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Feminismus

Das Ende der Heuchelei

Meinung / von Barbara Kaufmann / 06.01.2016

Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht bringen seltsame Allianzen hervor. Allerorts werden Stimmen laut, die sich für Frauenrechte starkmachen. Wie ernst kann man sie nehmen?

Vielleicht hatte Camille Paglia doch recht. Als die umstrittene amerikanische Kunsthistorikerin kurz vor Weihnachten dem britischen Magazin Sp!ked ein Interview gab, das Die Welt für ein Porträt nutzte, tat sie das, was sie am besten kann. Sie provozierte, indem sie Grenzen überschritt. Grenzen des guten Geschmacks, des Anstands, des Taktgefühls. Sie verhöhnte eine Studie, in der junge Studentinnen an den Eliteuniversitäten Yale, Cambridge und Harvard in großer Zahl angaben, unerwünschte sexuelle Annäherungen während ihres Studiums erlebt zu haben. 40 Prozent der befragten Frauen fühlten sich belästigt. Das könne nicht stimmen, meinte Paglia und führte zum Beweis an, dass diese Zahl sich nicht mit den polizeilichen Meldungen derartiger Delikte deckte. Wer keine Anzeige macht, kann wohl kaum ernsthaft belästigt worden sein, so ihre Schlussfolgerung.

#WhyISaidNothing

Als Reaktion darauf berichteten Missbrauchsopfer – weibliche und männliche – auf Twitter unter dem Schlagwort #WhyISaidNothing, warum sie niemandem von ihren traumatischen Erlebnissen erzählt hätten. Berührende Schilderungen, die auf drastische Weise vor Augen führten, dass sexueller Missbrauch nach wie vor ein Tabuthema ist. In Familien, in der Arbeitswelt, im Freundeskreis. Unter die sehr persönlichen, bedrückend offenen Berichte mischten sich jedoch immer mehr Stimmen, die den Hashtag nutzten, um die Opfer sexueller Übergriffe zu attackieren. Sie zu verhöhnen, zu beschimpfen, zu diskreditieren. Nach nicht einmal 24 Stunden fanden sich unter #WhyISaidNothing mehr Argumente für das ängstliche Schweigen von Missbrauchsopfern als dagegen. Anzügliche Bilder, Unterstellungen, Vorwürfe, zu lügen, um sich damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu katapultieren. Als würde sich jemand damit brüsten, herabgewürdigt, gedemütigt, missbraucht worden zu sein. Als wäre diese Verletzung der Intimsphäre, die Zerstörung des Vertrauens, die Missachtung des eigenen Willens kein Trauma, das für die Betroffenen oftmals ein Leben lang anhält. Twitter blieb, wie so häufig in solchen Fällen, untätig, obwohl die pöbelnden Profile von Usern gemeldet wurden.

In dem Porträt der Welt gab Camille Paglia noch einen Satz zu Protokoll, der sich einem nach den Vorkommnissen in Köln, angesichts der Reaktion der Politik in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit wieder unwillkürlich ins Gedächtnis zurückruft: Junge Studentinnen“, meinte die 68-jährige Professorin für Medienwissenschaft an der Kunstuniversität in Philadelphia, „die unfähig sind, die lümmelhaften Vergnügungen und Gefahren von Männerpartys auf Universitäten zu meistern, werden kaum darauf vorbereitet sein, in Zukunft Führungspositionen in Politik und Wirtschaft zu erringen.“

Das Recht des Stärkeren

Ratschläge für das Überleben in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren über den Rechtsstaat triumphiert. In der Sex und Gewalt als unveränderliche Komponenten der Machtstrukturen in Politik und Wirtschaft miteinander verbunden sind. In der Männer ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben und Frauen eben damit leben müssen. Schwestern, scheint Paglia sagen zu wollen, ihr werdet sexuell belästigt werden, wenn ihr etwas erreichen wollt. Deal with it!

Der Mann ist in Paglias Gesellschaftsbild kein Partner auf Augenhöhe, kein gleichgestellter Kollege, dem man vertraut, kein Freund, mit dem man sich die Elternkarenz und die Kinderbetreuung teilt. Er ist ein triebgesteuertes Wesen, das seine sexuellen Wünsche rücksichtlos auslebt, ein Täter, dem man ja doch nicht Einhalt gebieten kann.

In der Silvesternacht erlebten etliche Frauen vor dem Kölner Hauptbahnhof in einer Menschenmenge sexuelle Übergriffe, die von ihnen zur Anzeige gebracht wurden. Die Polizei geht zur Stunde davon aus, dass es noch mehr werden könnten. Und in den Nachwehen der Ereignisse schließen sich seltsame Allianzen im Namen der Frauenrechte, mehr von rechts als für Frauen.

