, fehlt noch.

„Alles“ geht – aber nicht ohne Verzicht

Was ist die Lösung? Eine sozialistische „Superstaat“-Lösung wie in Schweden wird in der Schweiz beispielsweise nie mehrheitsfähig sein und ist nicht wünschenswert. Es ist überdies auch nicht mit der hier verankerten Mentalität der Selbstverantwortung für das Privatleben vereinbar. Krippenplätze mit längeren Öffnungszeiten, bessere Tagesstrukturen für Schulkinder, flexiblere Arbeitszeiten – die Liste der Vorschläge ist bekannt. Doch oft scheitern diese Ideen am Unwillen oder an der Überregulierung, die solche Angebote unnötig verteuert. Eine fortschrittlichere Familienpolitik wird unter den neuen Mehrheitsverhältnissen im Parlament zudem keine Priorität genießen.

Alles haben zu wollen, Kind, Karriere und eine intakte Partnerschaft, ist zwar legitim. Gleichzeitig muss sich niemand etwas vormachen: Wer Kinder will, verzichtet zwangsläufig auf etwas anderes: auf Einkommen, Zeit für den Partner, auf Hobbys oder auch auf berufliche Chancen. Müttern und Vätern steht durchaus die Freiheit zu, Kind und Karriere haben zu wollen und beruflich zu hundert Prozent oder mehr eingebunden zu sein. Nur können sie diese Zeit nicht gleichzeitig mit den Kindern verbringen, und jemand anderes muss für die Kinder sorgen – schlechtes Gewissen und verpasste Momente inklusive.

Verfolgen beide eine Karriere, werden die Kinder von einer Hausangestellten oder der Krippe aufgezogen, bleibt jemand zu Hause, verzichtet er oder sie auf die Berufstätigkeit, kann sich dafür den Kindern widmen, was der anderen Seite verwehrt bleibt. Arbeiten beide Teilzeit, verzichten beide auf Karriere, zumindest vorübergehend. Das häufigste Modell jedoch, das „modernisierte bürgerliche Modell“, in dem der Mann zu hundert Prozent und die Frau Teilzeit arbeitet, ist nicht nur steuerlich unvorteilhaft, es belastet die Familie auch sonst über Maßen. Mehr als die Hälfte der Familien in der Schweiz lebt in diesem Modell. Egal wie sich ein Paar organisiert: Es gibt keine perfekte Lösung, sondern nur eine individuelle, die jede Familie für sich finden muss.

Die Mädchen von einst, die heute erwachsen sind, können theoretisch zwar alles werden – vorausgesetzt, sie bekommen selbst keinen Nachwuchs oder finden den richtigen Partner, der ihnen den Rücken freihält. Oder aber sie haben familiären Rückhalt, eine wirklich gute Krippe oder verfügen über genügend Mittel für Hausangestellte. Männer dieser Generation, die ihren Kindern nicht bloß den Gutenachtkuss auf die Stirn drücken wollen, wenn diese schon längst schlafen, müssen sich nach Frauen umsehen, die genauso bereit sind, finanzielle Verantwortung für die Familie zu übernehmen.

Von der Verheißung, alles sei möglich, träumte wohl bereits jede Generation. Bei den heutigen jungen Vätern und Müttern kommt die Ernüchterung allerdings erst spät, nämlich mit der Geburt eines Kindes. „Alles“ geht, aber nicht ohne Verzicht und Abstriche der einen oder anderen Art.