Peter Strasser

Morgengrauen

Das fehlende Barmherzigkeitsherz

Gastkommentar / von Peter Strasser / 21.04.2016

Ding-dong, E-Mail zu früher Stunde: „Sehr geehrter Herr Professor …“ Ich war aber schon zeitig beim Bäcker, wo einer, der einst Bettler sein durfte, gleich neben der Türe steht, und sich nun – wegen irgendeines Betteleigesetzes – als Zeitschriftenverkäufer platzieren muss. Niemand will seine Zeitschrift namens Global, ich auch nicht.

Das erst macht den Bettler elend. Er soll sich als „würdig“ erweisen, also ist er Dienstleister. Wie immer drückte ich ihm rasch ein Geldstück in die Hand, auf eine diffuse Weise verlegen. Er lächelte mich an. Ja, er versteht meine Verlegenheit, und das beschämt mich umso mehr. Dann wieder zu Hause. Ding-dong: „Sehr geehrter Herr Professor, in der katholischen Welt wird 2016 das Jahr der Barmherzigkeit begangen. Deshalb komme ich mit der Anfrage zu Ihnen: Können Sie uns einen kleinen Essay zum Thema ‚Barmherzigkeit‘ schreiben?“

Ich sage sofort zu. Denn gerade war mir beim Bäcker etwas widerfahren, was dem Zeitgeist unserer Zeit geschuldet ist: Wir geizen nicht mit Freigebigkeit, wir sind karitativ gesonnen und sozialstaatlich hochmunitioniert; doch die Empfänger unserer Wohltätigkeit müssen sich, im Dankbarkeitsgegenzug, als „würdig“ erweisen. Nicht wahr? Das ist unser humanitäres Drohfragezeichen. Und uns entgeht, dass wir im Begriffe sind, unser Bestes zu opfern. Denn erst die Bereitschaft, uns der Elenden ohne Ansehen ihrer Würdigkeit zu erbarmen, macht uns wahrhaft zu Mitmenschen. Unserer Humanität fehlt das Barmherzigkeitsherz.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).