Morgengrauen

Das Gleichnis vom Gleichnis!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 20.09.2016

Wer sagte, dass alles ein Gleichnis sei? Oder hat das gar keiner gesagt, der zum Kanon der Weltweisen gehört? Habe ich das soeben erfunden, weil ich aus dem Fenster blicke und alles zum Gleichnis geworden ist?

Der Nebel ist ein Gleichnis und auch die Lichtauren von der Straße her. Der fadenscheinige Umriss der Kirche neben der jetzt zugenebelten Ausfahrtsstraße ist ein Gleichnis, und so auch die da und dort aus dem Nebel übernächtig auftauchenden Bäume, welche ihr leichenblasses Geäst in einen Himmel recken, der gar nicht da zu sein scheint. Und die Orchidee, die auf dem Fensterbrett ihre blütenweißen Rispen hellglänzend ausbreitet – auch sie ein Gleichnis (und was für eines!). Es gibt diesen Morgen: Du stehst am Fenster und schaust in das Draußen, und alles ist zum Gleichnis geworden. „Das Draußen“, Gleichnis!

Und während du noch ganz berauscht bist von der Gleichnishaftigkeit der Dinge, beginnt sich dein unruhiges Herz zu fragen, wovon deine Welt rundum, summa summarum, denn nun ein Gleichnis sei. Ein Gleichnis wofür? Und weil im Hintergrund gerade die Milch, die du erhitzt, zischend überläuft (nicht ohne einen widerlichen Geruch abzusondern und zähe Bläschen auf der Herdplatte zu hinterlassen), mischt sich in die Zaubermenagerie der Dinge, die an diesem nebligen Morgen tiefinnerlich „für etwas“ zu stehen scheinen, dein analytischer Verstand: Wenn alles ein Gleichnis ist, dann ist keines eines! Für diese Einsicht bist du der übergelaufenen Milch dankbar.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.