Eine Armlänge Abstand

Der Krisenstab der Polizei und die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, haben als Reaktion darauf eine Fülle an Präventionsmaßnahmen präsentiert, damit so etwas gerade hinsichtlich der nahenden Karnevalszeit nicht mehr geschieht. Die Maßnahmen beinhalten einen Katalog an neuen Regelungen und eine Fülle an Verhaltensregeln für junge Frauen und Mädchen. Ratschläge, die etwa auch von Frauennotrufen weitergeben werden oder in Broschüren der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ angeführt sind. Dazu gehören die Empfehlungen, innerhalb der eigenen Gruppe zu bleiben, sich nicht von dieser trennen zu lassen, Umwege in Kauf zu nehmen, anstatt sich in gefährliche Situationen zu begeben. Die Oberbürgermeisterin, die selbst einen Tag vor ihrer Wahl Opfer eines Attentats wurde – ein Rechtsextremer stach ihr auf einem Wochenmarkt mit einem Messer in den Hals – sagte dabei wortwörtlich, es gäbe „immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge beträgt. Also von sich aus gar nicht eine große Nähe zu suchen zu Menschen, die einem fremd sind und zu denen man kein gutes Vertrauensverhältnis hat.“

Ein Zitat, das ihr übel genommen wurde. Wie auch die ausgegebenen Verhaltensregeln bei vielen Frauen den Eindruck auslösten, dass hier eine massive Opfer-Täter-Umkehr stattfindet. Man gibt den Opfern Verhaltensregeln mit auf den Weg, anstatt die Täter zu bestrafen. Man verteilt Ratschläge, anstatt Sicherheit zu vermitteln. Man signalisiert den Frauen, dass sie angesichts der Gefahr sexueller Übergriffe mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind. Deal with it! – würde Camille Paglia sagen.

Hätte sie mit ihrem Zynismus so unrecht?

Die Geschichte des Victim Blaming

Vor nicht einmal 500 Jahren verbrannte man Vergewaltigungsopfer, man steinigte sie, man setzte sie aus. Später verstieß man sie aus der Dorfgemeinschaft, verschiffte sie nach Übersee, verfrachtete sie in Klöster. Noch im letzten Jahrhundert wurde Frauen, die Missbrauch meldeten, meist nicht geglaubt. Sie wurden für die Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, selbst verantwortlich gemacht. Sie galten als gefallene Mädchen, als Unpersonen, die man gesellschaftlich isolierte. Es gab noch keine Gesetze gegen Übergriffe, Missbrauch, sexuelle Gewaltakte. Die folgten viel später.

Erst im Juni 2015 wurde in Österreich beschlossen, dass Cybermobbing und Po-Grapschen strafbar sind. Die vorausgegangene Debatte war an Geschmacklosigkeit und Anzüglichkeiten seitens mancher Politiker und Kolumnisten schwer zu ertragen. Sich offensiv für Frauenrechte einzusetzen, gegen Sexismus und Frauenhass anzuschreiben, bedeutet für Journalistinnen und Journalisten immer noch zumindest ein paar unangenehme Kommentare unter ihrem Artikel in sozialen Netzwerken, im schlimmsten Fall einen Shitstorm samt persönlichen Beschimpfungen, Bedrohungen und bösen Briefen. Mit wenig anderen Themen wird man so sicher zur Zielscheibe von Trollen. Wenig andere Themen erzeugen so viel Hass, Aggression und Verachtung in den Reaktionen. Aktuelles Beispiel: die Berichterstattung über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Schauspieler und Komiker Bill Cosby. Der Tenor der Kommentare in US-Medien wie auch in deutschen Onlineforen: Er hat es nicht getan, er kann es gar nicht getan haben, denn jemand wie er hätte es nicht notwendig. Die Frauen würden nur versuchen, Aufmerksamkeit zu erlangen. Oder Geld. Diesen Unterstellungen folgen meist wüste Beschimpfungen der Opfer. Von männlichen und weiblichen Postern gleichermaßen.

Zoten bringen Quoten

Eine lautstarke Allianz für Frauenrechte quer durch Politik, Wirtschaft und Kunst wäre wünschenswert, notwendig, zeitgemäß. Bloß: Sie existiert (noch) nicht. Kaum ein Politiker positioniert sich öffentlich als Verfechter des Feminismus. Lieber sitzt man in Talkshows und lacht artig über die Zoten von populären Volksmusik-Stars oder greisen Kolumnisten, das bringt mehr Stimmen, als wiederholt die Gewalt gegen Frauen, sexuelle Belästigung und Übergriffe zu thematisieren. Und bei manch einem liegt der Verdacht nahe, dass er sich für das kamerawirksame Schenkelklopfen bei den Witzen über die „Weiberln“ gar nicht so sehr verstellen muss. Ja, es braucht einen breiten gesellschaftlichen Konsens bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, bei der Ächtung von Übergriffen gegen sie. Es braucht mehr Sensibilität im Umgang mit Gewaltopfern. Es braucht ein Ende der Heuchelei, die sich bei Ereignissen wie der Silvesternacht in Köln immer einstellt. Die Betroffenheit der Politik entpuppt sich sehr schnell als reines Lippenbekenntnis, das bei konkreten Maßnahmen zur Gleichstellung der Frau ebenso rasch wieder vergessen ist. 

Hinter Frauenhass verbirgt sich nur eine Kultur: Es ist die Kultur der Respektlosigkeit, die universelle Sprache der Missachtung, die quer durch alle Gesellschaftsschichten und Kontinente noch immer in viel zu vielen Wirtshäusern, Aufsichtsratszimmern und Wohnzimmern gesprochen wird. Sie muss verstummen. Weil der Gesellschaftsentwurf von Camille Paglia nicht zukunftstauglich ist. Weil wir kein Untereinander, kein Gegeneinander, sondern ein gleichgestelltes, respektvolles Miteinander wollen. Deal with it!