Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Das Elend der Schnullerfee

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.01.2016

Meine jüngere Enkeltochter H., die noch in diesem Jahr in den Kindergarten kommt, will auf ihren Schnuller nicht verzichten. Daher erhält sie von ihrer älteren Schwester E., die noch dieses Jahr in die Volksschule kommt, den altersweisen Rat: H. solle den Schnuller abends vor die Türe legen, damit die Schnullerfee nachts kommen, den Schnuller an sich nehmen und statt seiner ein tolles Geschenk zurücklassen könne.

Der Vorschlag wird von H. mit höchster Besorgnis aufgenommen, ihr Schnuller sitzt ihr im Gesicht, als ob er dort festgewachsen wäre. Ich denke mir mitleidig mein Teil, nämlich, dass auch das zauberhafte Reich der Feen nichts weiter ist als ein verlängerter Arm des Reiches der Zwänge, in dem wir alle zu leben gezwungen sind.

Und während E., weil schon lange schnullerentwöhnt, sich die schönsten Schnullerentwöhnungsgeschenke ausdenkt, habe ich eine pädagogisch geradezu unverantwortliche Schnapsidee: Das schönste Schnullerentwöhnungsgeschenk gäbe doch der schönste überhaupt vorstellbare Schnuller ab, oder? Er sollte morgens vor der Türe liegen! Durch diesen Akt des Widerstandes gegen die pädagogische Ordnungstristesse könnte die Schnullerfee ihrem Feenstatus alle Ehre erweisen.

Aber dann muss ich lachen bei der Vorstellung der elenden Schnullerfee, die über einem ständig anwachsenden Riesenberg abgelutschter Schnuller hin und her flattert – und H. lacht mit, denn sie hat inzwischen ihren Schnuller vor der Schnullerfee in Sicherheit gebracht.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.